+
Ali Mitgutsch mit großformatigem Gewimmel.

Wimmelbücher

Es wimmelt bei Ali Mitgutsch

Der Erfinder der Wimmelbücher wird 80 Jahre alt. Ali Mitgutsch missachtet den Blick von oben und ermöglicht den Betrachtern Einblicke in eine Welt voller Details.

Von Cornelia Geissler

Ein Kind schlägt eine Seite auf und ist gleich mittendrin. Es steht auf dem Marktplatz der Stadt, am Hafen zwischen den Schiffen oder auf der Wiese neben vielen Tieren. Und dann ist da diese Frau mit dem seltsamen Hut, daneben schiebt ein Mann einen Kugelbauch vor sich her, ein anderer balanciert auf einer Leiter, dort wartet ein Mädchen mit den bunten Schleifen, hier schaukelt das Boot mit den Wimpeln und die Katze sträubt sich vor dem Hund. Aber was ist das für eine große Maschine? Die Bilderbücher von Ali Mitgutsch umarmen den Betrachter mit Eindrücken. In jeder Ecke passiert etwas, jedes Fleckchen lebt.

Man kann diese Bücher nicht lesen im Buchstabensinn, doch erzählen sie so viel wie ein Buch mit Geschichten aus Wörtern. Und so, wie sich beim Lesen der Film im Kopf des Lesers entwickelt, kann sich auch beim Betrachten der Wimmelbücher eine Handlung in der Stadt oder auf dem Dorf im Kopf zusammensetzen. Man muss sich nur die Zeit nehmen und mit den Augen einem selbst gewählten Weg folgen. Kinder haben noch diese Zeit.

Auf dem ersten Blick ist alles gleich wichtig und wimmelig. Denn Mitgutsch missachtet beim Blick von oben aufs Geschehen im Schwimmbad oder in den Kindergarten, aufs Piratenschiff oder ins Gebirge die Regeln der Perspektive. Manche Kinder beginnen zuerst zu zählen, denn es ist alles da: Bagger, Fahrräder, Tiere, Harken, Eisenbahnen, Jungs, Mädchen – oh, es sind mehr Jungs als Mädchen, das wurde ihm in den achtziger Jahren angekreidet. Manchmal hat man ihm auch vorgeworfen, eine heile Welt zu malen, doch im Detail ist sie so heil nicht, da wird geprügelt und gestoßen, da fallen Eimer um oder aus der Höhe runter, ein Auto fährt auf ein anderes drauf.

Er hatte was erfunden

Ali Mitgutsch wurde am 21. August 1935 in München geboren, ist ausgebildeter Lithograf, studierte an der Grafischen Akademie in München. Er hat eigentlich immer Kinderbücher gestaltet, für einige auch geschrieben. 1968 erschien mit „Rundherum in meiner Stadt“ Mitgutschs erstes wortloses Bilderbuch der wimmligen Art, er erhielt dafür gleich den Deutschen Jugendbuchpreis. Es war etwas Neues, was er da erfunden hatte, zumindest für den deutschsprachigen Raum.

Zwei Jahre später erschien „Bei uns im Dorf“. Es folgten noch mehr als 70 Titel, mal mit großen Überblicksthemen, mal nur einem ganz kleinen Ausschnitt der Welt gewidmet. Auch die Bücher sind mal hosentaschenklein oder so groß, dass man sie nur auf dem Fußboden betrachten kann. Ravensburger, sein Hausverlag, legte gerade das fast zwei Meter lange Leporello „Mein großes Spiel-Panorama“ noch einmal auf.

Heute wirken die farbigen Bilderlandschaften in ihrer naiven Maltechnik, die alles möglichst naturgetreu zeigt, etwas altmodisch. Mit der Such-Buchreihe „Wo ist Walter?“ von Martin Handford und dem Wimmlingen der Zeichnerin Rotraut Susanne Berner erschienen längst auch freiere, frechere Varianten. In diesem Jahr brachte sogar der fantasievolle Fotograf Jan von Holleben ein Suchbuch mit echten Menschen heraus: „Konrad Wimmel ist da“. Dennoch hat Mitgutsch erst diesen neuen Formen den Weg bereitet.

Zu seinem 80. Geburtstag erzählte er dem Autor Ingmar Gregorzewski seine eigene Geschichte, der machte ein Buch daraus: „Herzanzünder. Mein Leben als Kind“. Und so wie viele erfolgreiche Kinderbuchautoren frühe Kränkungen erlitten, waren auch für Ali (Alfons) Mitgutsch die ersten Jahre nicht einfach. Während des Zweiten Weltkriegs evakuiert, wurde er im Allgäu als Stadtkind gehänselt. Auch war er Legastheniker, was ihm das Zeichnen weitaus sympathischer machte als das Schreiben. Zum Glück.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion