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Will Hunt und die Faszination, immer wieder nach unten zu steigen: hier in die Katakomben von Paris.
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Will Hunt und die Faszination, immer wieder nach unten zu steigen: hier in die Katakomben von Paris.

Höhlen, Schächte, Katakomben

Will Hunt: „Im Untergrund“ – Im Leib der Erde

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Will Hunt denkt über die Anziehungskraft des Untergrunds nach – und die Ängste, die er in uns hervorruft.

Das Leben entstand zuallererst tief in der Erde, im Leib der Erde, so die These des US-amerikanischen Journalisten Will Hunt in seinem Buch „Im Untergrund“ (in der Tat wurden bei einer Bohrung unter dem Meer gerade wieder Bakterien gefunden, die bis zu 100 Millionen Jahre alt sein könnten – und leben). Inzwischen seien wir zwar „Augenkreaturen“, so Hunt, aber die Erinnerung an unsere Anfänge liege uns gleichsam in den Genen und sei verantwortlich für die Faszination, mit der wir immer wieder auch hinabsteigen ins Dunkel, sei es in die Pariser Katakomben – wo sich zu Nicht-Corona-Zeiten die Schaulustigen drängten und sicher wieder drängen werden –, sei es in Höhlen auf der ganzen Welt.

Durchaus zwiespältig ist dabei unser Verhältnis zu unterirdischen Räumen. Sie sind Orte, an denen wir Zuflucht finden, uns zum Beispiel verstecken können vor Feinden. Sie sind Orte, an denen wir aber auch, durch keinen Augenschein gewarnt, auf Feinde stoßen können. Und immer schon hat der Mensch seine Toten begraben, in allen Kulturen das Totenreich im Untergrund verortet. Wenn wir hinuntersteigen, schreibt Hunt, „spüren wir eine reflexartige Vorahnung unseres eigenen Todes“. Nicht wenige Menschen ertragen den Untergrund nicht, bekommen Panikattacken in engen, lichtlosen, abgeschlossenen Räumen. Andere, und zu diesen zählt sich Hunt, spüren gerade dort eine „starke, tief verankerte Verbindung zur Erde“.

Das Buch

Will Hunt: Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde. A. d. Engl. v. Anke Caroline Burger. Liebeskind 2021. 320 S., 24 Euro.

So ist der Eigenversuch eine der Recherche-Methoden des Will Hunt. Mit anderen „urban explorers“ durchquert er Paris komplett im Untergrund. In New York versucht er dem Graffiti-Künstler Rev auf die Spur zu kommen, der eine Art Tagebuch an U-Bahn-Tunnelwände schreibt. Einen australischen Aborigine kann Hunt davon überzeugen, ihm den Zugang zu einer heiligen Höhle zu erlauben, in der Ocker abgebaut wurde und die Schöpfungswesen Mondongs wohnen. 24 Stunden bleibt er in einer anderen Höhle in kompletter Lichtlosigkeit und wartet auf Halluzinationen. Er reist nach Kappadokien, wo Höhlenwohnungen frühen Christen als Zuflucht dienten. Er reist in die französischen Pyrenäen, wo er Graf Robert Begouën überreden kann, ihn in eine äußerst gut gehütete Höhle auf dessen Land und zu zwei tief im Innern liegenden Bisons aus Lehm zu lassen. Spätestens da stellt man sich Will Hunt als einen angenehmen, freundlichen Menschen vor, der jeden zu allem überreden kann.

Die Ernsthaftigkeit, mit der er alles Unterirdische erkundet und die aus jeder Zeile seines Buches spricht, wird ihm außerdem geholfen haben. Seit er fasziniert war von einem aufgegebenen Eisenbahntunnel nahe seinem Elternhaus, liebte Hunt, wie er schreibt, „die Stille und den Widerhall der unterirdischen Welt“. Die Dämpfung, ja Außerkraftsetzung der räumlichen, optischen Wahrnehmung – nicht einmal Umrisse im Mondlicht, nicht einmal ein Sternenhimmel – kann dem Erkennen anderer, im eigenen Inneren liegender Dinge förderlich sein. Sind nicht schon die alten Griechen in Höhlen gestiegen, um Visionen zu erleben und Weisheit zu finden? Unsere Verbindung zum Untergrund können wir empfinden als eine zu tieferen Seelenräumen, zu unserer Spiritualität. Verzichtet man doch auf Ablenkungen aller Art, die die Oberfläche und der Alltag in all ihrer Lebhaftigkeit bereit halten.

Ein bisschen Pech hat Will Hunt, dass bereits 2019 Robert Macfarlanes „Im Unterland“ auf Deutsch erschien, „Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde“. Denn soll die Kritikerin nun eine Empfehlung abgeben, kann diese nur zugunsten Macfarlanes, man entschuldige das Wortspiel, wesentlich tiefer gehende Betrachtungen und Überlegungen sein. Wo Hunt eher plaudert, unterhaltsam ist, meint man bei dem Briten manchmal, den Atem anhalten zu müssen. So sehr bewegen zum Beispiel seine Gedanken zu den Händen an Höhlenwänden. Fast meint man, ihm sei es gelungen, Kontakt aufzunehmen zu unseren Urururahnen, als sie just ihre Hände auf den Stein legten und Farbpartikel rundherum pusteten, um uns Spätere zu grüßen.

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