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Wieder Muskat vergessen

Bottrop ist schon lange in Berlin: Ralf Rothmanns neuer Roman "Hitze"

Von Martin Krumbholz

Einst gab es eine Literatur der Arbeitswelt. Die Bände hießen zum Beispiel Bottroper Protokolle, hatten mit Fiktion wenig im Sinn, um so mehr mit der Dokumentation entfremdeten Lebens im westdeutschen Arbeitermilieu. Viele der Autoren liebäugelten mit dem realen Arbeiter- und Bauernparadies nebenan. Zum Tanzen brachten sie die Verhältnisse nicht, dazu waren die (Laien-)Autoren zu unmusikalisch, aber sie protokollierten sie redlich. Man sollte einige dieser Bücher aus den Antiquariaten holen und wieder einmal lesen. Sie halten ein bedeutendes Stück bundesdeutscher Mentalitätsgeschichte fest.

Ralf Rothmann, 1953 im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, hat sein Bottrop schon lange nach Berlin verlegt. Kreuzberg ist ja nicht nur türkischer als die Türkei, es ist auch kohlenpottiger als der Kohlenpott; der gute alte Brikettofen war hier bis in die jüngste Vergangenheit gang und gäbe. Dafür waren die Wohnungen billig. In ihnen wohnten und wohnen oft Bohemiens vom Schlage eines Simon DeLoo, vierzig Jahre alt, ehemaliger Kameramann: Er ist der Held in Rothmanns jüngstem Roman Hitze. Held ist natürlich wieder einmal das falsche Wort, eher ist der schweigsame DeLoo das Kameraauge, durch das der Leser des Romans die Milieus inspiziert, an denen dem Autor gelegen ist. Es geht um eine Großküche und ihre Machenschaften ("Mexikanisches Bohneneintopf . Umrühren. Einfüllen."), später auch um Frauen und ihre Liebhaber. Man kommt sich beinahe vor, als säße man im Kino, so genau hat Rothmann recherchiert, so detailgetreu schildert er das Milieu, so originaltonmäßig bringt er die Sprüche der Küchenmeister und ihrer Gesellen auf der Tonspur unter.

Bottrop revisited: An den Entfremdungsprozessen hat sich wenig geändert, nur schwingt kein Arbeiter mehr die rote Fahne. Erst kommt die Maloche, dann der Alkohol ("Also, ich zum Beispiel trinke Pils, Harry dito. Bernd kippt alles, was prickelt, Emil alles, was schäumt... Kapiert?"). Großküche ist Knochenarbeit, und der wirkliche Grad der Entfremdung wird spürbar, wenn der Chefkoch Emil all seinen künstlerischen Ehrgeiz in ein Kochen investiert, dessen schiere Quantität alle Feinheiten zuschanden zu machen droht. "Quatsch keine Arien, sagte Emil und probierte eine Fingerspitze voll Püree. Hast schon wieder Muskat vergessen. Er stieß einen Pfiff aus. Bernd, Imre! Abfüllen hier!"

Doch längst ist "Entfremdung" ja ein viel zu großes Wort. Kein Mensch denkt daran, und auch der Autor wohl nur insgeheim. Die Typen, die er im Maßstab eins zu eins in seinen Roman hineinkopiert, sind froh, einen Job zu haben; das gilt sogar für den feinsinnigen Protagonisten, über dessen Assimilationsvermögen man sich wundert: Was hat er in dieser rauen Männerwelt verloren, in einem Milieu, in dem Frauen häufig in der Funktion von Prostituierten auftauchen, deren Sprache sich dadurch auszeichnet, dass sie den Männerjargon an männlichem Gehabe übertrumpft? Muss er nicht ein Fremdling sein, ein Außenseiter, ein Repräsentant unglücklichen Bewusstseins?

Vielleicht, aber Rothmann scheint auch das nicht thematisieren zu wollen. Die Innenwelt des Protagonisten bleibt vermintes Terrain, für den Leser nicht zu betreten. DeLoos Blick, der Blick des Kameramanns, ist stets nach außen gerichtet, die Linse immer scharf gestellt. DeLoo fährt das Essen aus, und wenn man ihn durch Kreuzberg begleitet, über die pittoreske Bergmannstraße, am ansteigenden Chamissoplatz vorbei, dort das Pissoir umkurvend ("Gusseisen aus der Weimarer Zeit"), wenn man mit ihm die Nachrufe auf den Ziegelmauern der Kirchhöfe studiert ("Gabi: Einen schönen Tag!") - dann begreift man, dass Berlin sich von Bottrop doch nicht nur in den Dimensionen unterscheidet. Die Sentimentalität hat hier einen anderen Klang. Die berühmte Kaltschnäuzigkeit evoziert einen Nachhall, der schon fast an Warmherzigkeit grenzt. Aber hat Rothmann deswegen diesen Roman geschrieben?

Man bringt es nicht so recht in Erfahrung. Wie DeLoo als Figur ein Rätsel bleibt, so auch die Dramaturgie des Romans. Rein poetologisch gesehen, hat der Autor das Muskat nicht vergessen: Nach der ersten Romanhälfte, nach dem Anrühren des Erzählpürees, lernt der Held eine junge Polin kennen, die ähnlich spröde und unnahbar ist wie er selbst, die auftaucht, verschwindet, erneut die Szene betritt und ihn ins ländliche Polen lockt, wo DeLoo an einen obskuren Rivalen gerät, bevor er letzten Endes wieder das Weite sucht. Die Sommerliebelei bleibt episodisch.

Die Hitze in Pommernland wird fast physisch spürbar, weil Rothmann ein feines Sensorium für Atmosphärisches besitzt; allerdings scheint sie sich lähmend auch auf den Lebenswillen des einsamen Helden zu legen, dessen trauriges Schicksal fortan in die pure Aporie einer Obdachlosenexistenz mündet. Nur nimmt man an ihr keinen allzu tiefen Anteil, weil der Held selbst hinter dem Auge seiner Kamera fast unsichtbar geblieben ist. Die Außenwelt wird etwa so authentisch erfasst wie seinerzeit in den Bottroper Protokollen, und mit Sicherheit phantasievoller; aber damals war das Erkenntnisinteresse klar begründet. Der Rothmann-Leser fragt sich verwundert: Cui bono?

Ralf Rothmann: Hitze. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003, 290 Seiten, 19,90 €.

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