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In Argentinien unterwegs.
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In Argentinien unterwegs.

Selva Almada "Sengender Wind"

Willkommen in der Hölle

Selva Almadas Debütroman „Sengender Wind“ bringt den Glauben zurück in die argentinische Wüste mit einem eindringlichen Prediger.

Von Sonja Stöhr

Auf dem Weg zu seinen Schäfchen bleibt der Wagen von Reverend Pearson und seiner „Leni“ genannten Tochter Elena liegen. Während die 16-Jährige das Unglück hat kommen sehen, vertraut ihr Vater einmal mehr auf göttlichen Beistand und wird schließlich dank eines Brummifahrers aus der Gluthitze erlöst. Der Samariter schleppt das Duo samt Auto zur Werkstatt von Gringo Brauer und dessen jungem Lehrling Tapioca. Der Wanderprediger entdeckt in dem Jugendlichen einen Rohdiamanten, der für die Lehre Christi empfänglich scheint.

Es ist der Auftakt zu einem etwas anderen Kammerspiel, das sich inmitten des argentinischen Teils des Gran Chaco, einer wüstenähnlichen Landschaft, abspielt – und an dessen Ende sich das Leben der Beteiligten grundlegend verändert haben wird.

Zehn Jahre nach der argentinischen Wirtschaftskrise dient die öde, heiße Savannenlandschaft Selva Almada in ihrem Debütroman „Sengender Wind“ als Schauplatz für die Konfrontation zweier Väter mit sich und der Welt. Beide haben den Kontakt zu ihren Kindern nahezu verloren, beide haben konträre Ansichten vom Leben im Hier und Jetzt, beide buhlen auf unterschiedliche Art und Weise um die Gunst eines naiven Jungen.

Der vierschrötige Mechaniker Brauer kann sich seinem Sohn nur nähern, wenn er ihn durch die Brille des Meisters als Lehrling betrachtet. Nur Leni fällt die Verwandtschaft der beiden auf, als sie in alten Fotos stöbert. Fotos, wie sie sie gerne hätte, um sich an ihre Mutter erinnern zu können, die der Vater eines Tages am Straßenrand abgesetzt und verlassen hat.

Es ist einer der Gründe, warum das Verhältnis zwischen Pearson und seiner Tochter so schwierig ist. Wenn er ihr seine väterliche Zuneigung zeigen möchte, kann er das nur durch die Liebe Jesu für das Kind ausdrücken. Doch Elena hat für sein unerschütterliches Gottvertrauen nur Verachtung übrig, auch wenn sie sich der charismatischen Strahlkraft seiner Predigten nicht gänzlich entziehen kann und auf Erlösung hofft.

Von welchem Glauben ist hier die Rede? Bei der Einordnung von Pearsons Konfessionszugehörigkeit hält sich die Autorin bedeckt. Vielleicht mögen einheimische Leser sofort die Verbindung zu den Gemeinden herstellen, die er leidenschaftlich bekehren und vom Einfluss von Dämonen fernhalten möchte. Fest steht: In der Katholikenhochburg Argentinien gewinnen seit Jahrzehnten protestantische Kirchen an Bedeutung. Pearson reist gezielt in die Landesteile, die vom Einfluss der Kirchen bisher unberührt blieben. Dort, wo Almada die biblischen Botschaften des Pastors wiedergibt und sein Gebaren auf den Bühnen schildert, erinnert Pearson an einen Evangelikalen, wie sie in Nordamerika und auch hierzulande des Öfteren im Fernsehen zu sehen sind: einnehmend, charismatisch, eindringlich, ein Werkzeug Gottes im Kampf gegen den Teufel, jemand, der sich und den Glauben einer Menschenmenge verkaufen kann. Felsenfest ist er von sich und seinem Werk überzeugt, führt an Exorzismen erinnernde Rituale an Gemeindemitgliedern durch und will nun Tapiocas Geist nach dem Willen Christi formen. Dabei nimmt sein Eifer den eines Apokalyptikers an, und er sieht sich „als der Wind, der das Feuer anfacht, das die Welt mit Jesu Liebe versengt“.

Ganz anders ist hingegen Brauer, der Tapioca ein Verständnis für die Naturgewalten mitgeben möchte, die den Gran Chaco maßgeblich prägen. Religion ist seiner Ansicht nach nur dazu da, um „sich vor der Verantwortung zu drücken“, die durch eigenes Handeln entsteht.

Pearson bleibt über 128 Seiten hinweg ein Unsympath, der das Unwissen eines beeinflussbaren Jungen ausnutzt und vielleicht in ihm das Kind sieht, das er in Leni nicht haben kann. So verheißungsvoll das Land jenseits der Ödnis in seinen Worten klingt, so abstrakt und wundergleich bleibt es für Tapioca. Am Ende gelingt es der Autorin, einen Schnappschuss aus einem gottverlassenen Flecken Argentiniens zu präsentieren, dessen Zukunft genauso ungewiss erscheint wie die der beiden Jugendlichen, die mit den Reverend ins Unbekannte aufbrechen.

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