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Alexandre Dumas (1802–1870).
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Alexandre Dumas (1802–1870).

Alexandre Dumas

Wer lange genug darauf schaut, schaut darunter

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zum 150. Todestag von Alexandre Dumas, Meister des Adjektivs und der offensiven Oberflächenbetrachtung.

Es gibt ein Fantasiegemälde des Wiener Malers Josef Danhauser (1805-1845), das zeigt Franz Liszt am Flügel, die Augen gerichtet auf eine Beethovenbüste, zu seinen Füßen Marie d’Agoult, hinter ihm hingegossen in ihren Sessel George Sand, neben ihr sitzt Alexandre Dumas, hinter den beiden steht Victor Hugo, neben ihm stehen Niccolo Paganini und Gioacchino Rossini. Hinter ihnen ein Porträt von Lord Byron.

Ob es jemals einen Abend gab, an dem all diese Damen und Herren so beieinander waren, weiß ich nicht. Aber Liszt, Hugo und Dumas waren befreundet, verbrachten viele Abende miteinander. Auch Paganini und Rossini gehörten zum Bekanntenkreis. Über einen Paris-Aufenthalt Danhausers ist mir nichts bekannt. Er war also nicht Augenzeuge der von ihm gemalten Szene. Aber hier ist alles zusammen, was der Epoche teuer war.

Alexandre Dumas, 1802 geboren, am 5. Dezember 1870 gestorben, war in den 1830ern einer der erfolgreichsten Dramatiker Frankreichs. Ralf Junkerjürgen schreibt in seiner großartigen Biografie („Alexandre Dumas – Der vierte Musketier“, wbg/Theiss, 272 S., 28 Euro): „So unmoralisch man seine Stücke auch fand, so mussten selbst die schärfsten Kritiker eingestehen, dass er wie kein anderer ein dramatisches Talent besaß und seine Stücke das Publikum mitrissen, gerade weil sie kaum noch eine moralische Botschaft enthielten und sich ganz auf die Effekte konzentrierten wie schicksalhafte Wiederbegegnungen, radikale Handlungsumschwünge durch plötzliche Schwangerschaften, sexuelle Grenzüberschreitungen unter dem Gebot der Leidenschaft sowie grausame Tode durch blanke Waffen.“

Wann ist das letzte Mal ein Stück von Alexandre Dumas dem Älteren aufgeführt worden? Ich kann mich nicht erinnern. Ich kenne allerdings auch niemanden, der nach seinem zwanzigsten Geburtstag noch einen seiner Romane gelesen hat. Mir geht es anders. Ich habe Dumas immer wieder gelesen. Und werde nicht ablassen von dieser Gewohnheit. „Die drei Musketiere“, „Zwanzig Jahre danach“, „Der Graf von Monte Christo“, das kennen alle, die in ihrer Jugend lasen. Den Leserinnen und Lesern der FR sei aber ganz ausdrücklich ans Herz gelegt Alexandre Dumas’ Roman über die „Schreckensherrschaft“ der Preußen in Frankfurt: „Der Schleier im Main“. Eine Ausgabe ist zuletzt im Frankfurter Societäts-Verlag erschienen.

Alexandre Dumas wird gerne als Trivialautor beiseite geschoben, als Effekthascher und Emotionsmaschine. Um mit einem vormaligen Berliner Regierenden Bürgermeister zu sprechen: „Das stimmt alles und ist auch gut so.“ Die erfolgreichen Netflixserien sind alle näher an Dumas als zum Beispiel an dem von mir geliebten Thomas Mann, der fünf Jahre nach Dumas’ Tod geboren wurde. Die plötzlichen Handlungsumschwünge, Sex und Leidenschaft sind nicht aus der Mode gekommen und werden es wohl nie. Die Wichtigkeit des Plots, der Locations, der Charaktere: alles hier wie dort. Auch ohne die Cliffhanger, von denen heute Serien leben, kommt kein Roman von Alexandre Dumas aus. Da wartet dann ein junger Mann auf einen anderen, stattdessen aber tritt ein dritter auf. Auf den folgenden zehn Seiten passiert jede Menge, man könnte leicht vergessen, dass auf Nummer Zwei gewartet wird, aber Dumas sorgt dafür, dass das nicht passiert. Er versteht sich auf Spannung. Das funktioniert bis heute.

Der erste junge Mann, das deutet sich an, ist eine Frau. Das Spiel mit den Geschlechterrollen gehört zu Dumas wie zur Romantik überhaupt. George Sand gehört unbedingt ins Bild. Die Sexualität ist stets da. Sie nimmt immer wieder neue Formen an. Ich lese gerade eine alte Übersetzung, in der heißt es von einem Diener, er habe „ein Einverständnis im Haus“. Gemeint ist, er hat eine Liebesbeziehung zur Zofe. In „MeToo“-Zeiten könnte dieser Begriff von „Einverständnis“ wieder für Klarheit sorgen.

Woher also die Schwierigkeiten bei der Lektüre? Die Adjektive. Es sind einfach zu viele. Es gibt Sätze, da steht kein einziges Substantiv allein da. Wir scheinen das nicht mehr zu schaffen. Alles wird so genau genommen. Es erinnert an Botanik. Ein Lächeln ist nicht lediglich ein Lächeln. So wie eine Rose keine Rose ist, sondern zum Beispiel eine Pfingst-, eine Seiden- oder eine Teerose, so gibt es das freundliche, das heuchlerische, das verzweifelte Lächeln. Wichtige Unterschiede, über die man nicht hinwegsehen sollte. Aber dass nichts einfach ist, sondern immer einer näheren Bestimmung bedarf, um zu sein, ist uns zwar aus der Philosophiegeschichte geläufig, aber es ist auch ein wesentliches stilistisches Konstruktionsprinzip des Trivialromans. Ordnung muss eben sein. Gerade wenn es unordentlich hergehen soll.

Und noch etwas: „Der Fremde, ein großer, blonder, bleicher, junger Mann, von gescheitem Gesicht, – wenn auch ein dunkler Kreis seine blauen Augen umgab und ein zynischer Ausdruck seine Lippen umschwebte ... .” Das Innere drängt nach außen, es drückt sich aus. Wer die Oberfläche genau betrachtet, kann unter sie sehen. 1886 erfand Conan Doyle Sherlock Holmes, der aus dieser Kunst eine Wissenschaft machte. Ich bin mir nicht sicher, wie viel von dessen Fertigkeiten ernst gemeint und wie viel Parodie ist. Bei Dumas ist von Parodie keine Rede. Der Erzähler zeigt dem Leser, was man erkennen kann, wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen.

Ich weiß nicht, wann das in der europäischen Literatur aufkommt. Bei Homer gibt es den „listenreichen Odysseus“, aber es gibt keine Stelle, an der beschrieben wird, wie man an den Gesichtszügen seinen Listenreichtum erkennt.

Irgendwann wurde es eine Hauptaufgabe der Literatur, den Lesern und vor allem den Leserinnen beizubringen, wie die Welt und die sie bevölkernden Menschen zu lesen waren. Das Publikum trainierte bei der Lektüre nicht nur seine Empfindungen, sondern auch seine Sehkraft. Das lässt sich alles bei Dumas feststellen. Aber natürlich ist es nichts, das Dumas auszeichnete. Balzac, Hugo praktizierten die gleichen Verfahren. Bei Dumas scheinen sie mir sichtbarer, manchmal geradezu grotesk vergrößert. Also leichter zu erkennen. Vielleicht lese ich auch darum so gerne Dumas.

Jetzt habe ich den Politiker Alexandre Dumas ganz vergessen: den Revolutionär von 1830, den Mann, der 1860 an der Seite Garibaldis in Neapel eine Zeitung gründete, die den Kampf gegen die Camorra aufnahm. Vergeblich. Bis heute gibt es keine deutsche Übersetzung der Artikel von Alexandre Dumas im „L’Indipendente“. Eine französische erschien erst 2011. Dumas gehörte zu den Europäern, die den Freiheitskampf der Italiener nicht nur verbal unterstützen. Zu dem gehörte schon damals der Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

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