Helga Schubert las im Grünen, Dekoration waren – wie bei fast allen der aufgezeichneten Lesungen – die berühmten Bachmann-Liegestühle.
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Helga Schubert las im Grünen, Dekoration waren – wie bei fast allen der aufgezeichneten Lesungen – die berühmten Bachmann-Liegestühle.

Ingeborg-Bachmann-Preis

Wettlesen in Klagenfurt: Alles gut

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Helga Schubert gewinnt den Bachmannpreis beim virtuellen und auch sonst spannenden Kalgenfurter Literaturwettbewerb.

Der Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 für Helga Schubert ist eine Fügung in mehr als einer Hinsicht. Der läppischste Teil davon war am Sonntagmittag keineswegs die Freude der Schriftstellerin, die unter anderem erklärte: Die in diesem Jahr ausschließlich virtuelle Übertragung der Tage der deutschsprachigen Literatur sei für sie ein Geschenk des Schicksals gewesen, weil sie ihren Mann pflege und nun trotzdem Gelegenheit gehabt habe, vom ersten bis zum letzten Moment am Bildschirm dabei zu sein. So brach das Leben in den virtuellen Raum eindrücklich ein und nach seiner, des Lebens, Art nicht auf die erwartete Weise. Diese hätte nämlich eher von einer gewissen Bitterkeit sein können, mit Blick auf die verspätete Chance vom Homeoffice aus.

Schubert, die im Januar 80 geworden ist, war bekanntermaßen im Jahr 1980 schon einmal in Klagenfurt eingeladen gewesen, hatte damals aber keine Ausreiseerlaubnis aus der DDR bekommen. Noch vor der Wende – fabelhafte Beziehungen, die größtenteils in Vergessenheit geraten sind – war sie dann aber ein paar Jahre als Jurorin dabei. Der heutige Juror Hubert Winkels erinnerte sich an seine damalige Skepsis gegen die Mitwirkende aus der DDR. Er schäme sich dafür.

Der preisgekrönte Text „Vom Aufstehen“ – schon der Titel eine versteckte Bachmann-Widmung, auf die erst die Preisträgerin aufmerksam machte – ist unverblümt autobiografisch und durchwirkt vom diskreten Anspielungsreichtum eines langen Leserinnenlebens. Schubert erzählt von den Erinnerungen an eine schwierige, unglückliche Mutter. Auch hier sind viele Gelegenheiten zur Klage – die unfreundliche Frau, die zugleich vielfach als buchstäbliche Lebensretterin auftritt, das Kind, das nicht nur aus Sicht des Vaters nicht hätte da sein sollen, die Zeitläufte und selbst die Gegenwart, eine Situation häuslicher Pflege.

Es gibt beinharte Momente, beiläufig platziert. Ein junger Niederländer verlässt die verwitwete Mutter, sein Vater will es so: „Dass sie eine deutsche Kriegerwitwe war und zehn Jahre älter als sein Sohn, das alles hätte er verstanden. Aber dass sie ihr kleines Kind weggeben wollte, schien dem Vater ein unheilvolles Zeichen.“ Gegen die Möglichkeit von Zorn und Verbitterung setzt Schubert, die Psychologin ist und lange als Therapeutin gearbeitet hat, eine abgeklärte Suche nach Genauigkeit und nach einer utopischen und doch reellen Friedlichkeit. Diese materialisiert im bescheidenen Paradies eines Gleich-aber-jetzt-noch-nicht-Aufstehens. Nebenan wartet geduldig der hilfsbedürftige Mann. „Alles gut“, heißt es am Ende. Helga Schubert erzähle, „wie man Frieden machen kann“, sagte die Jurorin Insa Wilke in ihrer Laudatio.

Charakteristisch für autobiografische Literatur, wie einfach der Text wirkt und wie vielschichtig er ist. Helga Schubert berichtete auf Nachfrage noch, dass sich bereits ein Verlag und eine Literaturagentur bei ihr gemeldet haben. Sie habe sich zuletzt aus dem Literaturbetrieb weitgehend zurückgezogen, und es sei nun eine schöne Vorstellung, das Buch, an dem sie arbeite, vielleicht veröffentlichen zu können. Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist mit 25 000 Euro dotiert.

Ab jetzt wurde es verwickelt, wie so oft bei der transparenten und doch immer wieder irre verlaufenden Ermittlung der Preisträgerinnen und auch Preisträger. Der mit 12 500 Euro dotierte Deutschlandfunk-Preis ging an Lisa Krusche, 1990 in Hildesheim geboren, deren Text „Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“ von phantastischen Tierwesen erzählt oder wenigstens von ihrer Planung. Zugleich scheint die Erde weitgehend menschenleer zu sein. Möglicherweise ist nur mehr die Erzählerin übrig, die als Avatar im Computerspiel die hirnlosen Bots erfolgreich bekämpft. Krusche schreibt das mit der Leichtigkeit und Finesse, wie sie in Klagenfurter Dystopien immer wieder auftaucht. Laudator Klaus Kastberger sprach von einem unheimlich lustigen Text.

Der mit 10 000 Euro dotierte Kelag-Preis ging dann an Kastbergers zweiten Kandidaten, eine überraschende, aber erfreuliche Konstellation: Der 1961 geborene Österreicher Egon Christian Leitner kam mit dem Text „Immer im Krieg“ zum Zug – der dritte Siegertext, in dem ein Krieg vorkam, diesmal der soziale. Hier hatten Bitterkeit und gerechter Zorn ihren Platz, aber Leitners Mosaik bestach auch durch Eigenwilligkeit und scharfkantige Details. Der Autor schreibt seit Jahren an einem riesigen „Sozialstaatsroman“, an dem wir jetzt nicht mehr so leicht vorbeikommen.

Beim mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis erst setzte sich die Österreicherin Laura Freudenthaler, Jahrgang 1984, durch, eine stark mitfavorisierte Kandidatin der neuen Jurorin Brigitte Schwens-Harrant. Freudenthaler, hatte Kastberger wirklich gesagt, werde vielleicht einmal eine unter tausend sein, die bleiben werden. Ihr Text über eine Mäuseplage im ländlichen Raum und über ein unterirdisches Feuer erzählt von menschengemachten Desastern und subversiver Gegenwehr. Um die Mäuse brauchte man sich dabei jedenfalls weniger Sorgen zu machen als um die Anwohner. Man hat eine souveräne Erzählerin vor sich, diesen Eindruck vermitteln auch Freudenthalers bereits erschienene Bücher.

Und wer der Ansicht war, dass Lydia Haiders total furioser und mitnichten simpler Text „Der große Gruß“, vorgeschlagen von Nora Gomringer, in der Jurydiskussion etwas rasch als Wiener Aktionismus rubriziert und damit abgefertigt worden war, freute sich diesmal ausdrücklich über den Publikumspreis der BKS-Bank (7000 Euro, verbunden mit einem Klagenfurt-Stipendium). Sprache kann einfach und elegant sein, aber sie kann auch ausflippen. Davon quoll der Wettbewerb nicht über.

Die Situation war insgesamt sonderbar, aber das meiste funktionierte. Bei einer Theaterinszenierung wäre wohl von einem Geisterspiel die Rede – die ästhetischen Zusammenhänge zu dem empfehlenswerten Mainzer Staatstheater-Film „Beethoven – ein Geisterspiel“ waren bei einem in Klagenfurt aber stark gedrosselten Tempo gegeben. Wer sich die Videos nach der Arbeit und nachts angeschaut hat, wusste irgendwann nicht mehr, welche jammervolle und doch aufmerksamkeitsheischende Topfpflanze wo ins Bild gekommen war. Dem in den letzten Jahren gleißend weißen Saal setzten die Ausstatter vor Ort ein blau-dämmriges Retro entgegen, in dem der Moderator Christian Ankowitsch mal hier, mal dort oder in einem Sitzei auftauchte. Die Jurorinnen und Juroren hatten jeweils ihre eigenen, zweifellos sorgfältig ausgewählten Umgebungen in der Heimat, wahlweise mit Büchern, Nippes und / oder Kunst oder nichts von alledem. Auch die Lesungen, vorher aufgezeichnet, fanden hier und dort statt. Dazu Vogelgezwitscher, Martinshörner, Glockengeläut, oft irrwitzig passend.

Selbst gebeutelt von monatelangen Zuschaltereien in Ton und Bild, verfolgten viele sicher mit Neugier, wie die Diskussion ablief. Und wer die Schalte bisher als disziplinierenden Eingriff ins freie Konferenzgeplapper wahrgenommen hatte, erlebte überrascht einen technisch weitgehend glatten Ablauf, aber eine flattrige Jury. Während einer langen Parallelaktion wies Insa Wilke „die Herren“ (stimmt, es waren immer die Herren, die beharrlich gleichzeitig sprachen) darauf hin, dass das Publikum dabei nichts verstehen könne. Das Ulkige war aber, dass man am Computer sogar jedes Wort verstand, je nachdem, für wen man sich entschied. Man konnte sozusagen der anregenderen Seite zuhören und wertvolle Zeit sparen.

Meist lag es daran, dass das zweite neue Jurymitglied, Philipp Tingler, permanent unterbrach (so unselig und unangemessen, dass man sich, wenn man selbst zum Unterbrechen neigt, zu Tode schämte). Es war faszinierend zu beobachten, wie diese Belebung des in Klagenfurt immer ein bisschen steifen Szenarios – eine Steifheit, die dadurch gesteigert wird, dass die Jurorinnen und Juroren, selbst wenn sie direkt angesprochen werden, Pokergesichter tragen –, wie diese Belebung also doch eine Pseudobelebung war. Eine Talkshow-Belebung. Ankowitsch, der aus der Ferne in Klagenfurt die Situation nicht so geschmeidig dirigieren konnte wie sonst, sagte einmal den trefflichen Satz: Das Ad-hoc (letztlich das Dazwischengerede) bringe weniger, als es den Anschein habe.

Dazu passte Winkels’ empfindliche Reaktion auf Tinglers in der Tat merkwürdig seichtes Lob des Unterhaltsamen. Langeweile gegen Unterhaltsamkeit auszuspielen, so Winkels, das sei doch ein Appell an TV-Standards. Es ist vor allem uralt. Hinreißend ferner Winkels’ Reaktion auf Tinglers Frage an Lydia Haider, was das Anliegen ihres Textes gewesen sei. „Das ist ja der Horror jeder Buchhandlungslesung.“

Überhaupt war Tingler – wer ihn bisher nicht so wahrgenommen hatte, erlebte eine nostalgische, aber trotzdem enervierende Mischung aus Pop-Attitüde, einem Ich-weiß-es-ich-weiß-es-Strebertum und Unterstellungen bei gleichzeitigem Beleidigtsein – ein erstaunlicher Beleg dafür, dass Verve und Entschlossenheit auf dem Gebiet der Literatur nicht immer weiterführen. Immer interessanter wurde einem womöglich unterdessen Schwens-Harrant, die stiller und beim Sprechen viel fahriger und individueller ihre Punkte machte. Tingler, der gelegentlich vom eingefahrenen Feuilleton sprach, war der viel eingefahrenere Feuilletonist und dabei seltsam von gestern.

Aus vielerlei Gründen – die Preisverteilung gehört dazu – war es übrigens ein Frauen-Jahrgang, ohne dass darüber ein Wort verloren worden wäre.

Kein Wort wurde während der Lesetage außerdem über die glasklare Klagenfurter Rede von Sharon Dodua Otoo verloren, Bachmannpreisträgerin von 2016. Zur Eröffnung am Mittwochabend hatte sie sich höflich und straff gegen Rassismus im Feuilleton und überhaupt unter den so genannten Gebildeten verwahrt. Es spielte dann einfach keine Rolle. Muss das irritieren? Der Wettbewerb in Klagenfurt, der sich diesmal besonders wenig um Kunst um der Kunst willen drehte, ist in der Themenwahl glücklicherweise nicht lenkbar. Die Rede steht unter bachmann.orf.at weiterhin bereit, jeder kann sie nachhören und nachlesen.

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