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Wider die mittelmäßigen Scribenten

Schillers Pitaval bereitet dem Menschengeschlecht "merkwürdige Rechtsfälle" zur Erbauung auf

Von YAAK KARSUNKE

Als der französische Jurist François Gayot de Pitaval zwischen 1734 und 1743 die 22 Bände seiner Causes célèbres et intéressantes herausbrachte, begründete er mit dieser Sammlung berühmter und interessanter Rechtsfälle eine eigene Gattung, die seither seinen Namen trägt: Sammlungen zeitgenössischer Kriminalgeschichten und Prozessberichte erschienen als jeweils Neuer Pitaval auch im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts.

Deutsche Übersetzungen des Originals existierten bereits im 18.Jahrhundert, wobei die zweite Ausgabe 1792 sich eines prominenten Fürsprechers versichert hatte - der vollständige Titel verhieß Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit. Nach dem Französischen Werk des Pitaval durch mehrere Verfasser ausgearbeitet und mit einer Vorrede begleitet herausgegeben von Friedrich Schiller.

Schillers eigene Affinität zu Kolportage und Knalleffekten mag bei der Übernahme der Herausgeber-Rolle mitgespielt haben, in seinem Vorwort jedoch führt er einen Tatbestand an, den er ebenso beklagt, wie er auf ihn spekuliert. Die Rede ist "von mittelmäßigen Scribenten und gewinnsüchtigen Verlegern", von denen das Lesebedürfnis breiter, insbesondere unterer Volksklassen "gemißbraucht" wird, indem man ihnen "geistlose, Geschmak- und Sittenverderbende Romane, dramatisierte Geschichten, sogenannte Schriften für Damen und dergleichen" anbietet und aufschwatzt.

Den Erfolg solcher Skandal- und Sensationsliteratur sieht Schiller "in dem allgemeinen Hang der Menschen zu leidenschaftlichen und verwickelten Situationen gegründet, Eigenschaften, woran es oft den schlechtesten Produkten am wenigsten fehlt". Der Publikumsgeschmack lässt zu wünschen übrig, und die Schmöker sind überdies einfach spannend - als Lösung bietet das Vorwort eine kühne Volte an. "Kein geringer Gewinn", heißt es da, "wäre es für die Wahrheit, wenn bessere Schriftsteller sich herablassen möchten, den Schlechten die Kunstgriffe abzusehen, wodurch sie sich Leser erwerben, und zum Vortheil der guten Sache davon Gebrauch zu machen." Das Rezept erinnert stark an die volkspädagogische Idee im Gefolge von 1968, den verblendeten Massen mithilfe einer "fortschrittlichen" Bild-Zeitung ein klassenbewusstes Licht aufzustecken - was bekanntlich auch 170 Jahre nach dem Vorschlag des Klassikers nicht so richtig geklappt hat.

Die Lücke zwischen der schlechten Gegenwart und jener leuchtenden Zukunft, in der "unser Publikum kultiviert genug sein wird, um das Wahre, Schöne und Gute ohne fremden Zusatz für sich selbst lieb zu gewinnen", sollten nach Schillers Willen Werke wie der Pitaval ausfüllen, ein solches Buch "verdrängt wenigstens, so lang es gelesen wird, ein schlimmeres", vermittelt es darüber hinaus noch ein paar Kenntnisse oder liefert Denkanstöße, "so kann ihm, unter der Gattung, wozu es gehört, der Werth nicht abgesprochen werden".

Allerhand aufklärerisches Geleitum Mord & Totschlag

Es wird, wie man sieht, allerhand aufklärerisches Geleit um Mord & Totschlag, sex and crime versammelt - nur hat der alte Monsieur Pitaval soviel Veredelungs- Rhetorik eigentlich gar nicht nötig. Zwar herrscht in seiner Sammlung kein Mangel an skrupellosen Betrügern, ruchlosen Totschlägern, Giftmischern und -mördern beiderlei Geschlechts, von eher lässlichen Sünden wie Ehebruch oder Erbschleicherei ganz zu schweigen. Das Hauptinteresse des französischen Rechtsgelehrten gilt aber meist mehr dem Rechts- als dem Kriminalfall.

Pitaval, der ein erfolgreicher Anwalt war, ist ein überaus justizkritischer Autor, der unnachsichtig Korruption und Willkür, Versäumnisse und Verfehlungen in der Rechtsfindung seiner Zeit anprangert.Besonders entschieden führt er seinen Kampf gegen die Folter, die im 17. und 18. Jahrhundert noch als legales Mittel zur Wahrheitsfindung galt und gebräuchlich war. An mehreren Fallgeschichten zeigt Pitaval, wie aus Unschuldigen durch die sogenannte "Tortur" unzutreffende "Geständnisse" herausgepresst werden, andere zu Unrecht Verdächtigte beteuern zwar selbst unter den schlimmsten Schmerzen standhaft ihre Unschuld, sterben aber dann an den Folgen der Folter, wohingegen robuste Verbrecher auch durch qualvolle Verhöre nicht vom Leugnen ihrer Taten abzubringen waren.

Zahlreiche Auszüge aus Verhandlungsprotokollen, Anklage- und Verteidigungsschriften machen die Sammlung nicht nur rechts-, sondern auch kulturgeschichtlich interessant; der Band der "Anderen Bibliothek", in dem eine Auswahl aus Schillers Pitaval erscheint, erleichtert das Verständnis zudem mit ausführlichen Anmerkungen. Herausgeber Oliver Tekolf hat den Originaltexten noch den "Verbrecher aus Infamie" von Schiller selbst sowie einen von diesem übersetzten Auszug aus einem Roman von Denis Diderot beigegeben:

Zwei ebenso erschröckliche wie erbauliche Geschichten, durchaus geeignet, den geneigten Leser zu bilden und zu bessern - denn, um es mit Schiller zu sagen: "Wie manches Mädchen von feiner Erziehung würde seine Unschuld gerettet haben, wenn es früher gelernt hätte, seine gefallenen Schwestern in den Häusern der Freude minder lieblos zu richten! Wie manche Familie, von einem Hirngespinst politischer Ehre zu Grund gerichtet, würde noch blühen, wenn sie den Baugefangenen, der seine Verschwendung zu büßen die Gassen säubert, um seine Lebensgeschichte hätte befragen wollen!"

Friedrich Schiller: "Schillers Pitaval." Hrsg. von Oliver Tekolf. Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005, 452 Seiten, 32 Euro.

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