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William Melvin Kelley wollte nach der Ermordung von Malcolm X die USA unbedingt verlassen.

Roman

William Melvin Kelley „Ein anderer Takt“: Sie müssen es tun

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William Melvin Kelleys wiederentdeckter Roman „Ein anderer Takt“ erzählt von Rassismus und sagenhaftem Widerstand.

Gewaltige Dinge passieren in William Melvin Kelleys Roman „Ein anderer Takt“, Dinge, die das Zeug haben, Menschen zur Legende werden zu lassen. Ein riesenhafter Afrikaner zerbricht, kaum haben Dutzende Matrosen ihn vom Sklavenschiff geholt, seine Ketten, „an die dreihundert Pfund“ sind sie schwer, er verschwindet trotzdem damit in Wald und Sümpfen. Sein kleines Kind und einen Ortskundigen trägt er außerdem durch Schlick und Nacht. Letzterer wird ihn bald darauf verraten. Aber da ist ja noch das Kind, bedeutungsschwerer Familienname Caliban (wer auch immer ihn der Waise gegeben hat), nach dem versklavten, misshandelten „Wilden“ in Shakespeares Sturm.

Dann ist es 1957 und ein Nachfahre des Riesen – der Abkömmling Tucker Caliban, klein und zart wie ein Junge – stößt einen Exodus an wie den der Israeliten aus Ägypten. Ein Jahr zuvor hat Tucker ein Stück Land gekauft, genau dort, wo seine Sklaven-Ahnen schufteten, nun streut er, der doch allen immer so ruhig und umsichtig erschien, Steinsalz in die Ackerfurchen, „als würde er aussäen“, erschießt die holzbraune Kuh, brennt sein Haus nieder, „als wären die weißen Männer gar nicht vorhanden“. Er und seine hochschwangere Frau Bethrah lehnen Hilfe ab: „Wir müssen das hier selbst tun“, sagt sie.

William Melvin Kelley, geboren 1937 auf Staten Island, gestorben 2017 in New York City.

In der Folge der Calibans gehen – ohne Verheerungen zu hinterlassen – sämtliche Schwarze des fiktiven US-Staates „im tiefen Süden“ zwischen Tennessee, Alabama, Mississippi und dem Golf von Mexiko. Sie gehen, geduldig an Bushaltestellen und auf Bahnhöfen wartend, nehmen nur wenig mit und bemühen sich, „keine Erinnerung zu hinterlassen“.

Es war gewiss nicht so, dass William Melvin Kelley, geboren 1937 auf Staten Island, gestorben 2017 in New York City, nicht erinnert werden wollte. Aber man vergaß ihn fast komplett; und er bzw. sein Werk musste von der Journalistin Kathryn Schulz gleichsam in einem Schuppen wiederentdeckt werden, in dem es Anglerausrüstung, Rostschutzfarbe, alte Nummernschilder, Austernzangen und Bücher für einen Dollar das Stück gab: Zufällig zog Schulz eine Erstausgabe von Langston Hughes’ „Ask Your Mama“ heraus, darin „Gewidmet William Kelley – Bei Ihrem ersten Besuch in meinem Haus – willkommen!“ Sie fragte sich, wer dieser William Kelley gewesen sein mochte.

William Melvin Kelley: Ein anderer Takt. A. d. Engl. v. Dirk van Gunsteren. Hoffmann und Campe 2019. 304 S., 22 Euro.

Sie fand heraus: ein höchst eigenwilliger, aber auch politischer Schreiber, der nach der Ermordung von Malcolm X und dem zweifelhaften Urteil im Mordprozess „die Plantage“, also die USA, unbedingt verlassen wollte. Der 1967 nach Paris ging, einige Jahre später nach Jamaika. In Paris erschien „dem“ (sic), Kelleys dritter Roman, 1970 sein vierter und zugleich letzter, „Dunfords Travels Everywheres“, der von James Joyces „Finnegans Wake“ inspiriert ist. Danach kamen Essays, Kurzgeschichten, und Kelley unterrichtete, zurück in den USA, kreatives Schreiben.

Im vergangenen Jahr erregte eine Neuauflage von „A Different Drummer“ (so der Originaltitel nach einem Zitat Thoreaus) in der englischsprachigen Welt, besonders in den USA Aufsehen. Nun versucht es Hoffmann und Campe mit einer feinen Übersetzung Dirk van Gunsterens. Er wahrt die Sprache der Zeit, „negroes“ wird also „Neger“ und „Nigger“ ist das Wort der Verachtung. Harry Leland erklärt seinem achtjährigen Sohn Harold, der „Nigger“ gesagt hat, obwohl er das ausdrücklich nicht darf: „Eines Tages, wenn du so alt bist wie ich jetzt, ist das Leben vielleicht nicht mehr so, wie es jetzt ist, und darauf musst du vorbereitet sein. Wenn du dann so bist wie einige meiner Freunde, wirst du mit allen möglichen Leuten nicht auskommen können.“ Was der anständige Harry Leland, der Tucker Caliban seinen Freund nennt, nicht voraussehen kann: dass so viele neue Rassisten mit gar niemandem auskommen wollen. Und schnitten sie sich auch ins eigene Fleisch.

Fabelhaft, sich fabelhaft auch in die aktuelle Diskussion um Migranten spiegelnd, ist Kelleys Erfindung eines Aufstandes, einer „Selbstentzündung“, eines „strategischen Rückzugs“, der radikal Arbeitskräfte wie Kaufkraft abzieht. „Gut, dass wir die von der Backe haben“, sagt einer der Weißen, die sich auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft in Sutton treffen. Dann dämmert einem anderen: „Dafür haben wir vielleicht gar nicht genug Leute. Das hab ich in Wirtschaftskunde gelernt.“ Man wischt den Einwand weg, trinkt auf Arbeit und Land, die es jetzt im Überfluss geben wird, da kommt in einer Limousine mit Chauffeur ein Schwarzer vorbei, sie stoppen ihn, zerren ihn heraus. Schrecklich endet „Ein anderer Takt“, gerade weil Kelley nur andeutet, weil er den kleinen Harold von fern das Lachen der Männer hören und glauben lässt, es handele sich um ein Familienfest mit Popcorn und Limonade.

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