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In einsamen Wüstengebieten Kaliforniens siedeln bei Jonathan Lethem ganz spezielle Menschengemeinschaften.

„Der wilde Detektiv“

Kaninchen, die Kakteenküchlein backen

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„Der wilde Detektiv“, Jonathan Lethems fantastischer Roman über bizarre Subkulturen und die bröckelnde Zivilisation.

Sie hat „eine Art Schwatzschalter“, wie sie offenbar in New York serienmäßig geliefert werden, und ist, sobald eingeschaltet, leicht spöttisch bis schwer sarkastisch. Er trägt eine „alberne Jacke“ aus rotem Leder, dazu Koteletten, „breit und buschig“. Er ist außerdem schweigsam, aber ab und zu teilt er Weisheiten aus à la: „wer wird nicht vermisst?“ Sie sucht am 14. Januar 2017 um 20 Minuten nach 9 sein Büro (irgendwo im Umkreis von L. A.) auf, weil die 18-jährige Tochter, Arabella, einer guten Freundin vermisst wird. Er, der Detektiv, holt erstmal – nein, keine Waffe und auch keine Whiskyflasche, sondern ein Opossum namens Jean aus der Schreibtischschublade. Ein wenig später springt ein Mädchen aus dem Schrank. Und Erzählerin Phoebe Siegler, Vielrednerin aus dem Big Apple, kommt sich plötzlich vor wie eines der „verlorenen Mädchen, die auf ihre Detektive warteten“. Dieser heißt Charles Heist; „heist“ übrigens bedeutet auf Englisch „Raubüberfall“. 

Jonathan Lethem, selbst ein Schnüffler auf den Spuren des Fabelhaften und Bizarren, hat einen Detektivroman geschrieben – so jubelten vor allem die, die mit dem Buch Geld verdienen wollen, und jede Variante von Krimi geht schließlich immer. Das ist aber, trotz des Titels „Der wilde Detektiv“ (Orig. „The feral detective“), höchstens die viertel Wahrheit.

Reichlich absonderliche Figuren

Der 1964 geborene Amerikaner hat einmal mehr sein Zirkuszelt der Trug- und Fantasiebilder aufgeschlagen, es treten darin reichlich absonderliche Figuren auf. Auf den 334 Seiten (der Übersetzung) meint man immer wieder, die Schläge zu hören, mit denen Lethem Wirklichkeitspflöcke in den Boden rammt, auf dass wir seine Geschichte nicht als Hirngespinst abtun. Mount Baldy spielt eine Rolle, das kalifornische Zen-Zentrum, in dem Leonard Cohen Erleuchtung suchte. Die junge verschwundene Frau schwärmte für Cohen, zog es sie also dorthin? Das frisch vereidigte „Trumpeltier“ spielt eine Rolle und gleich auch schon der Protestzug der Frauen mit den pinken Mützen. Aber es steht auch ein Riesenrad, eigentlich ein ganzer versandeter Jahrmarkt mitten in der Wüste. Im Nirgendwo treffen Kaninchen auf Bären und der alte Bärenkönig wird sich mit dem neuen Bärenkönig blutig duellieren, bis einer sterbend auf dem Platz bleibt. 

Ein Zitat über das barbarische Volk der Yahoos stellt Lethem an den Anfang, nicht von Jonathan Swift, nicht aus „Gullivers Reisen“, sondern von Jorge Luis Borges, darin der Satz: „Sie (die Yahoos) stellen die Kultur dar, wie wir sie trotz unserer vielen Sünden darstellen.“ Lethems offensichtliche Yahoo-Variante sind die Bären, vollbärtige, ungewaschene Biker, Hells Angels und Ex-Knackis, saufend, Dope rauchend, gewalt- und in den Tod verliebt. „Männer wie Rückstände auf dem Wüstenboden.“ 

Aber ist die andere wüstenbewohnende Subkultur, sind die hippieesken, sektenhaften Kaninchen so viel besser, die die Kondensstreifen am Wüstenhimmel für Botschaften halten und sich selbst für überlegende Wesen, weil sie Kakteenküchlein zu backen verstehen? Sie haben bei sich einen kranken Bären angekettet und Chefkaninchen Anita erklärt Phoebe ungerührt: „Wenn’s ihm dann besser geht, können wir ihn umbringen.“ 

Jonathan Lethem mischt Utopiebrocken mit Dystopiebruchstücken, aber im Prinzip geht es in ziemlichem Tempo immer bergab mit dieser Welt. Die Kaninchen sind „Überlebende einer Katastrophe, die noch gar nicht eingetreten war“ – aber, liest man heraus, ohne Zweifel eintreten wird. Denn die Flut nagt schon am Rand und der Wurm ist in der Knospe angekommen; ein Wurm namens Trumpeltier im Präsidentenamt.

So spottet (noch) Phoebe Siegler, während sie „ehrliche Gespräche über den Weltuntergang“ führt, während sie trotzdem an der Seite des wilden Detektivs auf der Suche ist nach Arabella, die sich inzwischen rätselhafterweise Phoebe zu nennen scheint. Aber dieser neue Präsident nimmt die Original-Phoebe doch auch schwer mit. Und mit ihr, möchte man meinen, nimmt die politische Entwicklung in den USA auch Jonathan Lethem schwer mit. „Habt ihr Scheißkerle überhaupt gewählt?“ schreit seine Erzählerin die Bären an, in Versalien sogar. Es passt nicht wirklich zu ihrer Coolness und Schnodderschnauze.

Der wilde Detektiv ist nicht sehr wild

Es ist außerdem der wilde Detektiv – einmal wird er auch atavistisch genannt, einmal ungezähmt – nicht sehr wild, vielmehr ein romantischer (Frauen-)Held. Mit kräftiger Brust und sehnigen Armen, maulfaul, aber mutig und tatkräftig, Retter der Armen und Schwachen – und seien die auch ein Opossum mit Harnwegsinfektion. Schon bald hat Phoebe Siegler Sex mit Charles Heist und kann nun frotzeln: „Was hatte ich bloß aus meinem Leben gemacht, dass ich zum Kommen hierher gekommen war?“ 

Man könnte meinen, dass Jonathan Lethem einen absichtlich aufs Glatteis führt, während er einerseits Spaß daran hat, ein paar feine Stereotype des Detektiv-, aber auch Liebesromans einzurühren in seine Melange. In die abenteuerliche Mischung, in der er sich auch lustig macht über Künstlertypen, Motorradtypen, Esoteriker, Zen-Jünger, Aussteiger aller Art, Feministinnen. Andererseits dreht so manche Figur durch in diesem Roman, bröckelt die Zivilisation an vielen Ecken, gehen die Antworten aus. 

Schwer zu sagen, ob man der zuletzt ziemlich zuversichtlichen Phoebe trauen kann, nach deren Meinung die Welt, wie wir sie kennen, zwar untergeht (untergegangen ist), es aber um ihre Leitartikel, Konzeptkunstinstallationen, Sektempfänge nicht schade ist. Nach Lektüre des „wilden Detektivs“, dieses rasanten, manchmal schwindelerregenden Ritts durchs jüngste Lethemsche Universum, kann ein Gedanke an diese Dinge allerdings auch irgendwie tröstlich sein.

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