Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Werden Sie Existenzialist!

John Barths Roman "Tage ohne Wetter" von 1958

Von Thomas Laux

"Ich bin Jacob Horner, gewissermaßen." Wer sich so vorstellt, hat unüberhörbar ein Identitätsproblem. Dieser Jake Horner, Held des zweiten Romans des heute 72-jährigen John Barth, zeichnet tatsächlich ein diffuses, wenn nicht zerrissenes Bild von sich. Er weist zwangsneurotische Züge auf, fühlt sich wetterlos, bezeichnet sich als "friedfertig-depressiven" Charakter, wäre statt dessen aber lieber manisch-depressiv. Doch alles Manische geht ihm, wie er bedauert, ab. Horner ist ein Zyniker und dilettierender Philosoph auf der Suche nach letzten Wahrheiten. An einem College bewirbt er sich auf Anraten seines Nervenarztes als Grammtiklehrer und bekommt, fast schon wieder zum eigenen Unbehagen, die Stelle zugesprochen. Dort lernt er nun auch den Geschichtslehrer Joe Morgan kennen, die beiden Männer schließen Freundschaft, Horner wird zum Abendessen eingeladen, die Gespräche bei den Morgans - Joe und Rennie - sind bald erfüllt von einem Geist gehobener Konversation. Es fällt auf, dass viel von Werten, moralischen Imperativen und ethischem Subjektivimus die Rede ist. Die ganze Diskussion erscheint einem aber irgendwie bereits wie ein Menetekel für alles Weitere.

Die Drei sind sich sympathisch, ihre Freundschaft intensiviert sich in der Folgezeit. Mit Rennie geht Jake zu Reitstunden, die Gespräche zwischen ihnen geraten vom Privaten ins Intime, und so kommt es bald auch zum entscheidenden Fauxpas: Jake steigt mit Rennie ins Bett und macht daraus eine Gewohnheit; Rennie wird schwanger. Unklar ist, ob sie es von ihrem Mann oder von Jake ist, niemand wird es genau erfahren. Rennie ist verzweifelt und lebensmüde.

Sie kündigt vor beiden Männern an, sich umzubringen, wenn es nicht zur Abtreibung kommt. Ehemann Joe zeigt sich zunächst zerknirscht über Jakes Fehltat, fordert die moralischen Begründungen ein - das wäre nur die Exemplifizierung der Theorie an der Praxis -, geht dann aber dazu über, das Ganze aus distanzierter Warte aus zu betrachten und tut vor allem nichts, um die angedrohte Tat zu verhindern, ergeht sich vielmehr in haarsträubend sophistischen Diskursen. Jake wiederum setzt nun im freien Fall der Verunsicherungen alle Hebel in Bewegung, um einen Arzt ausfindig zu machen, der die von Rennie geforderte Abtreibung (der Roman spielt pikanterweise im puritanischen Amerika McCarthy's) auf eigene Risiken vornimmt. Es ist im Gegenzug bereit, Dokumente zu fälschen und eine andere Identität anzunehmen. Man registriert somit den Wandel des eher meinungslosen Einzelgängers Jake in ein Wesen, das sich der Verantwortung stellt und bereit ist, sein eigenes Leben umzukrempeln.

John Barth gilt bei uns als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Postmoderne. Liest man diesen Roman aus den 50er Jahren heute, so wirkt dieses literaturwissenschaftliche Etikett eher antiquiert, einzig die ironische Brechung des Plots und der unfixierte Schwebezustand verhandelter Ethikpositionen weist darauf hin. Mit einigem Recht kann man von einem existenzialistischen Roman sprechen (in Bezug auf Barths Erstling, Die schwimmende Oper von 1956, war davon schon die Rede). Damit verbindet sich eine - mehr durch Sartre als durch Camus - gespeiste Nomenklatur, die mit Begriffen von menschlichem Geworfensein, der offenen Frage von Freiheit und Moral und der von Individualität und gesellschaftlicher Verantwortung operiert.

Der Einfluss Sartres ist spürbar, und dies nicht nur, weil ein windiger Therapeut dem verunsicherten Jakob einmal empfiehlt, Existenzialist zu werden. Eine derartige Empfehlung reflektiert zureichend einen Zeitgeist, bei dem die von der Philosophie gestiftete Moraldiskussion einst auf einen fruchtbaren Nährboden in Literatur und Gesellschaft treffen konnte. Insofern mag Tage ohne Wetter ein antiquierter Roman sein. Es wird einem aber klar, dass wir, in der erfolgten Reduzierung oder Nivellierung seiner Themen, in einer eher postmoralischen Zeit leben.

John Barth: Tage ohne Wetter. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Müller. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2002, 254 S., 20 €.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare