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In Berlin-Pankow steht er bis heute, der Journalist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky.

Biografie

Werner Boldts „Carl von Ossietzky“: „Und wenn sonst nichts weiter stabilisiert ist, so doch der Kapitalismus“

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Werner Boldts Biografie über den Pazifisten, Demokraten und großen Journalisten Carl von Ossietzky.

Der Biograf stellt seinem Buch ein Motto voran, das wohl beinahe jedem Journalisten aus dem Herzen spricht und mit Einschränkungen sicher für den Autor dieses Satzes gilt: „Das Bewusstsein, rechtzeitig gesehen und gesprochen zu haben, es ist der schönste Triumph des aktiven Publizisten.“ Carl von Ossietzky veröffentlicht diesen Gedanken 1925 in einem Sonderheft der Zeitschrift „Tage-Buch“. Er steht am Beginn der Phase seines Berufslebens, die ihn zu einem der bekanntesten und im Lager der Konservativen verhasstesten Publizisten der Weimarer Republik macht. 1926 wird der schmächtige, introvertierte und trotz seiner scharfen Feder vom deutschen Idealismus entscheidend mitgeprägte Mann Mitglied der Redaktion der „Weltbühne“ und schließlich in der Nachfolge des Gründers Sigfried Jacobsohn und Kurt Tucholskys deren Chefredakteur.

Das kleine ziegelrote Heft ist seit den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren am Beginn der Weimarer Republik zum intellektuellen Lautsprecher der bürgerlichen Linken geworden. Bis zum Untergang der ersten deutschen Republik wird die „Weltbühne“ mit Leidenschaft, wortmächtigen Kommentierungen und investigativer Recherche mutig und unbeirrbar für die Demokratie und die Einhaltung ihrer verfassungspolitischen Grundsätze kämpfen.

Beides gerät unter dem Ansturm der rechts- und linksradikalen Parteien, einer zunehmend ratlos reagierenden SPD, der wachsenden Gleichgültigkeit des Bürgertums und der Weltwirtschaftskrise von 1929 in immer gefährlichere Fahrwasser. Am Ende fällt die Republik in die Hände eines der großen Verbrecher der Geschichte. Die „Weltbühne“ wird verboten, ihre Redaktionsmitglieder müssen fliehen oder landen in den Folterkammern, die die neuen Herren errichten. Carl von Ossietzky wird verhaftet, jahrelang in verschiedenen Konzentrationslagern gequält und stirbt an den Folgen seiner Lagerhaft – nicht einmal 50 Jahre alt – 1938 in einem Berliner Krankenhaus.

Der Mitherausgeber der 1994 erschienenen achtbändigen Oldenburger Ausgabe von Ossietzkys „Sämtlichen Schriften“, Werner Boldt, hat Leben und Wirken dieses „Pazifisten und Demokraten, KZ-Häftlings und Friedensnobelpreisträgers“ in einer überaus lesenswerten und mit Blick auf unser historisches Kurzzeitgedächtnis wichtigen Biografie dargestellt. Boldt erzählt von einem Publizisten, der aus kleinen Verhältnissen stammt und als junger Mann 1908 Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft wird.

Das Buch:

Werner Boldt: Carl von Ossietzky (1889-1938). Schriftenreihe Geschichte und Frieden. Donat-Verlag. 256 S., 16,80 Euro.

Ossietzky beginnt seine journalistische Laufbahn mit Beiträgen für Publikationen des Monistenbundes und der Deutschen Friedensgesellschaft. Nach anfänglicher Kriegseuphorie kehrt er rasch zu seiner pazifistischen Haltung zurück. Im Jahr 1919 wird er Sekretär der Deutschen Friedensgesellschaft und bald Autor und Redaktionsmitglied der zum Mosse-Verlag gehörenden „Berliner Volkszeitung“. Dann folgen die großen Jahre bei der „Weltbühne“.

Im Zentrum von Boldts Biografie stehen die Artikel Ossietzkys, in denen er das Geschehen in der unruhigen, von den alten Eliten aus Reichswehr, östlichen Großagrariern und Ruhrindustriellen bekämpften Republik publizistisch begleitet. Boldt macht deutlich, dass der Leiter der „Weltbühne“ bis zu seinem erzwungenen Verstummen ein unerbittlicher Kritiker der antidemokratischen Entwicklungen in den Parteien und Verbänden bleibt. Die heimliche Aufrüstung der Reichswehr, die Reichspräsidentenwahlen mit dem von den konservativen Kräften unterstützten Kandidaten und einstigen Kriegshelden Hindenburg, das Aufblühen der „Völkischen“, die wankelmütige Haltung der Sozialdemokraten, die Kämpfe im Völkerbund – der Biograf ordnet Ossietzkys Haltung zu den wichtigen politischen Fragen, die die Akteure von Weimar umtrieben, klug ein.

Werner Boldt: Carl von Ossietzky (1889-1938).

Auch Ossietzkys Haltung zum Wirken der Kommunisten wird beleuchtet. Wobei Boldt im Gegensatz zu seiner (verständlichen) kritischen Deutung der sozialdemokratischen Politik mit dem Vorgehen der KPD alles in allem doch überaus sanft umgeht. Aber er unterschlägt keineswegs Ossietzky kritische Haltung gegenüber den linksradikalen Kräften, die seit Mitte der zwanziger Jahre zu Erfüllungsgehilfen der Moskauer Zentrale herabsanken. „Über den Radikalismus machte sich Ossietzky schon seit längerem keine Illusionen. Er warf der KPD vor, eine ,Revolutionsromantik‘ zu nähren und in ihrer ,Geistesenge‘ in der Sowjetunion das ,Musterbild eines Staates‘ zu sehen, statt den Anforderungen gerecht zu werden, die sich ihr in Deutschland stellten.“

Ossietzky lag mit seinen politischen Analysen und Kritiken keineswegs immer richtig. So unterschätzte auch er bis zum bitteren Ende die Rolle Hitlers und der Nationalsozialisten. Aber schon als die angebliche Stabilisierungsphase nach der Überwindung der Hyperinflation einsetzte, schrieb er hellsichtig und warnend: „Heute ruhen die Stammgäste der guten Mitte wieder auf ihren Lorbeeren aus. Sie sehen das Erreichte an, finden es schön und dekretieren große Pause. Und wenn auch sonst nichts weiter stabilisiert ist, so doch der Kapitalismus. Auf Klagen von Unten antwortet der Harfenklang wohltemperierter Resignation: Dafür ist kein Geld da!“ Und in der letzten Rede vor seiner Verhaftung resümierte er selbstbewusst: „Wir waren verschworen für die Grundsätze der Verfassung der Republik, die wir vom ersten Tage ihrer Geburt an verteidigt haben ... Wir betrachteten die Demokratie nicht als einen Vorwand; wir meinten sie.“

Bewegend erzählt Boldt von der schließlich erfolgreichen Kampagne, die sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises an den KZ-Häftling Ossietzky einsetzte, erschütternd sein Bericht über die Schrecken und Peinigungen, die dieser große Humanist und Demokrat durchleiden musste.

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