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In Europa kaum wahrgenommen: das Selbstmordattentat am 17. März 2003 in Casablanca.

Attentat in Barcelona

Die Westroute des Terrors

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Wie kam es zu dem Attentat in Barcelona? In der Welt der Romane von Tahar Ben Jelloun, Mahi Binebine und Mathias Énard lässt sich die Vorgeschichte nachzeichnen.

Als Tahar Ben Jelloun 2004 den Migrantenroman „Partir“ (dt. „Verlassen“) schreibt, der 2006 bei Gallimard in Paris erscheint, lässt er die Episoden der Erzählung in Tanger beginnen, im Café Hafa der Jahre um 1995. Es ist die Zeit der elegischen Blicke über die Straße von Gibraltar nach Europa, der kreisenden Haschischpfeifen, der Gäste, die, mit dem Rücken zur Wand, „auf den Horizont stieren, als befragten sie ihn zu ihrer Zukunft. Sie blicken auf das Meer, auf die mit den Bergen verschmelzenden Wolken, sie warten auf das Aufblinken der ersten Lichter Spaniens“. Das war Marokko, notiert Ben Jelloun, „die Erde, die ihre Kinder verstößt“. Das Land, das Azel, den 24-jährigen Protagonisten mit Juraabschluss, zum Sozialfall ohne Existenzperspektive macht („Ich habe Jura studiert in einem Staat, der das Recht mit Füßen tritt“).

Drehscheibe war immer Barcelona

Europa, aus dieser Perspektive für jede Illusion gut, hielt in der harten Realität nur ein „Spiegelbild des heimischen Gefängnisses“ bereit. Drehscheibe für die, die es übers Meer schafften, war damals schon Barcelona. Und in den 90ern, heißt es bei Ben Jelloun, „strömte Afrika“ herbei – „und diese Menschen glauben, die Grenze zu Europa sei in Tanger, im Hafen, in Socco Chico, hier in diesem elenden Café“.

Während sich Ben Jellouns Roman im Rückblick entfaltet, islamistische Vorzeichen nur andeutet, obgleich der Terror Casablanca und Madrid gerade aufgewühlt hat, erlebt der marokkanische Schriftsteller Mahi Binebine die Anschläge als existentiellen Schock, der seinen zeitgleich zu „Partir“ entstehenden Roman „Die Engel von Sidi Moumen“ auslösen wird. Zu den Anschlägen vom 16. Mai 2003 in Casablanca gibt er später zu Protokoll: „Wir dachten, wir seien gegen den Terrorismus gefeit, aber mitnichten! Die Explosion fand bei uns statt, und die Täter sind von hier. Ich wollte versuchen zu verstehen, was mit uns los ist, und fuhr nach Sidi Moumen.“ Nach Sidi Moumen, den Herkunftsort der jugendlichen Selbstmordattentäter, den „Vorstadt“-Slum vor Casablanca, in dem um die 300.000 Menschen lebten – unter erbärmlichsten Bedingungen, roher Gewalt und erpresserischen Loyalitäten.

Die Attentate von Casablanca waren gegen fünf Ziele innerhalb eines eng begrenzten Stadtareals am westlichen Hafenzugang gerichtet. Gegen Einrichtungen des jüdischen Lebens, Gemeindezentrum und jüdischen Friedhof. Und gegen Orte westlichen Lebensstils, ein italienisches Restaurant nahe dem Belgischen Konsulat, das Hotel Farah und die populäre Casa de España. Den Selbstmordanschlägen der Gruppe von vierzehn Jugendlichen, die sich als Al-Kaida-Operation herausstellte, fielen 33 Menschen zum Opfer, zwölf der vierzehn Attentäter kamen ums Leben, über 100 Verletzte blieben zurück, davon 97 Muslime. Allein in der Casa de España, einem bei Diplomaten und Geschäftsleuten beliebten Restaurant, gab es zwanzig Tote.

Mahi Binebines Reaktion auf Sidi Moumen, zwölf Kilometer von den Anschlagsorten der Metropole entfernt und doch in einer anderen Welt, sein fünfjähriger Kampf um den Roman können als exemplarisch verstanden werden: „Es war ein Schock für mich, es war schrecklich, was ich sah, es hatte nichts mit dem Marokko zu tun, das ich kannte. Zehn Quadratkilometer Baracken, Blechdächer, offene Abwasserkanäle, ich hätte ebenso in Kalkutta oder Rio sein können. Das Ganze umgeben von einer Mauer, die das Elend vor der Außenwelt verbergen soll.“ In der Mitte der Squattersiedlungen ein riesiger Müllberg, tägliche Lebenswelt, Existenz- und Sozialisationsraum der Kinder, der Jugendlichen, die später die Attentate begehen sollten, obgleich sie die Slums nie zuvor verlassen, die Quartiere jüdischen und westlichen Lebens nie aus eigener Anschauung kennengelernt hatten.

Binebines Beschreibung des Alltags der Protagonisten, gespeist aus langen Recherchen, wiederholten Besuchen in den Slums, macht den Widerspruch deutlich, in dem der Roman entstand: die traurige Sympathie für die ehedem „fröhlichen Kinder“ – und die daraus rührende Gratwanderung, „das nicht zu Rechtfertigende zu rechtfertigen“: „Ich hatte unheimliche Angst, in eine Apologie des Terrorismus zu geraten.“ Noch zur Zeit seiner Recherchen schlägt der Terror, von Al Kaida dirigiert, die Westroute über die Straße von Gibraltar ein. Zehn Monate nach Casablanca, am 11. März 2004, brechen die Zugattentate von Madrid über Spanien herein, bei denen auf Pendlerlinien zum Bahnhof Atocha 191 Menschen getötet, 2051 Menschen verletzt wurden, davon 82 schwer.

Zu den Existenzbedingungen, die Mahi Binebine aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen skizziert, gehört der über Jahre aufgestaute Hass, das Erdulden der Schläge als selbstverständlicher Teil des Lebens, das „bittere Gefühl der Demütigung, wie das Hässliche“, das die Protagonisten überall umgab. „Das verdammte Schicksal, das uns wehrlos dieser namenlosen Verwahrlosung auslieferte“, die Härte der Auseinandersetzungen, die mehr als einmal zum Totschlag unter Nachbarn oder Bewohnern des Slums führen. Es ist die Stunde der Anwerber.

Islamisten begegnen Kindern langsam

In Interviews erklärt Binebine, wie die Islamisten langsam an die Kinder herangehen, sie aus dem Müll herausholen, ihnen Unterkunft und Essen geben, sie in die Moschee mitnehmen. Sind sie „erst einmal von ihren alten Freunden und ihrer Familie entfernt – und Teil einer anderen Gemeinschaft, verschaffen sie ihnen Arbeit.“ Bewähren sie sich im Sinne der Indoktrination, erhalten sie ein kleines Einstiegskapital, das ihnen hilft, ihr Leben einzurichten. „Und dann im letzten Schritt kommt die Radikalisierung.“ Was lange im Unauffälligen währt, kommt schnell in die letzte, brutale Phase. Vom Satz „Du bist auserwählt“, so Binebine, werde es einfach: „Es braucht zwei Jahre, um eine menschliche Bombe zu erschaffen. Das ist nicht viel.“

Am 28. April 2011 kommt es in Marrakesch – der arabische Frühling hat Marokko im Februar erreicht – zu einem Anschlag auf das Café Argana am alten Marktplatz Djemaa el Fna. Zwei über Fernauslöser gezündete Bomben töten 17 Menschen, darunter 11 Ausländer. Eine unbekannte Anzahl von Menschen wird verletzt. Als Ziel des Anschlags unter Supervision von Al Kaida gelten die Reformen des marokkanischen Königs Mohammed VI., der Tourismus generell, die wirtschaftliche Basis Marokkos. Der Anschlag wird zur „Bassspur“ für Mathias Énards Roman „Straße der Diebe“, dessen Protagonist Lakhdar, 20 Jahre alt, von seiner Familie verstoßen, sich zwei Jahre lang mittellos auf den Straßen Tangers und Casablancas durchzuschlagen hat, bis er – nach dem generellen Muster der Anwerbung – durch die Vermittlung eines früheren Kumpels in der Moschee einer Islamistengruppe Unterschlupf und Auskommen findet.

Vermittler zwischen Orient und Okzident

Er erhält ein Zimmer zum Hinterhof, einen Vorschuss, um sich einzurichten und steht als Buchhändler der „Gruppe zur Verbreitung des koranischen Gedankenguts“ unter Beobachtung. Seine Bewährung wird in Frage gestellt, als er bei der Initiation, der gezielten Verwüstung der französischen Buchhandlung, einem Anschlag im Kleinen, „versagt“, deren Besitzer er als Stammkunde gut kennt. Den die Islamisten aber als „Schande des Viertels“ denunzieren.
Mathias Énard, Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2017, der mit „Straße der Diebe“ vier Monate nach dem Anschlag von Marrakesch begann, lässt sich von seiner Haltung als Vermittler zwischen Orient und Okzident, der die Herkunft Europas von den südöstlichen Ufern des Mittelmeers betont, zu dramaturgischen Maßnahmen verleiten, die seinen Protagonisten gegen die eingespielten Mechanismen stellen und Distanzierung von den Islamisten verlangen.

Eine Geschichte des Nicht-wissenwollens

Die Vorgeschichte des Anschlags von Marrakesch wird verschleiert, und auch diese Haltung erscheint exemplarisch. Es ist eine Geschichte des Nicht-wissenwollens („Mir fiel ein, dass er zwei Abende zuvor von einem Attentat geredet hatte, das die Menschen vor den Kopf stoßen, zur Konfrontation zwingen würde – unmöglich.“), die Lakhdar am Ende seiner Odyssee in Barcelona einholen wird.

Énard rückt die Beziehung zu einer Arabistik-Studentin aus Barcelona in den Vordergrund, die Lakhdar in Tanger über den Weg läuft und dem Autor erlaubt, den Süden und den Norden im jeweils „einschließenden“ Blick des anderen zu spiegeln. Eine fragile Liebesgeschichte entsteht, die durch die Wirren der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Brüche diesseits und jenseits der Straße von Gibraltar und am Ende nach Barcelona führt. Auf einem Fährschiff angeheuert, pendelt Lakhdar zwischen Tanger und Algeciras, schafft den halblegalen Absprung als Aushilfe eines Bestatters, dessen florierendes Business darin besteht, die Leichen verunglückter Illegaler an der Küste zwischen Cádiz und Almería einzusammeln und zurückzuführen.

Barcelona, wo auch Mathias Énard lebt, wird schließlich zum Bild eines Europa, bei dem „man spürte, dass all das auf der Kippe stand, dass es nicht viel brauchte, damit sich auch hier im ganzen Land Gewalt und Hass ausbreiteten.“ Überhaupt erscheint Lakhdars Spanien als ein „eigentlich afrikanisches Land“. Er denkt erneut an seinen Kumpel, „der irgendwo in seinem eigenen Dschihad steckte“, als dieser, wieder als Vorbote der Islamistengruppe, unvermutet in Barcelona auftaucht, um – vielleicht („Ich erinnerte mich an den modus operandi des Attentats in Marrakesch“) – den ultimativen Anschlag vorzubereiten.

Wie schon bei Ben Jelloun würde das Barcelona von heute nur zum „Spiegelbild des heimischen Gefängnisses“ werden. So entscheidet sich Lakhdar für eine Variante des Absurden. Er ersticht seinen Kumpel, um das – mögliche – Attentat zu verhindern. Eine vergebliche Flucht-, eine Wunschvorstellung, die bei den Attentaten vom 17. August 2017, in Barcelona, Alcanar und Cambrils außer Reichweite lag.

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