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Wilhelm-Merton-Preis für die Übersetzerin Claudia Dathe – Dass unser beider Stimme immer zu hören ist

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Von: Christian Thomas

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Claudia Dathe, 1971 geboren, übersetzt seit vielen Jahren ukrainische Literatur. Foto: Privat
Claudia Dathe, 1971 geboren, übersetzt seit vielen Jahren ukrainische Literatur. Foto: Privat © Privat

Vermittlerin der ukrainischen Literatur: Am heutigen Freitag wird die Übersetzerin Claudia Dathe in Frankfurt mit dem Wilhelm-Merton-Preis geehrt.

Wie fern liegt die Ukraine? Im Flugzeug oder über Land, mit dem Auto, mit Bus oder Bahn, laut Fahrplan, den es noch gibt. Wo liegt die Ukraine in Wirklichkeit – und wo befindet sie sich in unserer Wahrnehmung? Wobei ausgerechnet Russlands Krieg sie uns nähergebracht hat, kein anderer als Putin, absurd.

Inwieweit es sich bei ihr auch um einen literarischen Kontinent handelt, bringt uns Claudia Dathe als Übersetzerin aus dem Ukrainischen näher. Es sind auch ihre Bücher, die man vielleicht dabei hatte auf dem Landweg, vielleicht auf dem Luftweg, Romane von Serhij Zhadan, Tanja Maljartschuk oder Andrej Kurkow, der auf Russisch schreibt, denn Claudia Dathe übersetzt ebenfalls aus dem Russischen. Für ihre Arbeit wird sie am heutigen Freitag in Frankfurts Kaisersaal mit dem Wilhelm-Merton-Preis für Europäische Übersetzungen geehrt.

Inwiefern die Ukraine das Land des angehaltenen Atems war, 2004, während der Orangenen Revolution, 2013, auf dem Euro-Maidan, darauf hat auch Claudia Dathe aufmerksam gemacht, nicht anders als auf die anhaltende Aktualität eines bis heute achtjährigen Krieges, des Überfalls Russlands nicht erst am 24. Februar 2022 – eine Invasion auch in die Literatur.

„Im Krieg kann ein ungünstiger Handlungsablauf zum Tod führen. Was bedeutet, dass ein Protagonist physisch vernichtet wird. Der Krieg macht auch vor literarischen Figuren nicht halt.“ Eine Stelle aus Serhij Zhadans Kriegstagebuch „Warum ich nicht im Netz bin“, das Claudia Dathe im Jahr 2016 ins Deutsche übertrug. Geboren 1971, studierte sie Übersetzungswissenschaft in Leipzig, der Schwerpunkt lag auf Russisch und Polnisch. Deshalb ging sie dann nach Pjatigorsk in Russland und nach Krakau. Von 2000 bis 2005 lebte sie in Kiew, nicht nur am eigenen Schreibtisch lernte sie Ukrainisch, sondern im lebendigen Austausch die für sie „große kleine Sprache“, lernte dazu in Schreibwerkstätten, lernte durch den Übersetzer Mark Belorusets eine „unideologische Zweisprachigkeit“ – übersetzte ebenfalls die Bücher seiner in Kiew geborenen Tochter Yevgenia aus dem Russischen.

Bei Dathe, die heute an der Viadrina in Frankfurt/Oder arbeitet, ist ein vielstimmiges Spektrum anzutreffen, der anarchische Sarkasmus während der Anfänge Serhij Zhadans, zuletzt ukrainischer Underground in dem Tschernobylbericht Markijan Kamyschs. Kann es sein, dass hier wie dort ein Tonfall herauszuhören ist, wie man ihn im Ruhrgebiet antrifft? Jedenfalls an Ausdrucksmöglichkeiten bei ihr die ganze Palette. So dass sich allein Dathes astreiner Vokabelreichtum locker zitieren ließe, zumal die Liste ihrer Übersetzungen mehrere Dutzend Werke umfasst, Lyrik, Romane, Tagebücher.

Durch Claudia Dathe lernen wir die lauten und die leisen Stimmen näher kennen, verfolgt von Erinnerungen, heimgesucht von einer aufgewühlten Heimat. „Richtig gruselig“, heißt es in Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, „ist es tagsüber. Die Tagdämonen sind viel gefährlicher als die Nachtdämonen. Sie sind schlau, hinterhältig und unbesiegbar. Ihnen entkommt man nicht.“ Den Dämonen der ukrainischen Geschichte ist nicht zu entrinnen, wie wir in unseren eigenen vier Wänden erfahren, wenn wir den Roman von Maria Matios, „Darina die Süße“ lesen: „Am nächsten Tag zog die deutsche Einheit ins Dorf ein und befahl den Leuten ohne große Umschweife, sich unverzüglich zur Evakuierung fertig zu machen.“ Fertigmachen – ein Wort von monströser Mehrdeutigkeit.

Wie sehr Übersetzungen Vermittlungsbemühungen sind, die auch die verrücktesten Verständnisschwierigkeiten thematisieren, findet sich bei Oleksij Tschupa, wahrhaftig grotesk. An einem Lenin-Denkmal, so erzählt es der Autor in seinem „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, ist in großen Buchstaben das Wort „Schlächter“ zu lesen, was eine Straßenkehrerin auf den Bildungsnotstand der „Jugend heutzutage“ zurückführt und zu einer irrwitzigen Korrektur veranlasst: „Erstens heißt es nicht Schlächter, sondern schlechter, und zweitens wieso eigentlich schlechter? Seit wann ist Lenin denn schlechter?“ Durch eine Vokalverschiebung ergibt sich eine Pointe, durch die sich eklatante politische Verwerfungen auftun. Solche, die einen mitnehmen können. Solche, zu denen Claudia Dathe mitnimmt. Bei ihr erweist sich Übersetzen als Überbrückung einer Ferne, als Heranführen an eine Fremde, die sich mit einem Mal als Nähe auftut.

Ins weite Feld Erinnerung

Insofern handelt es sich um Grenzüberschreitungen, von der Realität in ein so weites Feld wie die Erinnerung. Und schon auch von der Gegenwart in so etwas Entlegenes wie die Zukunft. Vorzufinden ist es in einem Langgedicht Serhij Zhadans, anzutreffen in seinem „Netz“-Tagebuch: „Rede, rede, Hauptsache es redet jemand, / es ist wichtig, dass unser beider Stimme / immer zu hören ist. // Atme, atme, Flüchtling, mach deine Arbeit, / lass dich von ihnen nicht an den Kiemen packen.“

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