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Lee Miller als Kriegsfotografin unterwegs, hier in Rennes, Frankreich, im August 1944. David E Scherman/Getty

Lee Miller

Kriegsfotografin Lee Miller: Von Emanzipation und weiblicher Kreativität

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Die amerikanische Schriftstellerin Whitney Scharer über die Kriegsfotografin Lee Miller, deren Verhältnis zu Man Ray, über Emanzipation und weibliche Kreativität.

Frau Scharer, es ist eigentlich überraschend, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, das schillernde Leben von Lee Miller zu verfilmen oder einen Roman daraus zu machen. Wie sind Sie auf diese Fotografin gestoßen?

Ich habe mich schon mein ganzes Leben lang für Fotografie interessiert, auch während des Studiums. Dann gab es in Boston eine Ausstellung mit den Arbeiten von Lee Miller und Man Ray. Ich bin dort hingegangen, weil ich wusste, wer Man Ray ist, und ich seine Arbeiten liebe. Von ihr hatte ich noch nie gehört. Das war 2011.

Also ist Lee Miller in den USA gar nicht so bekannt?

Ich glaube, sie wird gerade ein bisschen bekannter, aber in meinen Kunstgeschichte-Kursen habe ich nie von ihr gehört. In der Ausstellung haben mich ihre Arbeiten dann aber viel mehr gefesselt als die von Man Ray. Und natürlich diese unglaubliche Lebensgeschichte.

Sie wurde als Kind missbraucht, war Vogue-Modell, Geliebte und Schülerin Man Rays im Paris der 1930er Jahre, Kriegsfotografin … Haben Sie sich damals gleich entschlossen, diesen Roman zu schreiben?

Ich ging durch die Ausstellung und dachte: Daraus könnte man ein Buch machen. Aber ich dachte gleichzeitig auch: Ich weiß nicht, ob ich diejenige bin, die dazu imstande ist. Dann las ich eine erste Biografie über sie und schließlich alles, was ich finden konnte. Zwei Jahre habe ich nur gelesen, geforscht und darüber nachgedacht, wie ich die Geschichte erzählen kann. Dann habe ich angefangen zu schreiben.

Historische Biografien sind gerade ziemlich im Trend. Man fragt sich in diesem Genre immer, was eigentlich wahr und was ausgedacht ist.

Der Roman beruht ganz stark auf dem, was ich über Lee Miller herausgefunden habe. Ich wollte diesem Menschen gerecht werden, ihrem Wesen, ihrem Spirit. Das war mir wichtiger als alles andere. Andererseits ist das ein Roman, und natürlich habe ich mir alles Mögliche ausgedacht, Fakten ergänzt. Die Frage, wie viel Wahrheit der Roman enthält, lässt sich letztendlich nicht beantworten.

Sie haben eine große Entscheidung getroffen, indem Sie sich auf den Teil von Lee Millers Leben konzentrieren, in dem sie in Paris die Geliebte und Schülerin des amerikanischen Fotografen und Surrealisten Man Ray gewesen ist. Warum?

Ich habe viel über ihr Leben nachgedacht, über ihren Weg als Künstlerin. Und ich wollte, dass das Buch mit dem Ende ihres Lebens als Künstlerin beginnt. Das ist der Prolog. Ihre Jahre in Paris nehmen den größten Raum ein, weil das das Sprungbrett für sie war. Aber ich wollte auch die Stücke aus dem Zweiten Weltkrieg dabei haben, weil sie damals ihre besten Arbeiten gemacht hat, das, was ihr am meisten bedeutete.

Der Hauptteil spielt aber eben doch in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren, in denen Lee Miller erst bei Man Ray gelernt hat, ihm dann aber ebenbürtig geworden ist. Nur er erkennt das nicht wirklich an. Wenigstens hilft er ihr nicht auszustellen. Und dann wird aus dieser Liebesgeschichte, die die beiden auch miteinander verbindet, die Geschichte einer Emanzipation, oder?

Das Interessanteste an ihrer Beziehung ist die Verschiebung der Machtverhältnisse. Am Anfang ist er der Mächtige. Er ist älter, ein erfolgreicher Künstler, er ist ein Mann, und es ist sein Studio, in dem sie arbeitet. Aber seine romantische Besessenheit gibt ihr schließlich auch Macht über ihn. Und dieses Hin und Her im Machtverhältnis, je nachdem was die beiden für sich persönlich und als Künstler wollten, fand ich unheimlich faszinierend. Emanzipation ist tatsächlich der perfekte Begriff für das, was passiert. Lee hat ganz auf Man Ray gesetzt, und er hat tatsächlich viel für sie getan und ihr das beigebracht, was sie brauchte, um eine eigene Karriere zu beginnen. Aber sie musste sich dann aus dieser Beziehung befreien, um sie selbst zu werden, ihre eigene Identität zu finden.

In Ihrem Roman beendet Lee Miller die Beziehung, als sie herausfindet, dass Man Ray ihre Arbeiten unter seinem Namen bei einem Wettbewerb eingereicht hat.

Er hat viele ihrer Bilder allein mit seinem Namen gezeichnet. Ich habe mehrmals gelesen, dass die beiden so eng miteinander arbeiteten, dass es ihnen schwergefallen sein mag, ihre Arbeiten auseinanderzuhalten. Da geht es wieder um Macht. Er hatte sie, und hat sie damit ihrer Autorschaft beraubt.

So viel hat sich in der Kunstwelt vielleicht gar nicht verändert, was das Verhältnis zwischen Männern und Frauen angeht, dachte ich manchmal. Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen?

Zunächst habe ich gar nicht über so etwas nachgedacht. Aber während ich schrieb, habe ich verstanden, dass ich zwar immer geschrieben und dann auch kreatives Schreiben unterrichtet habe. Trotzdem habe ich das Schreiben als Hobby betrachtet, nicht als Beruf. Das ist doch verrückt, dachte ich. Ich sollte mich als Schriftstellerin bezeichnen. Und es gibt viele Frauen, die ihre kreativen Bestrebungen kleinmachen. Männer machen das weniger. Ich weiß nicht, warum das so ist.

Lee Miller scheint keine Frau gewesen zu sein, die mit anderen Frauen solidarisch war, oder? Sie beschreiben eine Szene, in der sie die Künstlerin Ilse Bing bei einer Party trifft, und diese so etwas andeutet.

Lee Miller hatte kaum Verbindungen zu anderen Frauen. Sie hatte kaum Freundinnen. Ihr fiel es viel leichter, Männer kennenzulernen, mit ihnen zusammenzusein. Teilweise, weil sie wusste, wie sie ihre Schönheit nutzen konnte, um zu kriegen, was sie wollte. Aber sie verstand sich auch einfach besser mit Männern. Ich sehe sie trotzdem als Feministin, aber als eine, die sich dessen nicht bewusst gewesen ist.

Sie haben es gewagt, auch über die körperliche Beziehung zwischen Man Ray und Lee Miller zu schreiben. Das kann leicht schiefgehen. Hatten Sie keine Angst davor?

Lee Millers Sexualität war ein Teil ihrer Macht. Ich hatte das Gefühl, ich muss darüber schreiben. Eine Sexszene ist letztendlich wie alle hochdramatischen Szenen. Die Handlung steuert darauf hin, und dann muss die Szene etwas verändern, die Handlung voranbringen, etwas enthüllen. Sonst ist es Kitsch. Aber ich hatte tatsächlich Angst davor und habe alle Sexszenen auf einmal geschrieben.

Lee Miller war direkt nach dem Börsencrash 1929 in Paris. Davon ist in Ihrem Buch nichts zu spüren. Ihre Protagonisten schlürfen Austern, gehen auf ausschweifende Partys. Warum haben Sie sich dafür entschieden, Paris aus der Expatriierten-Perspektive zu beschreiben?

Zur Sache

Whitney Scharerstudierte Kreatives Schreiben an der Universität von Washington. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie einige Jahre als Dozentin für Fiktionales Schreiben. „Die Zeit des Lichts“ ist ihr erster Roman. Er wurde bereits in mehr als zehn Sprachen übersetzt und mit dem Emerging Artist Award der St. Botolph Club Foundation ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Arlington, Massachusetts, und schreibt an ihrem zweiten Roman. Sie arbeitet auch als freie Journalistin.

Lee Miller(1907-1977) war in den 1920er Jahren Model, wurde dann eine sich ihrer Kunst bewusste Fotografin – ihr Lehrmeister war Man Ray – und schließlich im Zweiten Weltkrieg Kriegskorrespondentin.

Das Buch:Whitney Scharer: „Die Zeit des Lichts“. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 392 S., 22 Euro.

Lee Miller und Man Ray haben in dieser Expat-Welt in Montparnasse gelebt. Ich wollte einfach ihre Perspektive einnehmen.

Sie haben Kapitel in die Geschichte der Pariser Zeit eingefügt, in denen Lee Miller als Kriegsfotografin am Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitet. Sie sind ganz kurz, aber es gibt sie. Haben Sie es nicht fertiggebracht, auf diesen wichtigsten Teil von Lee Millers Karriere zu verzichten?

Ich wollte, dass sie wie traumatische Erinnerungen funktionieren. Wie Flashbacks.

Sie beschreiben zum Beispiel die Szene, in der sie in Leipzig eine junge Frau in Krankenschwesteruniform fotografiert, die Suizid begangen hat. Der Mund der Toten ist leicht geöffnet, und Sie beschreiben, wie Lee Miller mit dem Finger über ihre ebenmäßigen Zähne fährt. Was für eine Idee!

Ich war tatsächlich irgendwann besessen von Lee Millers Zähnen. Sie waren krumm und schief. Es war die eine Sache an ihr, die nicht perfekt war. Man sieht ihre Zähne auf kaum einem Bild. Sie muss selbst besessen gewesen sein davon. In einem Essay, den sie für die „Vogue“ geschrieben hat, las ich, dass diese junge Selbstmörderin sie an sich selbst erinnert hat. Ich habe immer wieder daran gedacht. Und dass ihr die Zähne dieser jungen Frau aufgefallen sein müssen.

Sie beschreiben auch die Szene, in der das berühmte Bild von Lee Miller in Hitlers Badewanne in dessen Münchner Wohnung entstand, aufgenommen von ihrem Kollegen David E. Sherman. Mir hat daran besonders gefallen, dass Sie schreiben, wie dreckig sie war. Die Inbesitznahme von Hitlers Badewanne hatte also nicht nur Symbolcharakter?

Sie muss wirklich dreckig gewesen sein, hatte Wochen auf dem Schlachtfeld hinter sich. Die beiden haben Stunden allein in dieser Wohnung verbracht, weil sie vor allen anderen dort angekommen sind. Ich habe auch gelesen, dass sie ein Schläfchen in Hitlers Bett gemacht haben.

Unglaublich eigentlich, dass eine Modezeitschrift wie „Vogue“ diese Aufnahmen veröffentlicht hat.

Ich hatte die Hefte in der Hand. Und wenn man es sieht, kann man es kaum glauben. Auf der einen Seite Mode – und dann das.

Ich möchte Ihnen etwas aus Ihrem Buch vorlesen: „In jenem Sommer in Paris wusste sie (Lee Miller) noch nichts von der Macht der Bilder, wie ein Ausschnitt die Wirklichkeit erschafft, wie ein Foto die Erinnerung definiert und die Erinnerung die Wahrheit.“

Nicht nur die Bilder selbst haben Macht, auch die Auswahl hat Macht über die Aussage. Ich wollte aber vor allem sagen, wie sehr Bilder die Erinnerung beeinflussen.

Das funktioniert auch mit Worten, mit Geschichten, die immer wieder erzählt werden, wie die von Lee Millers und Man Rays erster Begegnung, bei der sie gesagt haben soll, sie wolle seine Schülerin werden, und er antwortet, er nehme keine Schüler und fahre ohnehin am nächsten Tag weg. Worauf sie gesagt haben soll: Ich komme mit Ihnen.

Es gibt mehrere Interviews, in denen Lee Miller diese erste Begegnung beschreibt. Ich habe immer wieder versucht, diese Szene zu schreiben. Aber es hat einfach nicht funktioniert. Ich konnte sie mir nicht vorstellen. Und ich dachte darüber nach, wie Leute Geschichten über ihr Leben erfinden oder sie ausschmücken, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Und sie hat diese Interviews 50 Jahre später gegeben.

Haben Sie Lee Millers Sohn getroffen?

Nein, aber ich habe mit ihm korrespondiert. Er übt viel Kontrolle aus über das Lee-Miller-Archiv. Er hat mir nicht erlaubt, es zu besuchen. Außerdem hat er die biografischen Details des Lebens seiner Mutter einer Filmproduktionsfirma verkauft.

Hat er auf Ihr Buch reagiert?

Ich weiß, dass er es gelesen hat, aber er hat nicht reagiert.

Nach dem Krieg arbeitete Lee Miller – sie war kaum 40 – nur noch gelegentlich und dann gar nicht mehr. Sie begann zu trinken. Wie bringen Sie diese ehrgeizige Frau aus den Pariser Jahren zusammen mit dieser anderen?

Ich wollte verstehen, warum sie aufgehört hat, Kunst zu produzieren. Das ist einer der Gründe, aus denen ich das Buch geschrieben habe. Natürlich hat sie all diese Traumata erlebt, aber ich kann diese Frage trotzdem nicht schlüssig beantworten. Sie war so talentiert.

Kriegsfotografen haben es schwer, in einen Alltag zurückzukehren.

Und für sie war es wohl sogar noch schwieriger. Durch ihre eigenen Erlebnisse in der Kindheit war sie viel empfänglicher für das, was sie gesehen hat.

Interview: Susanne Lenz

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