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Was wäre wenn? Wenn Machu Picchu noch eine blühende Stadt wäre, ein Frankfurt oder Berlin?
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Was wäre wenn? Wenn Machu Picchu noch eine blühende Stadt wäre, ein Frankfurt oder Berlin?

Laurent Binet

Wie Atahualpa Europa einnahm

  • Kerstin Klamroth
    vonKerstin Klamroth
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In seinem Roman „Eroberung“ dreht Laurent Binet die allzu vertrauten historischen Verhältnisse um und kommt zu einem für die Welt weitaus erfreulicheren Ergebnis.

Geschichte ist – so monumental sie im Rückblick auch wirken mag – nur eine Folge von Zufällen und unzähligen kleinen Entscheidungen. Von den jeweiligen Umständen, der richtigen Zeit, dem falschen Ort, hängt manchmal das Schicksal eines Landes, eines Kontinents ab. Kein Wunder, dass den Schriftsteller und Historiker Laurent Binet die Frage „Was wäre wenn“ reizt. Die Lust, alternative Fakten im besten poetischen Sinne zu präsentieren, hat ihn zu seinem neuen Roman „Eroberung“ inspiriert. Herausgekommen ist ein Spiel mit der Historie, inhaltlich und formal.

Was also wäre gewesen, wenn Pizarro 1536 nicht mit 200 goldgierigen Abenteurern in einer tolldreisten Aktion Peru erobert hätte? Wenn er den Inka-Häuptling Atahualpa, der sich in einem Bürgerkrieg befand, nicht als Geisel genommen und hinterhältig ermordet hätte? Was wäre gewesen, wenn Kolumbus tatsächlich niemals nach Spanien zurückgekehrt wäre?

Die Folgen dieser Eroberung waren für die indigene Bevölkerung fatal. Versklavung und eingeschleppte Krankheiten dezimierten das Volk der Inkas von zwölf Millionen auf wenige Zehntausende. Der Autor kann also mit der Sympathie der Leserin, des Lesers rechnen, wenn er die Weltgeschichte ein wenig gerechter macht. Laurent Binet dreht den Spieß um: Kolumbus stirbt in Übersee und keiner von seiner Mannschaft kehrt nach Spanien zurück. Stattdessen erobern die Inka und später die Azteken den europäischen Kontinent. Die Folgen für die europäische Bevölkerung sind erfreulich: Die Inquisition wird abgeschafft, Religionskriege werden befriedet und die Bauern kommen zu ihren Rechten.

Binet nimmt sein Spiel mit der Historie sehr ernst. Das zeigen schon die Quellen, die er zitiert und nur ein klein wenig verändert: das Tagebuch des Kolumbus, die Predigten von Thomas Münzer, den Briefwechsel zwischen Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam. Die Atahualpa-Chroniken erzählen vom Heldenmut des Inka-Häuptlings, in den Inkaiaden wird der weise Herrscher besungen, und der Autor weist immer wieder darauf hin, dass historische Szenen in Gemälden und Wandteppichen festgehalten wurden. Die Ironie dieser Stringenz liegt über dem gesamten Roman.

Denn in den Augen der Inkas sind die Menschen auf dem europäischen Kontinent rückständig, kleiden sich schlecht und haben ihr Zusammenleben nicht gut organisiert. Nach ihrer Überfahrt landen die Anbeter des Sonnengottes zuerst in einem Lissaboner Kloster und wundern sich dort über die „Geschorenen“, die einen „angenagelten Gott“ verehren, der in den Augen der Inka allerdings nicht allzu mächtig zu sein scheint.

Die Konfrontation der zwei Welten – hier das finsterste Christentum des 16. Jahrhunderts, dort der mythische Sonnenkult – bringt einige Verwirrungen mit sich. Doch Atahualpa, der kurzerhand den habsburgischen Kaiser Karl V gefangen nimmt und in der Alhambra als Geisel festhält, ist wissbegierig, klug und tolerant. Er liest Macchiavelli, verhandelt mit den Fuggern, sucht sich den liebestollen Heinrich VIII. als Verbündeten, sorgt für Religionsfreiheit. So schafft er es am Ende, als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gekrönt zu werden.

Man darf gespannt sein auf Atahualpas Begegnung mit Luther und Thomas Münzer, darf sich darauf freuen, dass Michelangelo mit einer Statue des Sonnengottes Viracocha beauftragt wird und die Niederlande nicht mehr abfallen von der spanischen Regierung. Ein besonderes Vergnügen sind die neuen 95 Thesen, die ein Anhänger des Sonnenkults in Wittenberg an die Kirchentür nagelt.

Ein weiterer Kunstgriff lässt Binets Plot noch wahrscheinlicher wirken: Den Atahualpa-Chroniken stellt er eine Sage voran, wonach die Tochter Eriks des Roten, Freydis, bereits im Jahr 1000 Südamerika besiedelt. So kommt es, dass die Eingeborenen Pferde und die Kunst des Eisenschmiedens kennen und sich Jahrhunderte später gegen Kolumbus und seine Männer wehren können.

„Civilizations“, so der französische Titel des Buches, wurde 2019, im Jahr seiner Veröffentlichung, mit dem Grand Prix du Roman der Académie française ausgezeichnet. Es wird auch in der deutschen Übersetzung sein Publikum finden – nicht nur ein historisch interessiertes, sondern alle jene, die sich dem Abendland und dem scheinbar so alternativlosen Gang der historischen Dinge auf eine andere, kluge und unterhaltsame Weise nähern wollen.

Laurent Binet: Eroberung. Roman. A. d. Franz. v. Kristian Wachinger. Rowohlt, Hamburg 2020. 382 S., 24 Euro.

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