Was ist Wind?

Mal burschikos, mal sentimental: Ein Roman aus dem Fundus der deutsch-deutschen Erinnerung

Von xpeko

Da hat sich die Autorin nicht lumpen lassen. Also thematisch. Denn: Kein prominentes Motiv deutsch-deutscher Erinnerungsliteratur fehlt in diesem Buch, in dem ein eher schmales Ich anlässlich der Flucht aus der DDR die knapp ersten drei Jahrzehnte eines Lebens rekapituliert. Sie, 1960 geboren und in Dresden aufgewachsen. Das zweite Kind nach einer im Säuglingsalter gestorbenen Schwester, die im Herzen der Mutter weiterhin den ersten Platz einnimmt. Von den Mitschülern als Hexe verspottet und ohne Freunde eigentlich. Jahrelanger Missbrauch und Misshandlung durch den ohnehin promiskuitiven Vater. Die Mutter: duldend. Alle Anderen: wegschauend.

Käfer und Salamander im Erdloch, der Vater ein Stasi-Agent

Das Mädchen verkriecht sich im großmütterlichen Garten in einem Erdloch und zerbeißt Käfer und Salamander. Später geht sie klauen, bevor sie im Internat mit Laufen beginnt und irgendwann in die Sportschule kommt, DDR-Sportschule. Der gewalttätige Vater, neben seinen sexuellen Obsessionen auch Stasi-Agent im westlichen Ausland, jaha. Und der Großvater mütterlicherseits gegen Ende des Buches schnell noch ein Nazifunktionär und Reichskommissar in Riga.

Nur eine Woche braucht die Ich-Erzählerin, um während einer Lettlandreise den fest gefügten Mythos von den glamourösen Kindheitsjahren ihrer Mutter zu zerstören. Kaum kommt sie in Riga an, spielen ihr die richtigen Leute auch schon die richtigen Hinweise zu, Wahnsinn. Naja, jetzt auf jeden Fall Flucht nach vorn, das heißt nach Westen, über Ungarn, im Sommer 1989 natürlich, damit dieses bisherige Leben in jeder Hinsicht ein fehlgetaktetes bleibt, wobei der Schmerzensreichtum auch irgendwie prototypisch sein soll. Jedenfalls kleben, von den Salamandern abgesehen, die bedeutungsvoll anmoderierten Bilder dieser Kindheit und Jugend längst allesamt im Stickeralbum DDR: Timur und sein Trupp, der Weltraumhund Laika und die Zeitschrift Frösi, ebenso das angeblich beständige Starren aller auf die Mauer, das Reden über den Mangel oder das alkoholfreudige Feiern mit Nachbarn und Verwandten.

Die ebenfalls 1960 in Dresden geborene Autorin Ines Geipel war selbst auf der Sportschule und ist im Sommer 1989 aus der DDR geflohen. Schon in Das Heft (1999) verarbeitete sie in Teilen ihre eigene Internatszeit, einen zweiten Roman widmete sie vor zwei Jahren dem Amoklauf des Robert Steinhäuser in Erfurt. Dokufiktives demnach, gleichwohl Literatur, und da ist es eine einerseits zwar durchaus anrührende, andererseits in ihrer strammen Gerichtetheit auch eintönige Angelegenheit, dass die Hauptfigur nach drei durchlittenen Jahrzehnten und einigen bedenkenträgerischen Tagen in Budapest schließlich den Spurt über die grüne Grenze wagt. Etwas, worauf sie, dort bleibend, hätte aufbauen können, gab es nicht. Selbst ein gewisser Bo, dessen in Budapest reichlich gedacht wird und der innerlich unentwegt mit "Liebster" angesprochen wird, hatte sich als hemmungsloser Fremdgänger entpuppt.

Trotzdem muss die Erzählerin, das ist verständlich, allen Abschiedsmut zusammennehmen, um auf Seite 202 (von 203) schlussgültig sagen zu können: "Ich will nur eins: Ich will gehen. Um mein Leben zu leben. Nichts weiter." Es ist nur so - eine westdeutsche Margarinewerbung hätte es nicht besser ausdrücken können. Will sagen: die Elendsdichte sowie das Plakative sind wahrscheinlich nur Folgeprobleme dieses Romans. Vor allem mangelt es an der Sprache. Oder es gibt wiederum zu viel davon. Denn Geipel schwankt und schwurbelt im Stil, tönt mal burschikos, mal sentimental, versucht sich im Philosophischen oder in der Stilisierung, fällt wieder ins Bekenntnishafte und drängt unerschrocken in die Poesie.

Da fängt das Universum an zu "murmeln", die "Sterne rascheln", die Mutter wird notorisch "die kleine, stille Frau" genannt, der Vater "der nicht anders könnende Mann". Selbst am Ende des dreigeteilten Romans, wenn sich die Erzählung der Flucht (Teil eins) mit der Geschichte des bisherigen Lebens (Teil zwei) auf durchaus spannende Weise verschränkt und in die tatsächliche Grenzüberwindung mündet, bleibt das Gefühl, es letztlich mit einem abgezirkelten Schreib- beziehungsweise Kreativwerkstatt-Produkt zu tun zu haben.

Bedrückende Atmosphäre von spätsommerlicher Klammheit

Hier eine Augenblickserfahrung ("Auf der Höhe. Obwohl der Körper auf den Tiefststand absackt, auf dem toten Punkt ist. Als würden der obere und der untere Teil auseinander streben…"), dort eine kleine Fantasie ("Warum nicht die australischen Barramundis begrüßen, den schutzlosen Kiwis Flügel verleihen?"), geerdet durch Sachliches ("Nein, man löst sich nicht auf, man verschwindet auch nicht.") und dann, wie beiläufig, das höhere Erleben ("Meine Hände bekommen den Wind zu fassen, der über der Höhe kreiselt.").

Nicht dass es gar nichts funktionierend Atmosphärisches gäbe in diesem Buch. Da ist eine spätsommerliche Klammheit in den Passagen im Dresdner Zuhause oben, auf der Höhe, im "Weißen Hirsch", und zuweilen eine schöne Lakonik in der Erzählung realsozialistischer Abläufe. Aber Ines Geipel zielt an dem, was ehrlich sein könnte, immer wieder vorbei ins Allumfassende, Letztgültige und Bedeutungshubernde.

"Was ist Wind?", wird gefragt, nachdem 200 Seiten lang aus der Vowurfshaltung heraus von der Familie die Rede war, ohne dass auch nur eines der Mitglieder anders als schemenhaft sichtbar geworden wäre. "Was ist Wind?", wenn ein knapp dreißigjähriges Leben mit schwerem Kopfwiegen nur als Zugetriebenwerden auf diese Flucht erzählt wurde und man noch nicht einmal weiß, was denn eigentlich der Alltag war. "Was ist Wind?" Tja. Das sind dann halt so Fragen.

Ines Geipel: "Heimspiel." Roman. Rowohlt Verlag, Berlin 2005, 203 Seiten, 16,90 Euro.

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