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Paul Auster Biographie

Im Winter seines Lebens

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In Paul Austers wunderbarer Autobiografie „Winterjournal“ spielt sein Körper die Hauptrolle - Was hier nicht zu kurz kommt, sind Ereignisse wie das Niesen, der Schluckauf, das Tanzen - kurzum Körpergefühle, die uns immer begleiten.

In Paul Austers wunderbarer Autobiografie „Winterjournal“ spielt sein Körper die Hauptrolle - Was hier nicht zu kurz kommt, sind Ereignisse wie das Niesen, der Schluckauf, das Tanzen - kurzum Körpergefühle, die uns immer begleiten.

Wie denkt man normalerweise über sich nach? Die Antwort ist einfach: gar nicht. Das Denken ähnelt darin dem Sehen. Wir sehen Millionen Dinge pro Tag, vergleichsweise selten aber uns selbst. Die Hände ab und zu, die Beine, wenn wir sitzend nach unten schauen, nie aber das Gesicht, es sei denn, wir benutzten den Spiegel als Hilfsmittel.

Auch wenn Menschen ihre Lebensgeschichte schreiben, erzählen sie diese in der Regel anhand dessen, was sie erlebt haben. Sie stehen zwar im Mittelpunkt des Berichts, aber genau deshalb sind sie selbst nicht im Blick. Man erfährt, was in ihren Gesichtskreis getreten ist, sieht mit ihren Augen, wie und wo die Zeit vergeht, aber sie selbst bleiben in der Ich-Perspektive weitgehend unsichtbar. Das Ich sind die Anderen.

Ein „Inventar der Narben“

Dem amerikanischen Autor Paul Auster war das nicht genug, und so kam er auf die Idee, in seiner unter dem Titel „Winterjournal“ erschienenen Autobiografie die eigene Geschichte als die seines Körpers zu erzählen. Sie beispielsweise als ein „Inventar der Narben“ anzulegen, die er sich zugezogen hat, oder sich der Körpergefühle zu erinnern, die ihn als Kind bestimmt haben. Er erzählt vom Stolz auf ein siegreiches Baseballspiel und vom Trauerspiel schwindender Kräfte, von Zuständen schwerelosen Wohlbehagens bis zu häufig wiederkehrenden Schwindelanfällen. Was hier nicht zu kurz kommt, sind Ereignisse wie das Niesen, der Schluckauf, das Tanzen, der schlechte Orientierungssinn, ein quälendes Furunkel, das Glück des Gehens, der Sex natürlich.

Um sich also gegenständlich in den Blick zu nehmen, bedient sich Auster eines einfachen Tricks: Er redet sich, beginnend gleich mit dem ersten Satz („Du denkst, das wird dir niemals passieren...“), konsequent mit Du an. Als Objekt der eigenen Anschauung wie vor sich hingestellt, ist Auster nun Betrachter und Betrachteter in einer Person: „Du bist zehn Jahre alt, und die Hochsommerluft ist drückend warm, so furchtbar schwül, dass dir, während du nur im Schatten der Bäume im Garten sitzt, der Schweiß auf die Stirn tritt.“

Der Leser gewöhnt sich rasch an die Enteignung des Du, das ja eigentlich ihm vorbehalten ist, und hört nach einiger Zeit auf, sich ständig angesprochen zu fühlen. Stattdessen wohnt er mit wachsender Anteilnahme der Selbstbetrachtung des Autors bei, der vor dem literarischen Spiegel sitzend virtuos zwischen Kindheit, Jugend und Alter (Auster ist 64) hin und her springt.

Verhängnisvolle Contenance

Nun kann man sagen: Eitler geht’s ja wohl nicht. Aber erstens ist ohne Eitelkeit kaum eine Biografie denkbar und zweitens hat die Selbstbeschau des Körpers einen Haken. Sie fällt nicht immer positiv aus. Im Gegenteil. Austers Körper, wenn auch bis heute nicht schlecht trainiert, ist nicht der eines Helden. Er kränkelt, verschluckt sich, passt im entscheidenden Augenblick nicht auf. Auster baut einen Verkehrsunfall; seine Frau muss aus dem Wrack herausgeschnitten werden. Danach traut er sich das Autofahren nicht mehr zu.

Auster neigt zu Magenkrämpfen; Ängste, die er rational nicht bewältigen kann, wollen seinen Magen geradezu „in Stücke reißen“: „Das ist die wiederkehrende Geschichte deines Lebens. Wann immer du an eine Weggabelung kommst, bricht dein Körper zusammen, denn dein Körper hat schon immer gewusst, was dein Kopf nicht weiß, und wie er auch zusammenbrechen mag, ob in Form von Drüsenfieber, Gastritis oder Panikattacken, hat er immer die Hauptlast deiner Ängste und inneren Kämpfe getragen und die Schläge eingesteckt, die dein Kopf auszuhalten nicht bereit oder imstande ist.“

Die Ignoranz des Kopfes liefert den Grund, sich rückblickend auf den Körper zu konzentrieren. Natürlich geht das nicht ohne den Kopf, es ist vielmehr die Scham, die in die Schranken verwiesen werden muss. Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas hat in dem Buch „Der eigene Tod“ seinen Herzanfall beschrieben. Er erlitt ihn in einem Caféhaus und schämte sich für sein Ausfallen so, dass er sich, statt den Kellner um Hilfe zu bitten, möglichst unauffällig nach draußen stahl, um andernorts zusammenzubrechen.

Von so verhängnisvoller Contenance ist Auster nicht. Es wäre verwegen zu behaupten, er erspare dem Leser nichts. Aber es gibt doch einiges, was diesem zugemutet wird, übrigens immer in eleganter Diktion. Es gibt Tripper, dann Filzläuse: „Als du endlich mal hinsahst, um festzustellen, was da los war, erblicktest du zu deiner Verblüffung ein Bataillon winziger Krabben – sie sahen genauso aus wie Krabben im Meer, nur viel kleiner, nicht größer als Marienkäfer.“

Wärme und Klugheit im Winter des Lebens

Auster, in seinen Romanen nicht immer brillant, erzählt hier wunderbar assoziativ, ohne dabei wüst auszufransen. Von den Marienkäfern kommt er auf die Wunder des Frühlings und des Sommers, die er als Kind auf dem Bauch im Gras liegend beobachtete, und von dort auf seinen ersten echten Freund, Billy, den nur er verstehen konnte. „Die Wörter schienen in seinem von Speichel überfließenden Mund zu versinken.“ Von Billy kommt er auf die behinderten Kinder in seiner Klasse, ohne die „du nur ein lückenhaftes Verständnis hättest von dem, was es heißt, ein Mensch zu sein“, ohne die „es dir an Tiefe und Mitgefühl, an jeglicher Einsicht in die Metaphysik von Schmerz und Unglück fehlen würde, denn diese Kinder waren die Heldenhaften, sie waren es, die sich zehnmal so viel anstrengen mussten wie allen anderen, um einen Platz zu finden“.

Schwäche und Heldentum liegen eng beieinander. Es ist kein Wunder, dass diese Einsicht im Alter kommt. „Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten“, erkennt Auster. Die klare Einsicht in den Abstieg verleiht dem Buch eine Wärme und Klugheit, die man ihm in dieser Kombination nicht zugetraut hätte. Über viele Zeilen, einmal über eine ganze Seite hinweg, schwingen sich mühelos die Sätze, von Werner Schmitz wunderbar übersetzt. Sie sind leicht zu lesen, weil sie auf Beispiele, Ergänzungen und Aufzählungen hinaus wollen, nicht aufs Verschachteln. Der Wiederholung und der Serie gewinnen sie melancholischen Reiz ab. In einer langen Passage zählt Auster die Wohnungen auf, in denen sein Körper Zuflucht und Ruhe suchte; gibt Domizil für Domizil einen Abriss seines in langer Ehe geruhsamer werdenden Lebens.

Bilanzieren und Summieren. Auster zählt auf, was die Hände alles getan haben, und er zählt auf, was er an Süßigkeiten alles gegessen hat. „Eis war der Tabak deiner Jugend.“ Wer solche Wonnen gering schätzt, wird sich am Ende seines Lebens noch wundern. Glücklich der, der als Greis noch von einer Leibspeise reden kann. Und so endet diese Bilanz eines Lebens mit einem verwegenen Plan für die Zukunft. Bei dem französischen Essayisten Joseph Joubert findet Auster den Satz „Man muss liebenswert sterben (wenn man kann)“. Vermutlich, so Auster, kann ein Mensch nichts Größeres leisten.

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