„Was ist ein Geräusch?“
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„Was ist ein Geräusch?“

„Wie das klingt!“

„Wie das klingt!“: Unbedingt!

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Fast so gut wie hören: „Wie das klingt!“ führt in die Welt neuer und ungewohnter Musik ein.

Pierre Schaeffers „Kochtopfmusik“ heißt zwar in echt nicht so, aber das Wort ist gut und leicht zu merken. Die „konkrete Musik“ des französischen Komponisten und Toningenieurs, die mit Brummkreisel- und Zuggeräuschen das Konzertsaalpublikum zum Rasen brachte – und mit Rasen ist hier nicht ein Rasen vor Begeisterung gemeint –, wird in diesem Buch mit Neugier und Sorgfalt beschrieben. Ebenso John Cages „4’33“ oder Arseni Awraamows gigantomanische Sinfonie der Fabriksirenen, Toshiya Tsunodas „Stücke aus Luft“, Kraftwerks Robotermusik oder Max Neuhaus’ Spaziergangs-Musik. Auch Madonna und Billie Holiday, Beethoven und Bach, Schamaninnen und Güiro-Spieler haben es in den Band geschafft.

„Wie das klingt! Neue Töne aus aller Welt“ ist eine hochinteressante Alternative zu den Orchester- und Opernbüchern, mit denen Kinder an E-Musik herangeführt werden sollen. Denn auch den Autoren Michal Libera und Michal Mendyk ist es ernst, ernster als häufig dem Publikum, das bald aufmüpfig wird, wenn das Konzertprogramm die vertrauten Bahnen verlässt. Auch „Wie das klingt!“, ein raffinierter Titel, lässt sich ja als Ausruf der Empörung verstehen. Die Ohren und sich selbst offen zu halten, ist aber die Devise, eine Vorbehaltlosigkeit, die nicht allein beim Thema Musik von Vorteil ist. Seite um Seite tun sich dann neue Möglichkeiten und Einfälle zur Klangerzeugung auf, der Plattenspieler wird erklärt wie eine Apparatur aus vorsintflutlichen Zeiten, und immer wieder soll Aufmerksamkeit geweckt werden für die Geräusche, die ohnehin bereits da sind.

„Wie das klingt!“ wertet nicht ab, wertet aber auch nicht auf. Der Schulenstreit, der die übrigens gar nicht mehr so neuen Neuen Töne begleitet, wird nur gestreift. Geschmacksfragen werden gelegentlich vergnügt andiskutiert, aber nicht entschieden. Es gilt zuerst, zu hören und möglichst auch zu verstehen, um dann (außerhalb dieses sympathisch offenen Buches) zu Urteilen zu kommen. Zu viel verlangt von vielen Konzertbesuchern, aber vielleicht nicht von neugierigen Neunjährigen. Musik ist hier auf allen Ebenen grenzenlos, aber nicht banal.

Michal Libera / Michal Mendyk (Text) / Aleksandra u. Daniel Mizielinski (Ill.): Wie das klingt! Neue Töne aus aller Welt. A. d. Poln. von Thomas Weiler. Moritz. 224 S., 25 Euro. Ab neun Jahren.

Die opulenten, durchaus grellen Illustrationen von Aleksandra Mizielinska und Daniel Mizielinski machen jedes Umblättern spannend – neue Farben und Formen sind immer wieder ein Entrée in die nächste Klangwelt. Näher an einen synästhetischen Eindruck können Menschen, die keine Synästhetiker sind, kaum kommen. Interessant auch, wie vorzüglich zum Beispiel Helmut Lachenmann oder Mauricio Kagel zu erkennen sind. Beim Blättern und Weiterblättern wird immer offenbarer, dass sich hier ein von Experten erschlossener Kosmos auftut.

Dass ausführlich erläutert wird, womit man Musik machen kann, wenn gerade kein klassisches Musikinstrument in der Nähe ist – da gibt es viele Möglichkeiten –, könnte den Geräuschpegel beim Lesen etwas anheben. Im Internet gibt es aber auch seriöse Hörproben unter www.wiedasklingt.de Längst werden Sie gemerkt haben, dass Erwachsene hier voll auf ihre Kosten kommen.

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