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Die westliche Zivilisation war nicht immer ein Segen für die Zivilisierten.

Weltgeschichte

Im Wettstreit der Kulturen

Wie gewann der Westen seine Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt? Diese Frage versucht Niall Ferguson in einer Zeitreise durch die Weltgeschichte zu klären.

Von Thomas Geisen

Erleben wir gerade den Anfang vom Ende? Erleben wir, wie der Westen dabei ist, in den Abgrund zu stürzen? Verliert ein Wertesystem seine weltweite Vormachtstellung – und das nicht etwa, wie so oft befürchtet, durch Kommunisten oder Terroristen? Nein, Geschichte ist subtiler, hinterhältiger, raffinierter. Diese Abbrucharbeit erledigen die Kapitalisten, die Zocker, die Monster im Prinzip selber, denn die Finanzkrise des Imperiums ist eine „systemische Funktionsstörung der Konsumgesellschaft, die sich auf die Kauftheorie auf Pump stützt“.

In dieser Gemengelage hat sich der britische Historiker Niall Ferguson zu Wort gemeldet. „Der Westen und der Rest der Welt“ (im englischen Original kurz und knackig „The West and the Rest“) heißen seine Betrachtungen. Ferguson (Jg.1964) stellt die Frage, wie der Westen es einst geschafft hat, eben diesen Rest der Welt zu dominieren, eine Vormachtstellung, auf die keine andere Zivilisation verweisen kann.

Unglaublich, wenn man sich die wenig hoffnungsvolle Ausgangssituation des Westens im 15. Jahrhundert vor Augen führt. Im Jahr 1500 gehörten gerade fünf Prozent der globalen Landmasse zum Herrschaftsgebiet der zukünftigen europäischen Imperialmächte, auf dem Gebiet dieser Staaten lebten 16 Prozent der Weltbevölkerung. Peking war mit 700?000 Einwohnern die größte Stadt der Welt, auf der Rankingliste der Weltmetropolen war nur Paris als einzige europäische Stadt unter den Top Ten. 400 Jahre später – genau 1913 – beherrschten elf westliche Imperien fast drei Fünftel der globalen Landmasse und der Weltbevölkerung, fast drei Viertel der globalen Wirtschaftsleistung gingen auf ihr Konto. Mittlerweile war unter den zehn größten Städten weltweit nur eine asiatische (Tokio), der durchschnittliche Amerikaner ist 73 mal so reich wie ein durchschnittlicher Chinese.

Ferguson greift auf die Computer-Sprache zurück: der Westen habe eben sechs „Killer Applications“ entwickelt, die ihn befähigten, die übrige Welt fast fünf Jahrhunderte zu beherrschen: Wettbewerb, Wissenschaft, Demokratie, Medizin, Konsumgesellschaft und die protestantische Arbeitsethik. Wettbewerb, sowohl zwischen Regierungen als auch unter den Unternehmen; Wissenschaft, im Wesentlichen die Naturwissenschaften und deren Anwendungen in Technik und Militärwesen; verlässliche Eigentumsrechte, die zu Rechtsstaat und repräsentativen Demokratien geführt haben; medizinischer Fortschritt und die Verlängerung der Lebenserwartung; die Erhöhung des Lebensstandards sowie die Arbeitsethik.

Eine Schlüsselfrage für Ferguson ist, ob der Westen sein Monopol in diesen Bereichen bereits verloren hat oder nicht. Wenn der Rest der Welt in der Lage ist, diese „Killer Apps“ herunterzuladen, wäre dies gleichbedeutend mit einem Ende der westlichen Dominanz. In zehn bis 20 Jahren werden China, Indien, Brasilien uns eingeholt, ja, überholt haben.

Man könnte abwinken und anmerken, dass diese Erkenntnis spätestens seit Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (1996) hinlänglich diskutiert ist. Es ist das Verdienst des Professors für Neuere Geschichte an der Harvard University, dass er einen Schritt weiter, (beziehungsweise zurück) macht: „In diesem Buch geht es mir vor allem darum, verständlich zu machen, was der Grund dafür war, dass die westliche Zivilisation einen derart spektakulären Zuwachs an Wohlstand, Einfluss und Macht erlebte“.

Der Aufstieg des Westens ist ohne Zweifel das bedeutendste historische Phänomen der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends. Ferguson nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise – sehr plastisch, sehr spannend, manchmal redundant, auf jeden Fall aber öffnet er stets einen Blick auf Hintergründe, die oft erhellender sind als philosophische Traktate „In meiner Vorstellung von Zivilisation sind Abwasserrohre ebenso wichtig wie Schwibbögen“.

Was Ferguson liefert, ist letztlich eine Blaupause für staatliche Überlebensstrategien: Abschottung ist Todesurteil, Öffnung hingegen Katalysator und Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand. Gemessen an den Maßstäben des 15. Jahrhunderts schildert er das China der Ming-Dynastie als einen relativ angenehmen Ort zum Leben – im Gegensatz zum England dieser Epoche, wo es „einsam, arm, gehässig, brutal“ zuging. 1442 wendet sich das Blatt. Die Chinesen isolieren sich, selbst die Seefahrt wird verboten. Gleichzeitig beginnt in Europa das Zeitalter der Entdeckungen, zuerst als Wettlauf um Gewürze. Die europäischen Monarchen fördern Handel, Eroberung, Kolonisierung. Das Reich der Mitte rutscht ab zum Reich der Mittelmäßigkeit.

Nachdem die Europäer die Chinesen hinter sich gelassen hatten, zeigte sich im 18. Jahrhundert, dass der Vorsprung gegenüber dem osmanischen Reich ebenso sehr eine Frage der intellektuellen Leistungsfähigkeit wie der militärischen Schlagkraft ist. Dezentralisierung spielt eine wichtige Rolle, nämlich die Trennung geistlicher und weltlicher Macht. Auch hier wird die Abgrenzung vom Westen zum mitentscheidenden Moment für den Niedergang einer einst blühenden Kultur. Der „militante Islam“ widersetzt sich nicht nur der westlichen Religion, sondern auch der Politik. So wie die Chinesen schließlich die Seefahrerei verboten, droht ab 1515 Sultan Selim I. bei Verwendung der Druckerpresse mit der Todesstrafe.Mit der Schilderung der so ganz unterschiedlichen Eroberung von Nord- und Iberoamerika wird auch die Bedeutung des Eigentums deutlich. Während die Siedler im Norden sich zum Prototyp des freiheitsliebenden, aber gottvertrauenden Individualisten entwickeln, hinterließen die gnadenlos brutalen spanischen und portugiesischen Eroberer Kleinstaaten, in denen zwar immer wieder Freiheitskämpfer zu Ruhm gelangten, letztlich aber demokratieferne Zentralstaaten entstanden. Die westliche Zivilisation war beileibe nicht immer ein Segen für die Zivilisierten.

Bleibt die ganz große Frage, ob der Westen als Missionar und Maß der globalen Dinge ausgedient hat. Demokratie ist kein Exportschlager mehr. Gerade die jüngsten Kriege im Irak und in Afghanistan haben die Grenzen aufgezeigt. „Der Niedergang war zunächst in den Gassen von Sadr-City und auf den Feldern von Helmand zu beobachten, wo die Grenzen der Militärmacht, vor allem aber die Naivität der neokonservativen Vision eines demokratischen Umbaus des Nahen und Mittleren Ostens deutlich zutage traten.“ Da mögen die direkt angesprochenen USA stellvertretend für die Koalition der Willigen stehen. Mit der Niederlage in Afghanistan wurde der Niedergang der Sowjetunion eingeläutet. Folgt der Westen?

Mit diesem Buch gewinnt die Diskussion um den Wettstreit der Kulturen an Tiefe. Sympathisch ist auch, dass der Autor sich nicht im „Kampf der Kulturen“ positioniert. Darin aber liegt letztlich auch die Schwäche des Buches. Ferguson erzählt viel, berichtet prägnant – am Ende aber bleiben all die Fragen ohne Antwort.

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