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Tsitsi Dangarembga bei der Frankfurter Buchmesse, 2018.
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Tsitsi Dangarembga bei der Frankfurter Buchmesse, 2018.

Friedenspreis

Friedenspreis für Tsitsi Dangarembga: Wenn wir Afrika verändern, verändern wir die Welt

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Tsitsi Dangarembga erzählt von Tambudzai, die im Rhodesien der siebziger Jahre nach zwei Jahren von der Schule genommen wird, weil alle Mittel der Familie in die Ausbildung des Bruders gesteckt werden. Tambudzai entschließt sich, Mais anzubauen, um ihr Schulgeld selbst zu verdienen. Der erste Versuch, den Mais zu verkaufen – das ist jetzt eine verkürzte Darstellung, denn es ist nicht einfach, ein noch so kleines Feld anzubauen, wenn die Familie anderes von einem erwartet –, scheitert zunächst kläglich, obwohl ein Lehrer ihr hilft. Eine ältere weiße Dame, pikiert wie andere Passanten auch, erbarmt sich aber des Kindes (in einer demütigenden Szene, aber damit kann sich Tambudzai nicht aufhalten) und schenkt ihr etwas Geld, mehr als Tambudzai je gesehen hat.

Fahrt kommt in ihre Schulkarriere jedoch erst, als ihr Bruder stirbt, der mit der Gleichmut eines Kindes seine privilegierte Position als Sohn und Hoffnungsträger des Hauses genossen hat. Obwohl der Roman „Nervous Conditions“ (1988) mit dem einprägsamen, nein, dem spektakulären Satz beginnt „Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb“, geht es hier nicht um ein Eifersuchtsdrama unter Geschwistern, sondern um die frühe und unerbittliche Erkenntnis, dass niemand außer ihr selbst Tambudzai helfen wird, ein anderes Leben zu führen als ihre bitterarmen Eltern. Ein selbstbestimmtes Leben, das sagt man so daher, beim Tsitsi-Dangarembga-Lesen bekommt die Vorstellung klare Konturen. Selbstbestimmung heißt zum Beispiel, selbst dafür sorgen zu können, genug Essen zu haben.

Hier wird nicht alles gut

Natürlich wünscht man Tambudzai sofort das Beste und setzt auch darauf, aber so wird es nicht kommen. Es gibt einen zweiten und inzwischen auch einen dritten Roman, „The Book of Not“ (2006) und „This Mournable Body“ (2018), in denen Tambudzai erwachsen wird und in der Realität des 1980 gegründeten Staates Simbabwe ankommt, einer bitteren Realität, in der die Autorin im vergangenen Jahr während einer Protestaktion in Harare vorläufig festgenommen wurde. Dafür brauchte es nicht viel in einem Land, das sich auch nach dem Sturz des Diktators Mugabe 2017 und unter der zunächst mit großen Hoffnungen gewählten Regierung von Emmerson Mnangagwa aus der durch Korruption, einen weiterhin dramatischen Mangel an demokratischen Reformen und eine wirtschaftliche Dauermisere verursachten und weiterhin geprägten Krise kommt. Fotos zeigen Dangarembga vor und bei ihrer Festnahme mit einem kleinen Plakat, auf dem steht: „Wir wollen Besseres. Reformiert unsere Institutionen“. Das Verfahren gegen sie ist noch nicht abgeschlossen.

Andererseits: „Nervous Condition“, bereits vielfach preisgekrönt, ist 2018 auf die BBC-Liste der „100 Bücher, die die Welt verändert haben“, aufgenommen worden. „This Mournable Body“ stand 2020 auf der wichtigen Shortlist für den Booker-Preis – seither, sagt die 62-jährige Dangarembga in einem Interview, habe sie erstmals einen Agenten und den Eindruck, nach mehr als drei Jahrzehnten des Schreibens wirklich wahrgenommen zu werden. Zu Beginn dieses Jahres wurde ihr der PEN Award for Freedom of Expression des internationalen PEN, im Juni der englische PEN Pinter Prize zugesprochen. Am Montag teilte der Börsenverein mit, dass Tsitsi Dangarembga im Oktober in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Es ist die Tambudzai-Trilogie, die Dangarembga im englischsprachigen Raum bekannt gemacht hat, aber sie hat auch zahlreiche Filme gedreht und Drehbücher geschrieben, darunter schon Anfang der 90er für „Neria“ – bis heute einen der erfolgreichsten Filme, die in Simbabwe produziert wurden, wie man liest. Ein schwieriges Geschäft in einem Land mit einem kleinen, kaum geförderten Filmmarkt – im Vergleich etwas zur boomenden Filmindustrie Nigerias. Heute, sagt Dangarembga, sei es noch schwieriger, denn was an Förderungsmöglichkeiten da sei, richte sich meist an Jüngere.

Ebenfalls schon in den frühen 90ern hat sie zusammen mit ihrem Mann, einem Deutschen, in Harare die Produktionsfirma Nyerai Films gegründet, die sie bis heute leitet. Hier hat sie auch ein Frauenfilmfestival initiiert und ist die Gründungsdirektorin des Institute of Creative Arts for Progress in Africa, dessen Devise lautet: „When we change Africa, we change the world.“

Dangarembga wurde 1959 in Mutoko geboren, einem übersichtlichen Ort im Nordosten des heutigen Simbabwe. Die Eltern gehen mit ihr nach England, wo sie beide studieren, 1965 kehrt die Familie zurück. Im heutigen Mutare wird der Vater Direktor einer Missionsschule, die Mutter unterrichtet als Lehrerin. Die sechsjährige Tsitsi muss sich ihre Muttersprache Shona neu aneignen. Die Irritation, sich zwischen den Sprachen zu bewegen, wird auch in „Nervous Conditions“ ein Thema sein. Anders als Tambudzai ermöglichen die Eltern ihr aber eine vorzügliche Ausbildung. Ein Medizinstudium im englischen Cambridge bricht Dangarembga ab, zieht wieder nach Simbabwe, nun in die Hauptstadt Harare, wo sie Psychologie studiert, in einer Werbeagentur arbeitet, bei einer Theatergruppe an der Universität anfängt und vor allem: beginnt zu schreiben. Mitte 20 ist sie, als sie nach kürzeren Texten ihren ersten Roman abschließt.

Ende der achtziger Jahre geht sie nach Berlin, wo sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Filmregie studiert. Niemand, sagt sie in einem Interview, habe sich in diesen Jahren für eine schwarze Autorin interessiert.

„Überleben“ im September

Auch dass „Nervous Conditions“ immerhin schon 1991 erstmals auf Deutsch erscheint – damals bei Rowohlt unter dem Titel „Preis der Freiheit“ –, bleibt zunächst weitgehend folgenlos. Trotzdem hat Tsitsi Dangarembga auch derzeit einen deutschen Verlag, der nun hoffentlich steinreich wird: Bei Orlanda ist „Nervous Conditions“ 2019 unter dem neuen Titel „Aufbrechen“ erschienen (übersetzt von Ilija Trojanow, 268 Seiten, 22 Euro, greifen Sie zu, so lange die Auflage noch reicht), „This Mournable Body“ ist unter dem Titel „Überleben“ für den September angekündigt.

Das ist zeitlich gut eingerichtet. Die Verleihung des mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreises findet am 24. Oktober statt. Der Stiftungsrat schreibt dazu: Dangarembga verbinde „ein einzigartiges Erzählen mit einem universellen Blick und ist deshalb nicht nur eine der wichtigsten Künstlerinnen ihres Landes, sondern auch eine weithin hörbare Stimme Afrikas in der Gegenwartsliteratur“. Ihre Trilogie zeige „soziale und moralische Konflikte“ auf, die „Resonanzräume für globale Gerechtigkeitsfragen eröffnen“. Für ihren friedlichen Protest gegen Korruption nehme sie gerichtliche Verfolgung in Kauf. Und der Stiftungsrat zitiert die Preisträgerin: „Wenn ihr wollt, dass euer Leiden aufhört, müsst ihr handeln.“

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