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Als Intellektuelle und Künstlerin beunruhigte sie die Zeitgenossen: Jewdokija Rostoptschina

Russische Literatur

Jewdokija Rostoptschina: Zoë will mit Männern nur noch spielen

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Von der Revolution aus dem Kanon getilgt: „Die Menschenfeindin“ und andere Werke der einst höchst erfolgreichen russischen Dichterin Jewdokija Rostoptschina werden in einem deutschsprachigen Band vorgestellt.

Sie muss eine hochinteressante Persönlichkeit gewesen sein. Jewdokija Rostoptschina, 1811 in Moskau geboren, 1858 ebendort gestorben, zählte zu den der bedeutendsten russischen Dichterinnen und Dichtern des 19. Jahrhunderts (und unter den Dichterinnen war sie die bedeutendste). Ihr Name wurde in einem Atemzug mit Puschkin und Lermontow genannt; mit beiden war sie gut bekannt oder sogar befreundet. Doch nach dem Aufkommen des Naturalismus in der russischen Literatur zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die klassizistisch-empfindsame Wortkunst der Gräfin Rostoptschina noch zu ihren eigenen Lebzeiten nicht mehr angesagt; ihre Glanzzeit war recht plötzlich vorbei. Die Revolution tat ein Übriges, um die Dichterin gänzlich aus dem Kanon zu tilgen.

Außerhalb Russlands konnte sie daher nie wirklich bekannt werden. „Die Menschenfeindin“, eine im Wiener Klever Verlag erschienene Textsammlung, ist die erste deutschsprachige Einzelausgabe von Werken Rostoptschinas: eine Pioniertat des Übersetzers Alexander Nitzberg.

Wegen des frühen Todes der Mutter wuchs das Mädchen Jewdokija bei Verwandten auf und brachte dort eine von erzieherischer Strenge geprägte, lieblose Kindheit hinter sich. Es folgte eine ebensolche Ehe sowie eine unerfüllte Liebe zu jemandem, den sie nicht haben konnte. All das war vermutlich an harschem Schicksal genug und sorgte dafür, dass schon die junge Jewdokija vor allem in der Dichtung nach emotionalem Widerhall suchte. Ohne ihr Gesamtwerk zu kennen, ist es natürlich schwer zu sagen, ob Nitzberg vor allem solche Texte ausgewählt hat, die für die Biografie der Autorin eine besondere Rolle spielen, oder ob sich in Rostoptschinas Werk grundsätzlich das eigene Befinden in besonders intensiver Weise niederschlägt.

Vor allem das Stück „Die Menschenfeindin“, das zentrale und titelgebende Werk in dieser Ausgabe, scheint in dieser Hinsicht exemplarisch zu sein. Die Protagonistin des kleinen Dramas mit komödiantischen Zügen ist eine für die damalige Zeit sehr ungewöhnliche Frauenfigur: Zoë, eine adlige junge Dame, lebt zurückgezogen auf ihrem Landgut. Aus enttäuschter Liebe hat sie der Welt den Rücken gekehrt und verweigert jegliche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Ein junger Mann, der mit einer Jagdgesellschaft in der Nähe weilt, hört von ihrer offensiven Weltabgewandtheit und wettet mit einem Freund, dass es ihm gelingen werde, die Spröde zu erobern.

Jewdokija Rostoptschina: Die Menschenfeindin. Gesammelte Dichtungen. A. d. Russ. v. A. Nitzberg. Klever 2019. 220 S., 22 Euro.

Mit einer List erreicht er es, auf Zoës Gut aufgenommen zu werden. Doch alles kommt anders als geplant. Statt die Dame für sich zu gewinnen, verliebt der junge Mann sich in Zoë, die ihrerseits nur mit ihm spielt. Auch ihrem ehemals treulosen Geliebten, der überraschend auftaucht, um ihr verspätet seine wiederaufgeflammte Liebe zu gestehen, gibt sie kühl einen Korb – und bewahrt gleichzeitig eine ihrer Dienerinnen davor, aus blinder Verliebtheit eine Ehe mit einem Taugenichts einzugehen.

Rostoptschina selbst hat sich dagegen verwahrt, die Heldin dieses Stückes mit ihrer eigenen Person gleichzusetzen, was ihre Zeitgenossen offenbar automatisch taten (das Werk wurde allerdings nie szenisch aufgeführt, sondern lediglich öffentlich gelesen). Wahrscheinlich war diese Interpretation aber nicht völlig verfehlt.

Eine Frau mit so herausragenden intellektuellen und künstlerischen Fähigkeiten, wie Rostoptschina es war, hatte trotz aller Privilegiertheit mit zahlreichen Widerständen zu kämpfen. Die Dichterin liebte Geselligkeit und die Bälle der High Society, was für manche Zeitgenossen Grund genug war, sie als literarisches Partyhäschen zu schmähen (als hätte nicht auch der große Puschkin bei zahllosen Gelegenheiten Festlichkeiten bedichtet).

Dabei war sie sehr wohl auch ein scharf beobachtender politischer Geist. Nach einer Reise durch das von Russland besetzte Polen veröffentlichte sie die allegorische Ballade „Die Zwangsheirat“, deren versteckte politische Botschaft zunächst unbehelligt die Zensur passierte, doch vom Lesepublikum durchaus richtig entschlüsselt wurde. Es traf die Autorin hart, als der Zar sie daraufhin zur persona non grata erklärte und ihr den Zugang zu Bällen des Hofes verwehrte.

Alexander Nitzberg hat „Die Zwangsheirat“, nebst anderen wichtigen Dichtungen Rostoptschinas, in seine Werkausgabe mit aufgenommen und die Gedichte sprachlich schön und angemessen kühn übersetzt. Sein sehr informatives Nachwort verschafft einen gründlichen ersten Überblick über Leben und Werk einer Frau, die kennenzulernen auch zwei Jahrhunderte nach ihren Lebzeiten noch einen überaus lebendigen Eindruck hinterlässt.

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