Wenn's dem Teufel dient

Marco Carinos Biographie über Fritz Teufel ist ein "Who is Who" der alten westdeutschen Linken

Von UTE KÄTZEL

Durch seine Eltern bekam der jüngste Sproß aus gutsituiertem Hause 1943 den Namen "Fritz Teufel" mit auf den Weg. Durch seine eigenen Aktionen - er gehörte der Kommune 1 an - wurde er zu einem der bekanntesten Vertreter der 68er Protestgeneration. Was hätte nicht alles aus ihm werden können: Popstar, "superschlauer Uni-Depp" (Teufelzitat über diejenigen 68er, die erfolgreich den Marsch durch die Institution Universität antraten) oder Jusovorsitzender in einer SPD, die Anfang der siebziger Jahre "mehr Demokratie wagen" wollte, doch nur wenige Jahre später mit den "Anti-Terrorgesetzen" den Rückzug zum autoritäten Staat antrat.

Doch Fritz Teufel wollte keine bürgerliche Existenz. Er legte sich mit Polizei und Justiz an und schmiss das Studium der Publizistik, Germanistik und Theaterwissenschaften im achten Semester. 1973 war Schluss mit der harmlosen Politclownerie und er ging in den Untergrund. Wegen Beteiligung an zwei Banküberfällen, Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz und Erschießung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann durch die "Bewegung 2. Juni" wurde er als terroristischer Rädelsführer gesucht. Nach der Verhaftung 1975 entledigte man sich seiner, indem man ihn in einen der neu errichteten Hochsicherheitstrakte einsperrte, mit der Aussicht, 15 Jahre hinter Gittern zu bleiben. "Trakt ist, wie wir uns Kommune nicht vorgestellt haben", kommentierte Teufel gewohnt trocken.

Marco Carinis Buch über Fritz Teufel bietet eine Art linker Widerstandsgeschichte der Zeit von 1964 bis 1981, ein Who is Who der antiautoritären Linken und der "Stadtguerilla". Allerdings geht die Hauptperson streckenweise im lexikalisch dargebotenen Verlauf dieser turbulenten Jahre unter. Der Grund: Fritz Teufel, dessen Leben hier erzählt werden sollte, weigerte sich, mit dem Autor über selbiges zu sprechen. "Keine Lust, keine Zeit", soll er dem Buchautor entgegen gehalten haben. Und der Teufel'sche "Redeboykott" weitete sich auf seinen politischen Bekanntenkreis aus. Marco Carini bleib also nichts anderes übrig, als sich auf die Berichte in den Medien zu stützen.

Das Ergebnis liest sich streckenweise spannend wie ein Roman. Zudem kann Carini für sich in Anspruch nehmen, das bisher vorliegende Material über Fritz Teufel erstmals in Buchform dokumentiert zu haben. Quellenhinweise fehlen jedoch, nicht einmal eine Auswahl der verwendeten Texte findet sich im Anhang, was den Wert seiner Arbeit deutlich mindert. Und in Ermangelung des Persönlichen, dessen, was eben nicht über Teufel in den Medien berichtert wurde, werden Seitenstränge linker Politik verfolgt, obwohl Teufel daran nicht beteiligt war. Kindheit und Jugend und die Zeit nach der politisch aktiven Phase bleiben unterbelichtet. Wichtige Fragen konnten dem Protagonisten nicht gestellt, Brüche in Teufels Biografie daher nicht ausgeleuchtet werden, weshalb Carinis Darstellung bisweilen oberflächlich wirkt.

An den Stellen, wo Fritz Teufel im O-Ton selbst zu Wort kommt, wird verständlich, warum er humoristischer Schriftsteller hatte werden wollen, bevor er zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ging. Vor allem dann, wenn sich Teufel mit der Justiz anlegte, lief er zu Hochform auf. Seine Auftritte vor Gericht erscheinen umso glänzender, je weniger Richter und Staatsanwälte mit dieser Art von "Straftätern" umgehen konnten. Denn Leute wie er warfen ihre bürgerliche Existenz über Bord und ließen sich durch nichts, weder vor Gericht, noch in der Haft, einschüchtern. Statt ihre eigene Haut zu retten, schwiegen sie notorisch und machten sich obendrein lustig über die Justiz. "Ein Angeklagter, dem seine Verurteilung gleichgültig ist, bietet einen merkwürdigen Anblick: er erscheint frei", kommtentierte die Zeit Teufels Auftreten vor Gericht.

Zwei der bekanntesten Teufel-Possen gehören hier hin, so sein sprichwörtlich gewordener Satz "wenn's der Wahrheitsfindung dient", den er zu Beginn seiner Politclownkarriere dem Richter entgegnete, als er aufgefordert wurde, sich im Gerichtssaal zu erheben. Die zweite Posse war wesentlich folgenreicher für Teufel selbst, bescherte sie ihm doch als Hauptverdächtigem physisch und psychisch krankmachende Jahre im Hochsicherheitstrakt. Kurz vor der Urteilsverkündung im sogenannten Lorenz-Drenkmann-Verfahren, die ihm fünfzehn Jahre Gefängnis eingebracht hätte, präsentierte er dem verblüfften Gericht ein Alibi für die Lorenz-Entführung, das sich als wahr erwies. - Blieben noch zwei Banküberfälle, für die er ein "B-libi" aus dem Hut zauberte, ein, so Teufel gewohnt spitzfindig, "Alibi minderer Qualität", weil er sich nicht mehr erinnern könne, was er in jenen Nächten gemacht habe. Er habe im Raum Köln gelebt und sei drogensüchtig gewesen.

In unnachahmlich kabarettistischer Form bat er seine "Todfeinde" vom "Bundeskriminalamt, der Bundesanwaltschaft, Axel Springer und Eduard Zimmermann" von Aktenfälle XY - ungelöst, sie mögen ihm doch helfen, aus einem B-libi ein Alibi zu machen. "Lasst Euren Apparat spielen", forderte Teufel sie auf. 1980 kam er frei, der Lorenz-Drenkmann-Prozess platze. Einer seiner Mitstreiter bekannte später, Teufel sei immer nur der Joker gewesen. Der damals mitangeklagte Till Meyer meinte in seiner Autobiografie: "Von den Medien wurde er die ganze Jahre über als Räuberhauptmann der Bewegung 2. Juni aufgebaut, obwohl er an keiner Aktion beteiligt war."

In den Jahren von 1967 bis 1981 hatte Fritz Teufel acht Jahre im Gefängnis verbracht. Schließlich versuchte er es doch noch als humoristischer Autor undtaz-Kolumnist, wurde dann aber Fahrradkurier. 2001 bekam er den "Wolfgang-Neuss-Preis für Zivilcourage", weil er furchtlos und mit Witz gegen Obrigkeiten aufstand, so die Laudatio. Am 17. Juni 2003 wurde er sechzig; er ist zweifellos eine interessante Person der Zeitgeschichte. Bei der Lektüre von Carinis Buch bleiben viele Fragen offen - die Antworten wird Teufel wohl eines Tages selbst geben. Wie man hört, schreibt er zusammen mit einem anderen K1-Mitglied an seiner Autobiografie.

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