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Wilfried F. Schoeller, Jg. 1941, Mitbegründer der ARD-Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“.

Hessischer Rundfunk

Wilfried F. Schoeller ist tot: Literatur und Politik

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Ein Nachruf auf Wilfried F. Schoeller.

Sein Leben lang umkreiste er die Literatur, ja umzingelte sie geradezu. Als Kulturredakteur, als Literaturkritiker, als Fernsehmoderator und Filmautor, als Herausgeber und Verfasser zahlreicher Mono- und Biografien, als Organisator von Lesetagen, als Hochschullehrer, als wirkungsreicher Generalsekretär des deutschen PEN. Wilfried F. Schoellers besondere Liebe galt den verfolgten und so lange verfemten Exilanten, deren Bücher die Nazis verbrannten und verboten. Heinrich Mann (über den er promovierte), Oscar Maria Graf (dessen vielbändige Werksausgabe er vor Jahrzehnten in der Büchergilde Gutenberg betreute), Klaus Mann (dessen Tagebücher er herausgab), Alfred Döblin (über den er eine großartige Biografie veröffentlichte) – die Liste von Schoellers Arbeiten über das Exil erscheint unerschöpflich. Ein zorniger Ankläger bundesdeutscher Vergesslichkeit – nicht nur in Sachen Literatur – blieb er bis in seine letzten Lebensjahre. Nicht zuletzt darauf beruhte auch sein leidenschaftliches Engagement für den deutschen PEN, zu dessen zentralen Aufgaben die Freiheit des Wortes und der Schutz verfolgter Autoren gehören. Am Ende dieses Lebens stand ein gelungener Ausflug in die Kunstgeschichte: 2016 erschien Schoellers Lebensbeschreibung des Maler Franz Marc.

Viele Jahren waren wir Kollegen, und mancher Auftritt auf Literaturpodien oder in kulturpolitischen Diskussionen führte uns zusammen. Er war mein kundiger und mich immer gegen alle Unbilden heftig und geradlinig verteidigender Redakteur bei meinen Fernsehdokumentationen über Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig.

Viel wichtiger: Schoeller war der Erfinder und Leiter der Sendung „Bücher, Bücher“, die der Hessische Rundfunk viele Jahre mit einer den Ruf des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zierenden Häufigkeit ausstrahlte. Mit seiner Bitte, in dieser Sendung den Bereich Sachbuch zu betreuen und zu moderieren, begann ein viele Jahre anhaltender enger Austausch, und immer wieder war es die Exilliteratur, die uns bei der Arbeit und beim Rotwein fesselte. Ein streitbarer Mann konnte er sein, und wie wir alle war er nicht ohne Eitelkeit. Bis zu seiner Pensionierung blieb er jedoch nicht nur ein unerbittlicher Verteidiger seiner Sendeplätze, sondern auch seiner Autoren.

Für Schoeller waren Literatur und Politik ein nie zu trennendes Gespann. Schon Ende der 70er Jahre veröffentlichte er ein kleines Buch über den Dichter Christian Friedrich David Schubart, der zehn Jahre auf Befehl seines württembergischen Landesherrn in der Festung Hohenasperg schmachtete. 2006 gibt er den text+kritik-Band über den Schriftsteller, Spanienkämpfer und KZ-Häftling Jorge Semprún heraus. In seiner „Vorrede“ schreibt Schoeller: „Das Werk Jorge Semprúns entsteht aus einer doppelten Revolte: gegen Nationalsozialismus und gegen Stalinismus, gegen die beiden Ideologien, die das zwanzigste Jahrhundert beherrscht und zu einer unermesslichen Zahl von Opfern geführt haben, und gegen die Ordnung einer Normalität, die auf das Verdrängen, auf Amnesie dieser Erfahrungen setzt.“ Mit Wilfried F. Schoeller, der gestern im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit in Berlin gestorben ist, verlieren wir nicht nur einen der großen Kenner unsere Literatur, sondern auch eine der wichtigen liberalen Stimmen, die in unserem sich verhärtenden Land immer seltener zu hören sind.

Wilhelm von Sternburg war von 1989 bis 1993 Chefredakteur Fernsehen des HR.

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