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Ihr Wille geschehe

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Auf der Stadtmauer von Essaouira, den Atlantik im Blick.
Auf der Stadtmauer von Essaouira, den Atlantik im Blick. © Lucy Nicholson/rtr

Ein rettungsbedürftiger Deutscher, eine königinnenhafte Marokkanerin und vieles mehr: Martin Mosebach kommt in „Mogador“ ins opulent orientalisierende Erzählen.

Mogador“, der neue Roman des Frankfurter Georg-Büchner-Preisträgers Martin Mosebach, operiert ganz fidel mit derartigen Stereotypen, dass man nur verblüfft sein kann, wie fabelhaft das Ergebnis ist und wie individuell das Personal. Einander gegenübergestellt wird einerseits West-Östliches – bei dem es sich geografisch wie so oft um Nord-Südliches handelt –, andererseits das Männlich-Weibliche.

Aus Deutschland kommt der fleißige Finanzberater in leitender Position. „Er nutzte Zeitrestchen wie ein Lumpensammler, der beim Stochern im Mist nur Verwertbares findet.“ In Marokko gerät er unter Menschen, bei denen es meistens (immer) etwas länger dauert, für ihn gewöhnungsbedürftig, aber offenbar eine Frage des Kulturkreises: „Diese Menschen waren zum Warten disponiert. Sie saßen ein Leben lang am Ufer der vorbeirauschenden Zeit und schauten in deren Fluten.“ Im konkreten Fall geht es um die längliche Verlobungsfeier für eine arrangierte Ehe, wunderschön die jugendliche Braut. „Welche Vorstellung, daß sie in den Mauern des elterlichen Gehöfts für Karim aufgezogen worden war wie einst eine Infantin für einen fernen Prinzen.“

Noch weit abgedroschenere Fantasien ergreifen den fleißigen leitenden Finanzberater bei anderen Gelegenheiten. Von seiner Wirtin Khadija etwa nimmt er für eine Weile lediglich das „Hinterteil“ wahr, dieses nun aber wirklich ausführlich. Nachher gerät er in die Fastvergewaltigung einer zunächst für ihn irritierend passiven, rein privat anwesenden Prostituierten – aber er ist irgendwie noch passiver, anders als sein marokkanischer Kumpel – und denkt anschließend auf wilder Flucht unwahrscheinlich diskursiv: „Vergewaltigung, ein düsteres, bedrückendes Wort, neuerdings von größter öffentlicher Erregung begleitet. Jede Art von Ausschweifung wurde konzediert, nur zwei Verbrechen waren übriggeblieben von der einst langen Liste der Verbote: die lüsterne Annäherung an Kinder und die Gewalt gegen Frauen, und da wurden die Maßstäbe beständig verfeinert, schon die Belästigung geriet in die Nähe der Gewaltsamkeit, selbst in der Ehe wollte man sie entdecken und bestrafen.“

Wäre der fleißige leitende Finanzberater nicht ein solcher Tropf, würde dieses ins sprachlich Gediegene und scheinbar Ausgereifte gezogene stammtischnahe Räsonieren noch weit unangenehmer berühren. So bleibt der Beigeschmack, hier – nicht zum einzigen Mal in diesem Buch – doch mehr Martin Mosebach als Patrick Elff formulieren zu hören. Dessen klassische Bildung, ungewöhnlich für einen herkömmlichen Finanzmann, wird nicht ungeschickt mit einem Studium der Literaturwissenschaften begründet. Der Beruf hat sich anschließend, typisch für Geisteswissenschaftler, aber auch typisch für Patrick Elffs emsiges und zugleich unbewegliches Naturell, mehr so ergeben.

Aber wer ist nun Patrick Elff? Und, fast wichtiger noch, wer ist Khadija?

Der Ausgangspunkt ist traditionell, der Verlauf dann weniger. Mittdreißiger Elff, glücklich verheiratet, an sich überhaupt glücklich, nun aber in illegale Finanztransaktionen verwickelt – keine eigene Entscheidung im engeren Sinne, „,das war nicht ich‘“ – so meinte er guten Gewissens denken zu dürfen“ –, hat sich Hals über Kopf aus Düsseldorf nach Marokko abgesetzt. Er landet völlig gepäck- und ziemlich planlos in der Hafenstadt Mogador. Längst heißt sie Essaouira, aber Mosebach greift nonchalant auf den schönen dunklen (portugiesischen) Namen aus dem 16. Jahrhundert zurück, wie er aktuellem Geschehen ohnedies mäßige Beachtung schenkt.

König Mohammed VI. findet Erwähnung, ein Name immerhin, der sich einigermaßen in Elffs Sehnsucht nach einem etwas Manufactum-hafteren Orient einpasst. Sein Mobiltelefon hat Elff vorsichtshalber (Handyortung!) eh ausgeschaltet. Erst spät in der Handlung tangiert ihn das nun „trächtige Täfelchen“ wieder.

In Mogador also will Elff einen leicht windigen, international tätigen und vor Ort nachgerade allmächtigen Magnaten und Drahtzieher namens Pereira um Hilfe bitten, eigentlich: um Rettung. „Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er hätte sagen dürfen: ,Retten Sie mich!‘“ Elff weiß nämlich nicht genau, was er tun soll. Unterschlupf findet er im Etablissement jener ein wenig älteren Khadija, von Mosebach zu seinem perfekten Gegenteil bestimmt. Da sie kein Wort Französisch spricht, werden sich die beiden fast magisch verbundenen Figuren im Buch nur unzureichend kennenlernen können. Der Autor behält alle Fäden in der Hand.

Und sorgt dafür, dass wir Elff just in einem Hamam kennenlernen, wo er sich schrubben, letztlich: häuten lässt. „War jemand, der dieser Behandlung unterzogen worden war, eigentlich noch dieselbe Person?“ (das könnte ihm so passen). Mosebach führt uns en passant in Elffs dramatische letzte Tage in Deutschland ein (der Suizid eines Mitarbeiters, das Gespräch mit der Polizei, die Flucht) sowie in Khadijas für Elff vorerst rätselhaftes Haus (nebst „Hinterteil“-Meditation). Um nun aber mit einem großen, unerwarteten, ungemein eleganten Schwenk zu Khadija zu wechseln.

Deren Kindheit und Jugend in prekärsten Mogadorer Verhältnissen, mit Genuss und Neugier ausgebreitet, und vor allem ihr enormer Aufstieg zur geschäftstüchtigen Bordellbetreiberin und Geldverleiherin, zeigt sie in scharfem Kontrast zum sportlichen, aber fragilen, eben auch elfenhaften Elff. Nachdem das vernachlässigte Kind Khadija das scheinbare Innehalten der Sonne bei ihrem Untergang als „Willensakt“ gedeutet hat – „die Sonne wollte nicht eintauchen, sie wehrte sich und lief vor Anstrengung rot an“ –, wird ihr die Ausbildung des eigenen Willens zum Hauptanliegen. Wir sehen die zunehmend gut sortierte Analphabetin, wie sie Suren-singend auf einer Kanone reitend von der Stadtmauer aus übers Meer schaut. Ohne sich rechts oben Europa vorzustellen. Für Europa interessiert sich in Mosebachs Marokko niemand.

Khadijas Initiation besteht dann in einer „heftigen, undeutlichen Aktion“, der fürchterlichen Tötung eines Tiers, das ihr als verlässlicher Dämon wiedererscheinen wird. Die üble Szene findet später völlig beiläufig ein deutsches Pendant. Dass „Mogador“ ein schillernder Roman ist, liegt auch an solchen feinen, kaum nach Interpretation verlangenden, ganz aus dem Erzählen geborenen Spiegeleien. Mit häufig funktionierender Sehergabe ausgestattet, nimmt Khadija die Dinge jedenfalls hinfort selbst in die Hand. Darum kommt es ihr nicht betrügerisch vor, beim Kartenlegen zu mogeln. „Sie selbst war es ja, die über das Schicksal entschied – sie war die Parze, die sowohl die Fäden spann als auch über die Schere verfügte, um sie abzuschneiden. ,Mein Wille geschehe‘, das wäre das für sie passende Gebet gewesen, wenn sie es nicht vorgezogen hätte, wortlos zu denken“ (anders als der sogar sehr wortreich denkende europäische Mann).

Zwei Ehemänner, an denen sie aus ihrer Sicht als marokkanisches Mädchen nicht vorbeikommt, da zeichnet Mosebach sie als nüchterne Realistin, sterben rasch und lassen sie mit zwei Kindern zurück. Eine „sich anbietende neue Existenzform“ als Prostituierte kommt ihr zupass, einen Zufall will sie es nicht nennen (weil sie es schließlich will).

Bald kann sie das Haus kaufen, in dem sie mit ihren Kindern ein abgezweigtes Zimmerchen bewohnte, ein dunkles Jorge-Louis-Borges-Gebäude mit Schneckenhauswendeltreppe, an deren Ende ein hundertjähriger wundertätiger Imam wohnt. „Dieses Haus mit den vielen hohen Räumen würde sie nie allein bewohnen wollen, aber sie fühlte sich der Aufgabe gewachsen, es zu regieren.“

Etliche elend bezahlten Zimmermädchen-Jahre nützen ihr noch, als sie sich zur Kupplerin aufgeschwungen hat. Die Betten sind immer frisch bezogen, die Mädchen hübsch und reinlich, Diskretion geht über alles. „Die Männer waren ihre Vasallen geworden, sie standen ihr mit Rat und Schutz zur Seite. Sie verstand die Männer, sie war ihre heimliche Königin.“ Khadija, die mit geheimen Mächten verbundene Praktikerin, ist eine fantastische Figur, der Erzähler möchte man meinen, fürchtet und schätzt sie gleichermaßen (wobei auch das dämonische Tatweib eine gute alte Type ist). Es ist raffiniert, dass sie und Elff sich nur streifen können, nur von außen sehen.

Es ist ebenso raffiniert, wie Mosebach in weiteren, kleineren Kameraschwenks – tatsächlich Kameraschwenks, jeweils aus Bildern entwickelt – auf Pereira oder auf die in Deutschland ratlos wartende Ehefrau Elffs zu sprechen kommt. Hübsch und frech, wie der Stilist Mosebach immer mitmischt, wenn etwa Pereira den Brief des hilfesuchenden Elff liest und die Anspielung auf das einzige persönliche Treffen mit ihm bemerkt. „Das Wort ,Kiew‘ ärgerte ihn, obwohl er den schön gebauten Satz, in dem es fiel, zu schätzen wußte ... .“ Auch baut Mosebach Szenen und Dinge ein, die einfach da sind, weil er sie erzählen will und kann. Manchmal erscheint das kokett, manchmal unverdrossen, und es läuft hinaus auf ein orientalisch wirkendes Mäandern, bei dem eine Kalbsgeburt ausgebreitet wird oder auch – allerdings wieder deutlich klischeehafter – eine Mogadorer Bettler-Typologie. Immer bleiben Elff und Mosebach die glotzenden Europäer, so ist das eben.

Der Autor dieses erfrischenden, selbstgenügsamen, wendungsreichen, am Ende noch dazu heiteren Romans aber beherzigt damit einen einfachen Leitsatz der ebenfalls aparten Figur Karim, der Khadija zur Hand geht: „Eine Unterhaltung war auf dem richtigen Weg, wenn sie in eine Geschichte mündete.“

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