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Udo Di Fabio, Bundesverfassungsrichter a. D.
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Udo Di Fabio, Bundesverfassungsrichter a. D.

Udo Di Fabio „Schwankender Westen“

Westen im Taumel

Wo sind sie geblieben, die „westlichen Kraftquellen“? Der Jurist und ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio regt in seiner anregenden Streitschrift „Schwankender Westen“ zur Besinnung auf „unsere Maßstäbe“ an.

Von Matthias Arning

Das Jahr 1989 ist die Chiffre eines neuen Anfangs, einer Zeitenwende. Zumindest kam das vielen damals und in der Nachfolge so vor, fiel doch der eine der beiden Blöcke kurzerhand in sich zusammen. 1989 verbindet sich für manche mit dem Ende der Geschichte, an dem sich der Westen als besseres Modell durchgesetzt hat. Gegenwärtig aber ist es auch die Chiffre für den Beginn neuer Verunsicherungen.

Wenn heute jemand in kulturkritischer Absicht sagt, der Westen sei nichts anderes als eine Veranstaltung der Trägheit und des Hedonismus, muss er nicht unbedingt mit Widerspruch rechnen. Zumindest nicht von Udo Di Fabio. Denn er zählt zu denen, die mit dem Zustand der westlichen Gesellschaften in der Gegenwart wenig anzufangen wissen, weil es aus seiner Sicht ihren Mitgliedern untereinander an Respekt mangele.

Das Leitmotiv seiner überaus anregenden, in sechs Teilen, sechzehn Kapiteln, einem Epilog und letztlich auf knappem Platz vorgetragenen Streitschrift zur, wie man noch in den siebziger Jahren gesagt hätte, „Verteidigung der Republik“, fußt auf dem Leitbegriff der Fragmentierung. Sie steht dem Wunsch nach Geborgenheit und Gemeinschaftsbildung entgegen. Der Begriff ist „der negative Wert einer pluralen Gesellschaft, der Gegenbegriff zu einer in offenem Austausch verbundenen Sozialität“.

Antiwestliche Machtkonstellationen

Fragmentierung steht für das Entstehen von Parallelwelten, Subkulturen, die untereinander abgeschlossene Sozialordnungen und Weltdeutungen entwickeln. Das Problem ist: Am Ende der Fragmentierung, der eigentlich keine Bereiche der Gesellschaft aussparenden Zersplitterung kultureller Erfahrungswelten, steht die Sprachlosigkeit: „Die Fragmentierung der Gesellschaften im Innern, die Abhängigkeiten von weltwirtschaftlichen Vernetzungen unter Einschluss des Finanzmarkts, die Zunahme von globalen Wanderungsbewegungen, die Verstärkung antiwestlicher Machtkonstellationen und die Erosion des institutionellen Grundgerüsts greifen ineinander und verlangen gebieterisch nach einer neuen Erschließung westlicher Kraftquellen“. Höchste Zeit für die Notbremse.

Dazu ist die Freiheit gefragt. Di Fabio bringt das, was er anstrebt, ohne Brimborium auf den Punkt: „Es geht um die Wiedergeburt und die Neuerfindung des westlichen Weges, in gegenseitiger Achtung rechtssicher zu leben.“ Kurzum: Die Rettung der Moderne und „die Erschließung westlicher Kraftquellen“. Also das, worauf der Westens sein Modell gründet.

Im Augenblick, meint Di Fabio, schwächelt der Westen, wackelt, aber ringt noch nicht um seine Identität. Der Westen, erklärt er, muss sich in der Weltgesellschaft finden und sich darauf besinnen, die Marschrichtung vorgeben zu können. Das setzt Selbstbehauptung voraus, eine zentrale Chiffre der Aufklärung. Doch das reicht Di Fabio nicht. Die eigentliche Geburtsstunde der westlichen Neuzeit sei die Renaissance gewesen.

Auf dieses Fundament greift Udo Di Fabio zurück. Er tut das zehn Jahre nach seinem Entwurf der Neubestimmung wesentlicher Topoi konservativen Denkens. „Der Preis der Freiheit“ ist bis heute eine, wenngleich nicht unumstrittene Wegmarke der Orientierung geblieben. Einzelnen Gedanken dieses dem Grundsätzlichen verpflichteten konservativen Denkens geht der Autor jetzt wieder nach. Damals zielte Di Fabio auf eine Rekonstruktion „deutscher Nationalkultur als Kultur der Freiheit“. So plädierte er, an Gedanken von Paul Nolte und Paul Kirchhoff anknüpfend, für einen Aufbruch in eine neue bürgerliche Epoche, in der Freiheit, Verantwortungsbewusstsein und vor allem Kinderliebe wieder gelten sollten. Di Fabio hatte den Mut, eine kämpferische Schrift vorzulegen, „die diese freudlose Republik ein bischen erschüttert“.

Es geht um Befindlichkeiten

In seinem jüngsten Buch tritt das Nationale zugunsten Europas in den Hintergrund. Es geht Di Fabio, früher am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zuständig für das Europarecht, um die Befindlichkeit des Westens. Dort gehen für ihn „persönliche Freiheit und demokratische Selbstbestimmung“ eine bekömmliche Verbindung ein. Der Westen ist für Di Fabio nur ein anderes Wort für Universalität. In diesem Sinne sei der Westen „mit gutem Grund davon überzeugt, dass die entwickelten Industrieländer ein Modell der rationalen Weltgestaltung darstellen, die die Menschen aus Hunger, Elend und Entmündigung führt“. Damit ist der Anspruch auf Selbstbehauptung des Individuums wie des Systems festgeschrieben.

Di Fabio mahnt, sich der eigenen Wurzeln zu erinnern. Und er erinnert an das Bildungsideal, das die Aufklärung hervorgebracht hat. Sein Buch ist eine Aufforderung an eine reichlich ermattet wirkende Gesellschaft, die sich auf ihr gemeinschaftliches Substrat besinnen solle, um sich Auseinandersetzungen über das rechte Maß der Dinge stellen zu können.

Der Autor fragt, „was unsere Maßstäbe sind“, aber er wagt sich nicht an Antworten darauf, „welche Bildungsinhalte, welche Erziehungsziele, welche sozialen und fachlichen Kompetenzen im 21. Jahrhundert wichtig sind“. Damit lässt er eine Gelegenheit verstreichen. Denn jedes Nachdenken über Gerechtigkeit kennt das Gebot der Fairness als zentrale Dimension. Aus gutem Grund. Fairness kann ein Leitmotiv für jedes Nachdenken über die Perspektiven des Westens sein.

Udo Di Fabio: Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss. Beck 2015. 272 S., 19,99 Euro.

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