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Wilhelm Genazino: „Der Traum des Beobachters“ – Ein Brief zwischen den Lippen

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Von: Eberhard Geisler

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Wilhelm Genazino, natürlich als Fußgänger.
Wilhelm Genazino, natürlich als Fußgänger. © Jürgen Eis/Imago

Wilhelm Genazino zum 80. Geburtstag: Der Band „Der Traum des Beobachters“ bietet betörende Beobachtungen eines unermüdlichen Arbeiters.

Wilhelm Genazino, der im Dezember 2018 in Frankfurt starb, ist durch eine ganze Reihe von Romanen bekannt geworden, in denen er sich als eigenwilliger Autor präsentiert hatte, dessen Aufmerksamkeit den Randzonen der Gesellschaft galt, Menschen, die vom Wirtschaftswunder ausgeschlossen waren und die Scham zu Sprachlosigkeit zwang. „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ von 1989 erzählte von solchen Nöten und verwies bereits im Titel darauf, dass Genazino gewillt war, die Romanform auch selbst in Frage zu stellen und der Gefahr einer behäbigen Kontinuität des Erzählens durch eine gleichsam stroboskopische Wahrnehmung zu entgehen.

Zu seinem 80. Geburtstag am 22. Januar erscheint nun eine Auswahl aus einem gewaltigen Fundus von Aufzeichnungen, zusammengestellt von Jan Bürger und Friedhelm Marx, die den Autor bei seiner unermüdlichen Arbeit zeigen, rasche Blitzlichtaufnahmen der Wirklichkeit zu machen, die ihm wichtiger als Plots und Konzeptionen mit Konsistenz-Anspruch waren. Zwar findet sich in dem posthum herausgegebenen Band auch eine Verteidigung der Romanform – „Es hat keinen Sinn, nur Beobachtungen aneinanderzureihen. Es muss jemand da sein, eine Figur, die mit den Beobachtungen etwas anstellt“ -, vor allem aber eine Vielzahl wunderbarer Einzelbeobachtungen, die einer Wachheit geschuldet sind, die auf jeden Zufall vorbereitet war. Genazino schreibt: „Schriftsteller, die genau beobachten, brauchen nicht erfinden. Die genaue Wahrnehmung ist die Erfindung.“ Aber er wusste auch, dass es um dieser Offenheit willen galt, die eigene Dünnhäutigkeit auf sich zu nehmen, wenn er in der Stadt oder auf Reisen unterwegs war: „Ein Autor ist, sagen wir, ein Nervositätsträger. Seine Nervosität empfindet überall hin.“

Viel ist hier über die familiäre Herkunft des 1943 geborenen Autors zu erfahren, seine Epoche und Schriftstellerei. Genazino bekennt, dass er noch nach Jahrzehnten mit niemandem über das Elend seiner Kindheit sprechen konnte, in der die fünfköpfige Familie beengt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt hatte, stellt aber fest, dass ihm Schreiben darüber sehr wohl möglich war. Schreiben war zu einer Möglichkeit geworden, sich in einen unbekannten Raum hinein zu äußern, in dem es vielleicht ein Nachsehen mit ihm, vielleicht ein Erbarmen für ihn gäbe.

Tatsächlich barg die Familiengeschichte Peinlichkeiten genug. Der Vater hatte einmal abschätzig über ein europäisches Nachbarvolk geäußert: „Eis machen und singen, das können die Italiener.“ Der Sohn hatte sich vorgenommen, tiefer in die fremde Wirklichkeit einzudringen. Anlässlich einer Italien-Reise wird er später notieren: „Eintägiger Besuch in Cattolica. Das Paradies des billigen Deutschen. Die Pizza gibt’s dort mit Erbsen und Kartoffeln drauf, sonst isst sie der billige Deutsche nicht.“ Nein, nicht das Urlaubsparadies war billig, sondern der deutsche Tourist war es, der auf seinen Gewohnheiten bestand, sich auf die Fremde nicht einließ und das bereiste Land und seine Menschen verachtete.

Wie betörend Genazino beobachten kann, zeigt sich auch an diesem Beispiel: „Ein junger Mann mit einem Brief zwischen den Lippen. Er steigt in ein Auto und lässt den Brief zwischen den Lippen.“ Was war dem Autor hier aufgefallen, als er über den Bürgersteig ging und plötzlich innehalten musste? Hatte dieser junge Mann nicht das Ideal der Schriftstellerei erreicht, vollzogen in Übereinstimmung mit sich selbst und dem eigenen Empfinden? Hatte er mit fliegendem Atem schon an eine Antwort des Empfängers gedacht?

Das Buch

Wilhelm Genazino: Der Traum des Beobachters. Aufzeichnungen 1972-2018. Hanser, München 2023. 464 S., 34 Euro.

Zum 80. Geburtstag von Wilhelm Genazino (1943-2018) gibt es in den kommenden Wochen eine „Hommage an den letzten Flaneur“, initiiert von dem Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer: In 20 Städten von Bad Mergentheim bis Unna wird der Schriftsteller mit Lesungen, Gesprächen, Vorträgen und Filmaufführungen geehrt. Das Gesamtprogramm findet sich via www.hanser-literaturverlage.de

In Frankfurt beteiligt sich das Literaturhaus mit einem Vorlese-Abend unter dem Titel „Best of Abschweifung“ am 24. Januar. Mit Peter Lerchbaumer, Melanie Straub und Marlene Breuer. Tickets für die Veranstaltung und den Stream unter www.literaturhaus-frankfurt.de

Genazino war sich aber bewusst, dass die Wirklichkeit völlig anders aussah. Kalt: „Eine Frau in einer Straßenbahn öffnet einen Brief. Es ist kein Brief, es ist eine Werbedrucksache. Sie nimmt den Inhalt heraus, es ist ein Wäscheprospekt. Ein paar Augenblicke hebt sie den Blick und schaut auf die grauschwarz vorüberfliegende Wand des U-Bahnschachts. Dann liest sie den Prospekt wie einen Brief.“ Keine noch so beredte, theoretisch noch so fundierte Kritik der Konsumgesellschaft kann schöner sein als diese Passage; kein menschliches Wesen weiß sich gemeint, wo es allein um das Kapital und dessen Umlauferhitzung geht. Ach, der persönliche Brief, der sein könnte, sein müsste und an dem es gebricht!

Manchmal meint man, Peter Handke zu lesen: „Er wollte viel sprechen wie jemand, dem plötzlich der Sinn von Dankbarkeit aufgeht.“ Dann bricht wieder das Eigene des Autors durch, dem solches Glück der Erbauung nicht gewährt war, sondern der sacht die Risse betasten musste, die er in seinem Leben und dem der anderen fand: „Berührungen von solcher Zartheit, als fasste sie eine kaum verheilte Wunde an.“

Genazino erwähnt mehrere Autoren, die er sich gerne zum Vorbild nahm, aber auch solche, bei denen er Grund sah, sich von ihnen abzugrenzen. Im September 1989, sicher auch besorgt um den Fortgang der deutschen Geschichte, die gerade wieder in Bewegung geraten war, notiert er: „Gegen die besinnliche Philosophie Heideggers: Ein anderes Leben als ein unruhiges ist nicht (mehr) möglich. Überhaupt das Problem Heideggers: er springt von der Antike ohne Umstände in die Gegenwart. Was er ausspart, ist die Erfahrung der Moderne, der Umschlag von Geschichte. Er wundert sich, dass wir heute nicht mehr arglos wie in der Antike leben können.“

Auschwitz sollte sich nicht wiederholen, schreibt er im selben Zusammenhang; erhöhte Wachsamkeit war geboten; dem ist nichts hinzufügen. Die Erkenntnis freilich, dass Heidegger nach seiner anfänglichen Verstrickung in den Nationalsozialismus gerade im Rückgriff auf Uraltes in der Lage gewesen war, die Gesellschaft gegen erneute Barbarei zu feien, war ihm in diesem Augenblick verwehrt geblieben.

Ein Intellektueller hat Genazino nicht sein wollen. Theoretische Programme lehnte er ab. Einmal hielt er fest, was ihm eine Sekretärin geschrieben hatte: „Nicht alles, was sich in Schweigen hüllt, existiert nicht mehr.“ Dafür, dass Genazino ein feines Gehör für so manches erwiesen hat, was der Betrieb gleichgültig hatte übergehen wollen, wollen wir ihm für immer dankbar sein.

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