VON URSULA MäRZ

Was will Enrico Türmer?

Endlich zurück: Ingo Schulze bezaubert mit einem Briefroman über die deutsch-deutsche Wende

Vor Jahren, als es im Kleiderschrank weniger auf Moden denn auf haltbare Garderobe ankam, gab es ein Kleidungsstück mit dem schönen Namen: Wendejacke. Man konnte sie doppelt gebrauchen. Sie hatte keine Innen- und Außenseite, sondern einfach zwei gleichberechtigte, nach außen tragbare Seiten, die man je nach Gelegenheit und Wetterlage wechselweise tragen konnte. Kurzum: Zwei Kleidungsstücke in einem Objekt. Ingo Schulzes neues, heiß erwartetes, nun ziegeldick vor uns liegende Buch ist der definitive Wenderoman. Er ist dies nicht, weil er als Erzählzeit das erste Halbjahr 1990 umfasst. Sondern weil er auf dem Prinzip der Wendejacke beruht. Ein Buch, in dem alles, wirklich alles und jedes zwei Seiten hat und zwei Lesarten erlaubt; ein Buch, in dem genau genommen zwei Bücher stecken. Man kann es als glaubwürdige Chronik historischer und biografischer Ereignisse auffassen. Und als Konstruktion einer riesigen Geschwätzmaschine, der kein Satz zu glauben ist, weil jeder Instrument einer durchtriebenen Manipulation ist. Madame Merteuil lässt grüßen.

Sie heißt hier Türmer und ist männlichen Geschlechts. Schon der Name ist doppelsinnig. Ein Türmer kann einer sein, der abhaut oder einer, der stapelt, vom Hochstapler sprachlich also nur eine Silbe entfernt ist. Mit Vornamen nennt sich dieser Türmer während der DDR-Zeit Enrico, später lieber Heinrich. Er ist der Erzähler des Romans Neue Leben. Er erzählt ausschließlich und manisch in Briefen, was ästhetisch sofort einleuchtet. Briefromane stehen in der Logik der Wendejacke. Sie sind persönlich adressierte Mitteilungen und liefern sich einer anonymen Leserschaft aus. Sie sind Korrespondenz und zugleich Literatur, dubiose Grenzgänger also mit doppelter Staatsbürgerschaft und zwei Pässen. Das alles sind literarisch günstige Vorraussetzungen, um schwankende, ungesicherte, undefinierte Konstellationen der Zeitgeschichte abzubilden, historische Situationen des Übergangs, der Wende also.

Enrico/Heinrich Türmers (angeblich) in aller Herrgottsfrüh um vier oder fünf Uhr verfasste Briefe stammen aus der Zeit zwischen dem 6. Januar 1990 und dem 11. Juli 1990. In diesen sechs Monaten bringt der unruhige Frühaufwacher eine über 600 Seiten umfassende Korrespondenz zustande. Er schreibt an drei Personen. An seine Schwester Vera, an seinen Jugendfreund Johann und an eine aus Westdeutschland stammende Frau namens Nicoletta. An alle drei Personen vergibt der eben auch erotisch uneindeutige Türmer libidinöse Energie. Die Briefe an die Schwester haben eine unverkennbar inzestiöse Tendenz. Mit Johann gibt es eine alte homosexuelle Verstrickung. Für Nicoletta begibt er sich in die Rolle des Beichtknaben und schwärmerischen Minnesängers. Vera und Johann hält er über sein momentanes Leben, seine aktuellen Aktivitäten in der thüringischen Kleinstadt Altenburg auf dem Laufenden, der neuen Bekanntschaft Nicoletta aber berichtet er sein komplettes biografisches Vorleben.

Dieses kommt uns irgendwie bekannt vor. Denn zumindest die Eckdaten des Türmer'schen Lebenslaufes ähneln zum Verwechseln denen eines löwenmähnigen deutschen Schriftstellers mit Namen Ingo Schulze. Türmer stammt aus Dresden, ging nach dem Studium als Dramaturg ans Theater von Altenburg und verlässt es Ende '89/Anfang '90, um sich als Journalist und Mitbegründer einer Zeitung, des Altenburger Wochenblatts, zu betätigen. Nun ist Schulze, dessen Buch Simple Storys in rund zwanzig Sprachen übersetzt wurde, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart, Türmer indes seine - herrlich - ironische Gegenvariante, der erfolgloseste Möchtegernschriftsteller unter deutscher Sonne, der sich von Kindesbeinen an ("ich kann nicht leben ohne schreiben...") unter Genieverdacht stellte, Romane, Erzählungen, Novellen begann, mit keinem Stück zu Rande und zu Ende kam und sich schon deshalb aufs manische Schreiben von Briefen verlegt.

Sie produzieren, unter anderem, eine schöne Parodie des klassischen Künstlerromans. Was Schulze und Türmer außerdem unterscheidet, ist ihr Schreibstil. Schulze kennt man als Autor knapper, sachlich reduzierter Prosa, der es in seinem Erfolgsroman bekanntlich sehr mit Raymond Carver hielt. Türmer hingegen lehnt sich stilistisch, nicht ohne Anzeichen von Selbstgefälligkeit und geschmäcklerischer Attitüde, in die Literaturgeschichte zurück zum eher getragenen, eher gewundenen Ausführlichkeitsstil des 19. und frühen 20. Jahrhundert. Man darf ihm eine Vorliebe für Thomas Mann unterstellen.

Zweitens aber lebt Schulze unter fester Postadresse in Berlin - während sein literarisches Gegenmodell EnricoTürmer von der Bildfläche verschwunden ist. Was er hinterließ sind Schulden, Pleiten, wirtschaftlicher Betrug im größerem Maßstab. Und eben dieser Packen Briefe. Ihre Veröffentlichung verdankt sich einem in vielen Fußnoten kritisch kommentierenden Herausgeber, den der Fall des vom Erdboden verschluckten Türmer detektivisch interessiert. Diesem Herausgeber der Briefe und seinen dezenten Hinweisen verdankt der Leser die langsame Einsicht, dass die gesamte voluminöse Korrespondenz das Doppelgesicht eines durchtriebenen Planspiels besitzt, an dessen Ende Türmer die Personen, an und über die er schrieb, da hat, wo er sie - eventuell - von Anfang an haben wollte: Nicoletta seine Verlobte, die ehemalige Lebensgefährtin verkuppelt an einen kuriosen Investor und Unternehmensberater aus dem Westen, Freund Johann von der Priesterlaufbahn abgebracht, nach Altenburg gelockt und zum Kompagnon gemacht, die Mitbegründer der Wochenzeitung ausgebootet. Enrico Türmer selbst steht am Ende, Mitte 1990, als Haupteigner eines ertragreichen Anzeigenblattes in GmbH-Form da. Der typische Weg eines kaltblütigen Wendegewinnlers. So zumindest könnte es sein. Es steht nicht in den Briefen. Sie lassen sich nur - gegen den Strich gebürstet - so lesen.

In seiner Gründlichkeit versäumt der Herausgeber auch nicht, den Briefen einige der literarischen Versuche Türmers hinzuzufügen, zumal eine gescheiterte Novelle, die sich auf der Rückseite des Briefpapiers befindet. Der Herausgeber heißt im übrigen: Ingo Schulze. Auch ihn sollte man sich nicht als harmlosen Menschen vorstellen, seine Kommentare kommen aus Giftspritzen.

Ein literarisch tadelloser Coup aus dem romantischen Geist des Katers Murr

Das alles klingt komplizierter und konstruierter, als es sich tatsächlich liest. Aber was ist das alles, was ist der 800 Seite starke Roman Neue Leben eigentlich? Nun ja: ein toller, ein literarisch tadelloser Coup. Ein in seinem szenischen Humorismus brillanter, trotz seiner Länge dramaturgisch tragfähiger Coup aus dem romantischen Geist Kater Murrs. Man kann es auch so sagen: Ingo Schulze hat sich den schönen Spaß erlaubt, Enrico Türmer in die Jacke seiner Lebenserfahrung - DDR und Mauerfall, Theaterarbeit und Schriftstellerei, Neues Forum und Montagsdemonstration, Zeitung und Begrüßungsgeld, Gaumenfreuden und Kasperiaden am Roulettetisch in Monte Carlo - schlüpfen, die Jacke aber von der anderen Seite tragen zu lassen. Das vermittelt auf den ersten Blick den Anschein, er habe sich ganz einfach zur fiktiven Romanfigur hochgerechnet, und ist auf den zweiten Blick doch ein anderes, ein Versuchsverfahren. Ingo Schulze hat seine Biographie nicht hochgerechnet, sondern umgefärbt. Es ist die Methode des Chamäleons. Das ganze Buch ist ein Chamäleon. Je nach Lichteinfall und Kontext verändert es seinen Ausdruck. Man kann, wenn man will, in diesen penibel jeden Alltagsschritt und jede Randfigur schildernden Briefen sogar Palimpseste eines typischen, taktisch eiernden Stasi-Spitzelberichts erkennen. (Tatsächlich wurde Türmer als NVA-Rekrut einmal der Spitzelei verdächtigt, was er natürlich abstritt mit dem Hinweis darauf, er schreibe doch nur Briefe).

Neue Leben erzählt davon, wie die Gestalt des Ostens, aber auch die des Westens - und sie sich gegenseitig - abhanden kamen. Was aber gestaltlos ist, kann schwer zusammenwachsen. Das ist, streng genommen, als literarischer Stoff nicht gerade neu. Es ist ja nicht so, dass über die DDR, über die Jahre 1989 und 1990 noch nichts geschrieben worden wäre. Zumal nicht von Ingo Schulze selbst. Aber was er hier, in seinem neuen Buch vollbringt, ist aufregend durch den Transport des Stoffes ins ästhetisch Grundsätzliche, in die Erfindung einer Form: eines polyvalenten, polymorphen Romans. Er ist der Spiegel eines Landes, das bis heute, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung, seine homogene Gestalt vermisst. Ingo Schulzes neuer Roman hätte ein Coup werden können. Aber er ist ein Geniestreich geworden. Er hat den Habitus raffinierter Leichtigkeit - ihn zu verfassen, muss Schwerstarbeit gewesen sein.

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