Honoré de Balzac

Er war wild auf das Ganze

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Man liest ihn nicht, man verschlingt ihn: Honoré de Balzac zum 220. Geburtstag.

Am 20. Mai 1799 um elf Uhr vormittags wurde Honoré de Balzac geboren. Mehr als 15000 Buchseiten später stirbt er am 18. August 1850. Lehrer und Oberlehrer versuchen einem beizubringen, dass es auf die Qualität ankomme, nicht auf die Quantität. Es gibt aber Autoren, deren Meisterschaft zeigt sich nicht in ein paar wunderbaren Zeilen oder gar in einem „makellosen“ Stil, sondern in der unstillbaren Energie, nichts auszulassen, in dem Feuer, mit dem sie alles, das ihnen begegnet, verbrennen, um es sichtbar zu machen. Balzac ist eine Fabrik, angetrieben von Schulden, die je mehr er sie abzuwerfen versucht, desto größer werden. Kein Autor hat die Anziehungskraft und die zerstörerische Wucht des Geldes so ins Zentrum des menschlichen Lebens gerückt wie Balzac. Karl Marx, auch zeitlebens ein großer Schuldner, lobte ihn dafür wie er sonst nur noch Shakespeare lobte.

Balzac liest man nicht. Man verschlingt ihn. Dennoch produzierte er seine Bücher schneller, als wir sie konsumieren. Sein Tempo ist das der Moderne. Die Eisenbahn war eben erst zur Welt gekommen, da rast Balzac schon im TGV durch Frankreich. Er nimmt alles wahr, weiß über alles Bescheid. Hat er es nicht gesehen, hat er es erahnt. Er kann die Einsamkeit einer auf dem Lande lebenden Frau ebenso zu Herzen gehend beschreiben, wie eine groß angelegte betrügerische Spekulation oder die Eroberung einer widerspenstigen Schönheit, ein Gemälde so gut wie eine Landschaft. Wenn er sich hinsetzt und schreibt, dann gibt es nichts, das er nicht kann. Doch nichts liegt ihm ferner als der Wille, ein großer Autor zu sein. Er ist es viel zu sehr, um es auch noch wollen zu wollen.

Leben soll, was er schreibt. Es soll ihm entgegenspringen, ihm widerstehen und ihm erliegen. Jede Umarmung, die er schildert, muss er spüren, jeden Gedanken seiner Helden in schweren Wehen zur Welt bringen. Leben seine Geschöpfe, lebt er. Der Leser mag sich wehren, er mag in seinem Sessel sitzen und mit gespitztem Bleistift und einem gefüllten Glas den kritischen Kopf markieren, er wird sehr schnell Balzac erliegen und zum Kind werden, das völlig gebannt einer Handlung folgt, sich in die Menschen hineindenkt und von dem Buch nicht lassen kann, als wäre es eine jener zeitplündernden Fernsehserien, die, wenn sie gut sind, nichts sind als die Kindeskindeskinder Balzacs.

Alles hat Charakter bei Balzac. Jeder Mensch, jeder Baum, jede Straße. Alles lebt. Durch ihn. Alles hat er behaucht. Das langt nicht: Er hat es in seine dicken Finger genommen und durchgeknetet und durchgeschwitzt, bis dieser Teig Fleisch von seinem Fleisch war. Aber das kostet Zeit und die hat er nicht. Aber immer wieder nimmt er sie sich. Manche seiner Romane holen weit aus. Bei anderen steht man vom ersten Satz an mitten drin. Immer wieder schließen sich an kleine Beobachtungen allgemeinste Betrachtungen an. Dann wieder läuft es umgekehrt, da liefert der Erzähler erst, nachdem der Causeur das Prinzip erklärt hat, die Beschreibung nach.

In meiner Schulzeit erklärte man mir, so dürfe ein Autor nicht verfahren, seine Erzählungen dürften keine Deduktionen aus einem Allgemeinen sein. Bei Balzac sind Philosoph und Erzähler ein und dieselbe Person. Nichts käme ihm und auch seinen Lesern falscher, ja verderbter vor, als ihn aufzuteilen. Sie lieben Balzac, weil er Dichter und Analytiker ist, weil er aufbaut und einreißt, weil er rücksichtslos ist wie das Leben selbst und auch zart wie es.

In der „Comédie Humaine“ immer wieder Jahreszahlen und Orte. Die Geschichten entkommen der Geschichte nicht. Sie sind ihr eingeschrieben auch dort, wo sie ihr entrissen werden. Gerade das ganz und gar Erfundene schmückt sich gerne mit dem Realismus eines Datums. Zu Balzacs Zeiten waren diese Daten nur wenige Jahre entfernt vom Jahr der Veröffentlichung. Aber selbst heute noch, wo ein Herbst des Jahres 1826 uns äonenweit entfernt vorkommen mag, schafft es im Text doch eine Nähe. Die bloße Tatsache eines Termins rückt die Handlung in den Alltag des Lebens. Es gibt kein „es war einmal“. Alles hat einen Platz in einem Terminkalender. Und alles sprengt ihn. Hinter jeder Tür ein anderes Leben, und was ich sagte über die Allgegenwärtigkeit des Charakters wäre völlig verkehrt, wenn man nicht verstünde, dass der ein Produkt der Verhältnisse, eine Reaktion auf seine Umgebung ist.

Nichts und niemand steht für sich. Jeder hat seinen Ort in einem strengen Periodensystem. Der Autor weist einem jeden seinen Platz an. Aber das Periodensystem hat eine eigene Dynamik. Die Gesellschaft und jeder von uns ist das Produkt der Bewegung der Elemente, die aber reagieren auf uns. Wir sind Opfer und Täter zugleich in diesem gewaltigen Schauspiel, das Balzac weniger geschrieben als geschaffen hat. Er war wild auf das Ganze. Ihm hetzte er hechelnd nach.

Wir rennen noch immer atemlos hinter ihm her.

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