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Fee an der Wiege

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Wenn Mütter und Töchter einander in die Falle gehen

Für die deutschsprachige Leserin ist es etwas überraschend, aus welchen literarischen Produkten ihres Sprachraums die französische Kinderpsychiaterin und Drehbuchautorin Caroline Eliacheff und die Soziologin Nathalie Heinich in ihrem Buch über Mütter und Töchter zitieren - aus Jelineks Klavierspielerin, so viel lag nah. Aus Vicki Baum. Aus Thomas Bernhard - ausgerechnet einem also, dessen Frauenfiguren nicht gerade als zahlreich, geschweige denn bestimmend im Gedächtnis haften bleiben; einer, der bisweilen gar der Misogynie gescholten wurde. Doch vielleicht gerade weil Bernhard sich traute, selbst dem Schlechtesten zwischen den Menschen ins Auge zu blicken, ob Mann, ob Frau, konnte er auch so missliebige Gefühle in Worte fassen wie die der Mutter aus dem Stück Am Ziel: "Du verstehst mich doch / Du bist für mich bestimmt / Ich hab dich für mich auf die Welt gebracht... Du zweifelst doch nicht daran / dass du gehörst mir allein nur mir allein / Du gehörst mit Haut und Haaren mir."

Ungewöhnlich ist bereits, dass ein psychoanalytisch angelegtes Buch sich der Fiktion, nicht der klinischen Erfahrung bedient, um seine Thesen zu untermauern. Doch gelingt dieses Vorhaben, weil sich die Autorinnen ganz furchtlos "ans Eingemachte" wagen und dabei gleichzeitig eine angenehme Distanz zu ihrem Gegenstand halten; weil sie sich der Psychoanalyse als Instrument in einem Verstehensprozess bedienen, dessen Ergebnisse auch dem Laien nachvollziehbar gemacht werden. Und so erstellen Eliacheff und Heinich eine umfangreiche Typologie möglicher Mutter-Tochter-Beziehungen, in der tatsächlich diejenige Figur einen besonders prominenten Platz einnimmt, die in der zitierten Stelle von Thomas Bernhard das Wort ergreift: die Frau, die "mehr Mutter als Frau ist", sich geradezu über die Liebe zur Tochter definiert - und diese auf eine so vereinnahmende und dabei den Vater ausschließende Weise liebt, dass man von einem "platonischen Inzest" sprechen kann.

Nun versuchen die Autorinnen keineswegs, die Diskussion um den physischen Missbrauch von Kindern durch Väter oder sonstige männliche Verwandte auch auf Frauen auszudehnen. Es ist sogar ausdrücklich nicht das Paradigma der Sexualität, um das ihre psychoanalytischen Thesen kreisen, es ist das der Identität. Beim platonischen Inzest will die Mutter das Kind auf andere als körperliche Weise besitzen, ihre Wünsche an ihrer Tochter, durch die Tochter erfüllen - die zum Beispiel all das Ersehnte verwirklichen soll, das die Mutter nicht erreichen konnte. Du sollst es besser haben - Du sollst ich sein - Du gehörst mir.

Von der Identität zur Konkurrenz

Es ist der trivial klingende Umstand, dass Mutter und Tochter demselben Geschlecht angehören, der die Mutter verführt, besonders die Tochter als Teil ihrer selbst zu betrachten; der es der Tochter schwer macht, die Mutter zu lieben und gleichzeitig ein eigenes Individuum zu werden. Umgekehrt gibt diese Ähnlichkeit auch einer anderen Sorge den Anstoß: Was, wenn die Tochter tatsächlich die Mutter übertrifft, wenn sie das erhoffte glückliche Kind wird - glücklicher als die Mutter? Zu den am meisten beschwiegenen Gefühlen zwischen Mutter und Tochter, jedenfalls in der psychoanalytischen Praxis, meinen die Autorinnen, gehöre die Eifersucht der Mutter auf das Kind. Doch zeigt nicht jede Tochter, zumal wenn sie selbst Mutter wird, ihrer eigenen Mutter, dass sie dem Alter, dem Schwinden ihrer Schönheit, vielleicht dem ihrer Sexualität - dem Tod näher rückt?

Die Ambivalenz ihrer Gefühle, bereits angesichts der neugeborenen Tochter, mag die Mutter insgeheim erschrecken - im Grunde unnötig, wie die Autorinnen an Dornröschens Beispiel zeigen: "Die böse Fee mag letztlich der kleinen Prinzessin so viel Schlechtes wünschen, wie sie will... Es stehen genügend gute Feen an der Wiege, um der Kleinen die Zukunft zu sichern. Aber man darf auch nicht so tun, als gäbe es die böse Fee nicht - als wäre sie nicht zum Fest eingeladen. Denn dann rächt sie sich."

In einem ihrer gelegentlichen, kurzen, aber sehr erhellenden Ausflüge in die heutige gesellschaftliche Umgebung von Müttern und Töchtern führen die Autorinnen an, dass es gerade in einer Zeit, in der der Müttergeneration viele berufliche Möglichkeiten noch nicht offen standen, häufig zum beschriebenen Typ der "Du sollst es später besser haben"-Erziehung kommt. Und je lautstarker die Mutterliebe gesellschaftlich gepriesen wird, desto weniger Raum bleibt den tatsächlichen Gefühlen, die der Idylle nicht entsprechen: Man erwartet von einer Mutter, dass sie ihre Erfüllung in der Hege der Tochter finde; und man schilt die Töchter, die gegenüber der aufopferungsvollen Mutter undankbar sind.

Neben dem Typ dieser passionierten Mutter gibt es auch andere Mütter, solche, die "mehr Frau als Mutter sind", die ihr Kind an den Rand ihres Lebens verbannen, wenn Beruf, Ehemann oder Liebhaber näher stehen. Es gibt Mütter, die krank, die einsam sind, die ihre Töchter aus diesem Grund instrumentalisieren. Es gibt Töchter, die nur in der Selbstzerstörung ihrem Gefühl von Unterlegenheit etwas entgegensetzen (und sich gleichzeitig an der Mutter rächen) können. Es gibt Töchter, die sich in der Adoleszenz von der vermeintlich niedriger stehenden Mutter zu distanzieren suchen - diesen Fall verdeutlichen die Autorinnen an Douglas Sirks Film Solange es Menschen gibt (1958), in dem die sehr hellhäutige Tochter einer schwarzen Hausangestellten diese verleugnet, um selbst als weiß zu gelten. Eine vorsichtige Andeutung der Autorinnen, dass es zwischen den verschiedenen Generationen maghrebinischer Französinnen ähnlich aussehen könnte?

Das dichte, vielgestaltige psychische Szenario, das die Autorinnen entwerfen, will mit einiger Konzentration gelesen werden, bleibt aber nie im schlechten Sinne bloß theoretisch. Noch sucht es je die aufdringliche Intimität eines Ratgebers - selbst wenn man, hier nun tatsächlich: frau manches aus der eigenen Biographie wiedererkennen mag. Anderes erinnert sehr an die Erzählungen der Freundinnen... Und wieder anderes überzeugt einfach daher, weil es sich bei der Interpretation von Werken wie Madame Bovary, Oscar Wildes Salome oder eben Bernhards Am Ziel als so überraschend, aber schlüssig erweist.

Der Dritte Mann

Bloß: Nachdem auch die Frage des Alterns, ja schließlich der Tod einer Mutter behandelt wurde, wird das Buch zum hinteren Buchdeckel hin immer dünner, und ein Happy End ist noch nicht in Sicht. Die Autorinnen müssen wohl gespürt haben, dass ihre Konzentration auf die pathologischen Extreme der Mutter-Tochter-Beziehung ein ziemlich düsteres Licht auf die ganze Angelegenheit wirft. Tapfer erinnern sie daran, dass nicht jede Mutter-Tochter-Beziehung, die Ähnlichkeiten mit einer der beschriebenen Verzerrungen aufweist, gleich aus den Fugen geraten sein muss. Und emphathisch empfehlen sie, der Verklärung der reinen Mutterliebe zum Trotz, dass ein Dritter in der ersten engen Beziehung des kleinen Mädchens zugelassen wird.

Dieser Dritte, der aus der unheilvollen Zweiersymbiose das gesündere "Dreiecksverhältnis" macht, muss nicht unbedingt der biologische Vater sein, doch eine immerhin bedeutsame Person, die die allzu enge Identifizierung von Mutter und Tochter aufzubrechen vermag, so dass beider Schicksale nicht aneinander gekettet bleiben und ihre Beziehung sich den verschiedenen Alters- und Lebensstadien anzupassen vermag. Was derweil an Liebevollem und Lustigem, an Verständnis und körperlicher Nähe zwischen Müttern und Töchtern stattfindet und gelingt, diesen guten Momenten geht es ein bisschen wie denen jeder anderen intensiven Beziehung: Vielleicht gerade weil sie unspektakulärer sind, als das rosarote Wunschbild es will, werden sie stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzt.

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