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Whiskey

David Grand kann das

Von Sacha Verna

David Grands neuer Roman ist derart retro, dass irgend etwas daran enorm post sein muss. Oder sogar post-post. Jedenfalls sehr raffiniert und innovativ und überhaupt. Warum sonst würde ein junger amerikanischer Autor einen Krimi schreiben, der sich liest, als hätten Dashiell Hammett und Raymond Chandler ein kreatives Kaffeekränzchen miteinander veranstaltet und mit dem Ergebnis ihre Verleger beglückt? Ganz abgesehen davon, dass David Grand sich in seinem vielgelobten Erstling Louse als äußerst versierter Demonteur moderner Mythen und Regisseur apokalyptischer Zukunftsszenarien erwiesen hat? Eben. Oder?

Körperfluchten spielt in einer namenlosen Großstadt der 1930er Jahre. Da das Personenverzeichnis dieses Romans über fünfzig Akteure aufführt und der Plot sich aus circa sieben Neben- und Sub-Plots zusammensetzt, sei die Handlung hier nur in groben Zügen wiedergegeben: Victor Ribe, ein Ex-Junkie und Veteran des Ersten Weltkriegs, wird nach fünfzehn Jahren unschuldig verbüßter Haft frühzeitig entlassen und weiß nicht, warum. Vor den Gefängnismauern erwarten ihn zwei unbekannte Herren mit Zigaretten im Mundwinkel und einem Auto, in dem sie Ribe flugs in ein Schlamassel chauffieren, das bei Korruption und Gewerkschaftskämpfen anfängt und bei Kunst- und Drogenschmuggel noch lange nicht aufhört. Unter anderem werden dabei zahlreiche Nasen blutig geschlagen und Bäuche von Kugeln durchsiebt, im Hintergrund lodern Feind-, Lieb- und Leidenschaften.

David Grand versteht sich hervorragend auf das jene Stimmung, die Humphrey Bogart in seinen Rollen als hard-boiled detective lispelnd und kettenrauchend auf die Leinwände gezaubert hat. Gedimmtes Licht, gekrümmte Schatten, aufheulende Motoren. Männer mit tödlichen Aufträgen, Frauen mit Dauerwelle, Whiskey pur. Die wichtigsten Figuren sind präzis gezeichnet, wenn auch dem Genre entsprechend ein wenig schnittmusterhaft. Die Story ist etwas zu kompliziert, um wirklich spannend zu sein, aber schließlich zeichnet sich auch ein kanonisches Werk der Krimiliteratur wie The Big Sleep nicht gerade durch seine Durchschaubarkeit aus. Doch wo bleibt der literarische Kunstgriff? Worin besteht der Trick, der diesen Roman zu mehr machen würde als zu einer gelungenen Kopie populärer Vorlagen? Es gibt ihn nicht, diesen Trick. Es sei denn, man betrachtet das Kopieren an sich als metafiktionale Übung. Es malt heute niemand mehr wie Leonardo da Vinci. Keiner komponiert mehr wie Wolfgang Amadeus Mozart. Dazu besitzt heute vermutlich ohnehin niemand mehr Talent genug, und falls doch, entsteht dabei einfach nur Kitsch. Körperfluchten ist Kitsch. Sehr gut gemachter Kitsch. Wer neo-noir mag, wird dabei auf seine Rechnung kommen. Wer nach futuristischen Grisham verlangt, sollte sich nach einer anderen Lektüre umschauen.

David Grand: Körperfluchten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ralf Chudoba. Tropen Verlag, Köln 2003, 431 Seiten, 21,80 €.

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