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Widerstände als Ursprung der Neugier

Frigga Haug untersucht Lernbeziehungen, Jürgen Kluge die Bildungsmisere

Von Frank Keil

Die mittlerweile emeritierte Soziologie-Professorin Frigga Haug war dreizehn Jahre jung, als sie ihre erste Nachhilfeschülerin bekam. Englisch sollte sie ihr beibringen; Haug hielt das Nachzuholende für läppisch. Mit Verve ging sie an die Arbeit. Doch sie kam nicht weit: Der Nachhilfeschülerin kam kein Wort über die Lippen, so sehr die nur wenig ältere Lehrende sie auch darum bat und später anflehte, Nachmittag für Nachmittag, Monat für Monat.

Eine knappe Seite nur braucht Haug, um diesen Grundkonflikt zu schildern: Da soll eine etwas lernen und will nicht. Da will eine etwas lehren und kommt nicht dazu. Und beides hängt untrennbar zusammen. Lernverhältnisse hat Frigga Haug folgerichtig ihr neues Buch betitelt, das mit Blick auf Jahrzehnte der Lehrtätigkeit den Versuch unternimmt, sich mit den Dynamiken des Lernens zu beschäftigen. Keine leichte Kost, denn Haug nutzt ihren durchweg unlarmoyanten Rückblick zugleich für eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Lerntheorien im Umfeld der humanistischen Psychologie.

Sieben Seiten umfasst das eng bedruckte Sachregister; das gelblich-graue Papier erinnert haptisch ein wenig an die verloren gegangene DDR, doch das sollte nicht abschrecken. Wer über die Fähigkeiten des Überblätterns und Durchkämpfens verfügt und noch dazu in der Lage ist, jeweils das Richtige zu tun, der wird auf interessanten Lesestoff stoßen. Denn Haug erlaubt sich - zwischen ihren Ausflügen zu Klaus Holzkamps Auseinandersetzung mit der kulturhistorischen Schule, Paolo Freires Befreiungspädagogik oder den Feinheiten der Handlungsregulationstheorie - die bange wie kostbare Frage, ob und wie sie als Lehrende ihren Schützlingen das Lernen leicht, schwer oder gar unmöglich gemacht hat. Denn Lernen ist bei allem Lob, das diesem zuteil wird, eben zeitgleich eine Quelle der Qual, der Mühen und der Ängste. Ein Feld des Scheiterns, der Blockaden, der Verweigerung gar.

Nicht einmal fällt dabei das Wörtchen "Pisa"; tapfer enthält sich Haug einer Positionierung auf dem derzeit so quirligen Markt der Meinungen. Wichtiger ist ihr die Betrachtung von Lernvorgängen aus Sicht der Beteiligten und ihrer jeweiligen Lebenslagen: sei es der eigene Hass auf den Computer als Folge einer tiefsitzenden Lernverweigerung; sei es, sich mit den stets biografisch gefärbten Mechanismen des Schweigens, Nicht-Zuhörens oder auch Flüchtens zu beschäftigen.

Die Perspektive speist sich aus so genannten Lerntagebüchern, zu denen Haug ihre Studenten anhielt. Es galt, die jeweilige Lernlust wie (meist) -unlust wahrzunehmen, über einen längeren Zeitraum zu protokollieren und später auszuwerten. Gerade das Widerständige - so Haugs Fazit - gilt es aufzunehmen; es nicht als Dysfunktionales wegzubügeln und es nur als Störendes abzuwehren, sondern es als Ursprung aller Neugier zu nutzen, bis hin zu dem Satz, der da so leichthin klingt: "Einen Lernprozess organisieren heißt Erfahrungen in die Krise führen."

Aber die Krise ist doch längst da ! Einer, der das aktuell dazwischen ruft, ist Jürgen Kluge, Physiker und Chef von McKinsey Deutschland. Auch er hat ein Lernbuch im weitesten Sinne geschrieben, eines für die Kurzstrecke. Dem Nichtpädagogen geht es um den organisatorischen Rahmen, um die zukünftige Schule, die anlässlich der Krise der gegenwärtigen aus dieser erwachsen soll. Kluges plädiert für die Ganztagsschule nicht als Schultyp, sondern als schulische Lebensform, tritt für eine flächendeckende Versorgung mit Krippen und Kindertagesheimen und deren dazugehörige gesellschaftliche Aufwertung ein und postuliert eine freie Schulwahl der Lernenden jenseits gängiger Erwachsenenkategorien.

Das dürfte all denen nicht schmecken, die da hoffen, die Krise des Bildungssystems könnte sich für eine Revitalisierung des konservativen Wertekanons nutzen lassen. Kluge weiß, dass man durchaus beherzt Geld ausgeben muss, will man der Schule per se und jeder Schule für sich die notwendige Autonomie zum Handeln und Wirtschaften gestatten. Er nennt eine Summe jährlicher Mehrkosten in Höhe von 4,1 Milliarden Euro. Ihm als Ökonom ist zudem klar, dass eine jämmerlich bezahlte Erzieherin kaum Interesse an einer Infragestellung der von ihr angewandten Methoden und vermittelnden Inhalte haben dürfte. Außer Österreich und Deutschland gibt es kein europäisches Land, das seinen Erziehern und Erzieherinnen kein Hochschulstudium gönnt.

Gewiss, das so Addierte hat manchmal etwas Hemdsärmeliges; zuweilen kommt man sich bei der Lektüre vor wie sonntags bei Sabine Christiansen, wo der eingeladene Fachmann den Redefluss der Politik bricht, ohne dass am Ende viel bei dieser angelangt sein dürfte. Dennoch versammelt Kluge vieles an Anregendem aus der derzeitigen Post-Pisa-Debatte und hilft einem, sich auf Stand zu bringen.

Zwischendurch trifft Kluge sich mit Frigga Haug; begegnet der emsige Rufer in Sachen Umbau der Bildungsinstitutionen der mit den Feuerbachthesen ringende Professorin: Beide sind sich auf recht verblüffende Weise darin einig, dass viel Unsinn wie Unwillen damit anfängt, dass das lehrende Personal von seiner Kanzel namens Pult nun schon seit Jahrzehnten immer wieder Fragen stellt, deren Antworten es längst kennt und die es selbst nicht mehr im geringsten interessiert. Dies ist nicht allein als Kritik an der täglichen Unterrichtspraxis von standardisierter Frage und dazu passender Antwort zu verstehen; vielmehr beschreibt es das Grunddilemma in der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden: Wo die einen nicht wissen wollen, was die anderen beschäftigt, hören ihnen diese nicht mehr zu.

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