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Fontane-Zimmer mit dem Schreibtisch des Dichters im Märkischen Museum.

Fontane-Biografie

Ein wetterwendisches Leben

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Regina Dieterle liefert in ihrer Fontane-Biografie die dichte Beschreibung einer preußischen Dichterexistenz.

In politischer Hinsicht, so Günther de Bruyn, der große Preuße unter den zeitgenössischen Schriftstellern, sei Fontane ein unsicherer Kantonist gewesen. Ein zwiespältiges Urteil, dem De Bruyn sogleich Entlastendes anzufügen weiß. Sein „wetterwendisches Leben bietet ideologisch Einäugigen, moralischen Rigoristen und Heldenverehrern keinen erhebenden Anblick, war aber, mit all seinen Wendungen und Brüchen, wohl Voraussetzung für das Werk.“ Ein Werk, das allein schon durch seine schiere Artenvielfalt beeindruckt. Balladen, Gedichte, historische und journalistische Schriften, Reiseliteratur, Notizen und zahlreiche Selbstzeugnisse ergeben ein kaum zu überblickendes Textkonvolut.

Der am 30. Dezember 1819 im westbrandenburgischen Neuruppin geborene Theodor Fontane hat so gut wie keine literarische Ausdrucksform ausgelassen. Und wer weiß, vielleicht wäre er auch ein guter Dramatiker geworden, wenn ein abfälliges Urteil im Dichterklub „Tunnel über der Spree“, dem er über Jahrzehnte angehörte, ihm nicht früh den Schneid für das Stückeschreiben abgekauft hätte. Wer Fontane liest, kann einfach irgendwo anfangen und ganz nach Belieben weitermachen.

Biografische Schriften über Fontane gab es bereits zu Lebzeiten, und sein literarisches Werk enthält zudem viel Autobiografisches, so dass man fragen darf, ob es immer noch neuer Einlassungen bedarf. Die umfangreiche und leicht zu lesende Biografie Regina Dieterles macht aber von Beginn an deutlich, dass die kenntnisreiche und gut recherchierte Lebensgeschichte Fontanes vielfach Gelegenheit bietet, den Autor und Menschen ganz neu zu entdecken. Gerade die Selbstauskünfte Fontanes, das macht Dieterle klar, bedürfen der behutsamen Prüfung. Als lustvoller Erzähler hat er gerade auch bezüglich des eigenen Lebens geflunkert oder aus strategischen Gründen das eine oder andere, wenn es nicht an der Zeit war, verschwiegen.

Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. Carl Hanser, München 2018. 832 S., 34 Euro.

Als Fontane in den 1860er-Jahren für die konservative „Kreuzzeitung“ tätig war, wollte er von seiner schwärmerischen Phase für die 1848er-Revolution kaum noch etwas wissen. Als anerkannter Romancier, der in seinen späten Werken gesellschaftlichen Konventionsbrüchen nachspürte, gab er sich gern liberaler, als er zwischenzeitlich wohl war. Und als gediegener Schriftsteller war es ihm nicht recht, an seine Jahre als Apothekergehilfe erinnert zu werden. Regina Dieterles Leistung besteht gerade darin, diese Schwindeleien, Brüche und Wendungen in den verschiedenen Lebensphasen sowohl mit dem Werk als auch dem historischen Kontext abzugleichen. Fontanes Biografie lässt sich so als fortwährende Selbstbehauptung einer schriftstellerischen Existenz lesen, die durch Kriege, Revolution, Staatsgründung und Zensur hindurchmusste. Fontane war kein Held, der sich an die Spitze einer Bewegung setzte. Trotz einer durchaus vorhandenen Impulsivität war er einer, der es im Dabeisein vorzog zu beobachten, wenn etwas los war. Das Fontane’sche Erzähltempo lässt sich mit einer Kutschfahrt vergleichen. Alles vollzieht sich gemächlich, aber unaufhaltsam.

Regina Dieterle holt weit aus und berichtet ausführlich von der hugenottischen Herkunft der Fontanes, die als französisch-reformierte Protestanten in Preußen auf Wohlwollen und Anerkennung stießen. Der Großvater Pierre-Barthélémy Fontane war Zeichenlehrer der Königskinder am Hofe Friedrich Wilhelms II. und später Sekretär von Königin Luise. Daher rührte der Familienstolz der Fontanes, auch wenn Fontanes Vater, der Apotheker Louis Henri Fontane, aufgrund einer über einen längeren Zeitraum akuten Spielsucht samt seiner Familie manche Abstiegserfahrung hinnehmen musste. Verarmungsängste waren Theodor Fontane zeitlebens gegenwärtig, selbst als er bereits ein weithin anerkannter Schriftsteller war. Zu keinem Zeitpunkt jedoch vermochten Geldsorgen ihn davon abhalten, waghalsige Zukunftsentscheidungen zu treffen, wenn es darum ging, sich Freiräume fürs Schreiben zu verschaffen. Oft traf er sie überraschend, sprunghaft und einsam.

Seine Frau Emilie, die ihm stets den Rücken freihielt, musste wiederholt sorgenvoll zur Kenntnis nehmen, dass Fontane eine feste Anstellung verwarf, um literarische Freiheit zu gewinnen. Dabei war er alles andere als ein Hasardeur. Wie kaum jemand zuvor entwickelte er eine besondere Schreibökonomie, aus der abgeschlossene Werke erst hervorgingen, wenn sie zuvor als Vorabdrucke in Zeitungen erschienen waren.

Dennoch war gerade der Romancier Fontane ein Spätentwickler. Er war fast 60, als er jene Werke zu schreiben begann, für die er bis heute als rigoroser und subtil beobachtender Moderner gerühmt wird, obwohl er in fast allen doch auch als heimatverbundener Traditionalist zu erkennen ist. Mit dem Alten, so lange es geht und mit dem Neuen, wenn man muss, lautete seine Devise, in die Revolutionserfahrung und vaterländische Sorge zugleich eingingen. Die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ waren vor allem aus dem Motiv der preußischen Heldenverehrung heraus entstanden.

Regina Dieterle erzählt dies alles sowohl entlang der Werkgeschichte wie der Lebensdaten in der Haltung eines distanzierten Wohlwollens. Bei aller Nähe zu Leben und Werk geht sie dem Umherschweifenden und Manipulierer, der Fontane war, nie auf den Leim. Souverän breitet sie ihr aus tausenden Quellen zusammengetragenes Material aus und ist dabei nicht auf Demaskierung aus.

Auf nur wenigen Seiten etwa widmet sie sich dem zuletzt immer wieder einmal diskutierten Antisemitismus Fontanes, der eher in seinen Briefen als den Veröffentlichungen aufscheint. Obwohl Juden zu seinen besten Freunden zählten wie zum Beispiel der Theaterleiter Otto Brahm, ließ er sich immer wieder zu abfälligen Bemerkungen hinreißen, die er gelegentlich mit dem Verweis auf eine „Nervenpleite“ erklärte. Seine Tochter Martha rügte sichtlich gereizt: „Papa …schimpft mehr wie schön ist auf die Juden.“ Fontane war in dieser Hinsicht ein unrühmliches, in die Jahre gekommenes Kind seiner Zeit, Antisemitismus war gesellschaftsfähig geworden. In politischer Hinsicht war Fontane bezüglich der Judenfrage jedoch deutlich gemäßigter als der Historiker Heinrich von Treitschke, der in einem Aufsatz den ebenso fatalen wie berühmt gewordenen Satz schrieb: „Die Juden sind unser Unglück“.

Das brachte eine neue Schärfe in die Debatte, in der Treitschke im Kern für eine radikale Form der Zwangsassimilation plädierte. Regina Dieterle, die in ihrer Biografie über Martha Fontane ausführlich über die antisemitischen Regungen des Vaters geschrieben hat, belässt es aber keineswegs bei der beschwichtigenden Bemerkung, dass sich Fontanes Judenfeindlichkeit ausschließlich in den privaten Briefen artikuliere. Sie verweist vielmehr auf das Spätwerk „Der Stechlin“, wo sogenannte Häuserjuden nur auf den Tod des alten Dubslav warten, um in den Besitz seines Gutes zu kommen. Oder war es ganz anders zu verstehen? Der Leser möge entscheiden, ist Dieterles ausweichender Vorschlag.

Wer bis an diese Stelle im Text gelangt ist, dürfte sich ohnehin bereits dafür entschieden haben, Dieterles Haltung zu folgen, in der sie die Schwächen des großen Preußen durchaus bemerkt, aber sie zugunsten des Gesamtbildes mild zu bewerten geneigt ist, ganz wie es Fontane mit sich selbst am liebsten gehalten hat. In einem der zum Ende des Jahrhunderts beliebten Fragebogen bemerkte er 1891 auf die nach seiner hervorstechendsten Eigenschaften schlicht: Indifferenz. Das war natürlich geflunkert.

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