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Ein Swimmingpool, der ein wenig Styx ist.

„Eine alte Geschichte. Neue Vision“

„Wenn mir’s nur gruselte!“

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Erzählen, worüber andere schnell hinweggehen: Der neue Roman von Jonathan Littell ist ein detailreiches Albtraum-Märchen.

Es gibt einen idealen Rezensenten für Jonathan Littells neuen Roman „Eine alte Geschichte. Neue Version“. Nein, das wäre nicht der, der nicht nur die alte Version der „Alten Geschichte“, sondern auch sonst alles von ihm gelesen hat. Also nicht nur „Die Wohlgesinnten“ kennt, sondern auch die Reportagen aus dem Kaukasus und aus Syrien, Littells Essays, inklusive des sehr schönen kleinen Buches über den Maler Francis Bacon und natürlich auch Littells Dokumentarfilm über Kindersoldaten in Uganda. Ein solcher Rezensent brächte viele Voraussetzungen für eine gute Rezension mit. Aber er wäre nicht der ideale Rezensent.

Da gibt es nur einen: den Helden des Märchens „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Der würde jedes der sieben Kapitel der Littelschen Erzählung hinter sich bringen und würde jedes Mal sagen: „Wenn mir’s nur gruselte!“

Littell hat die Seiten gewechselt: „Die Wohlgesinnten“ war ein Blick auf die Täter. „Die alte Geschichte. Neue Version“ wird aus der Perspektive der Opfer erzählt. André Müller fragte ihn 2008: „Wenn man den Zynismus auf die Spitze treibt, könnte man meinen, dass wir die sechzig Jahre Frieden in Mitteleuropa Hitler verdanken.“ Jonathan Littells Antwort: „Absolut, in gewisser Weise.“ Entweder oder!, möchte man dem Autor zurufen. Entweder „absolut“ oder doch nur „in gewisser Weise“.

„Eine alte Geschichte. Neue Version“ glaubt nicht an das Licht hinter dem Tunnel. Das Licht führt einen mit Sicherheit zum nächsten Tunnel. Von der Folter zur Vergewaltigung, von der in eine Lust, die so groß ist, dass die Erzählerin, in die sich der Erzähler verwandelt hat, sich vor ihr zu fürchten beginnt. Sie hat einen Umschnalldildo auf ihren Venushügel platziert und penetriert ihren vor Glück aufstöhnenden Gatten, nachdem sie nicht nur ihren künstlichen – schwarzen – Penis, sondern auch die Rosette des Gatten mit Gleitgel verschmiert hat.

Die Beschreibung dieses Vorganges nimmt nur drei Seiten ein. Aber Littell nimmt sich Zeit für das Selbstverständliche, über das in anderen Geschichten gerne hinweg geglitten wird: Sex, Scheißen und Morden. Ich würde ihn gerne ausführlich zitieren. Und ein paar Worte über die Schönheit seiner Beschreibungen verlieren. Sie liegt zu einem Gutteil in der Genauigkeit. Die Rückseite des den Gatten penetrierenden Dildo reibt die Klitoris der Gattin. Zu den Stößen, die sie ihm in den Hintern rammt, gehören die Rückstöße, die sie erfreuen. Sex kann ein Gewaltverhältnis sein, bei dem beide nicht nur einander, sondern den Sex selbst genießen.

Der Grimm’sche Märchenheld hat das Gruseln durch Geister, Gehenkte und Untote nicht kennengelernt, dann aber doch im Ehebett. Obwohl ... Lesen wir doch noch einmal in Grimms Märchen nach: „Nachts, als der junge König schlief, musste seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gründlingen über ihn herschütten, dass die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief: ,Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.‘“ Die kleinen Fische!!

„Eine alte Geschichte. Neue Version“ ist ein Märchen. Darum wiederholen sich bestimmte Szenen immer wieder. Das Eintauchen in den Swimmingpool, der graue Gang, der plötzlich auftauchende Türgriff, der Garten mit den „miteinander verflochtenen Blättern der Bougainvilleen und des Efeus“. Das sind die Zwischenwelten, die der Held bei jedem Identitätswechsel passiert.

Der Swimmingpool ist ein wenig Styx, der Totenfluss, nach dessen Durchquerung wir weiterleben in einer anderen Existenzform. Gleichzeitig gehört er zur Realität des Erzählers wie die Ehefrau und das Kind. Realität des Erzählers? Es ist eine erfundene Wirklichkeit, ein Märchen im Märchen. Dem ein Motto vorangestellt ist aus Maurice Blanchots „Der Wahnsinn des Tages“: „All das war wirklich, merkt Euch das!“ Es war einmal, heißt es in Märchen. Es ist nicht mehr, müssen sie nicht dazu sagen. Alles, was erzählt wird, war einmal. Das hat etwas Beruhigendes. Die Angst, die Märchen in uns schüren, wird von diesem „Es war einmal“ erträglich gemacht. Gleichzeitig sagt es aber auch, dass die erzählten Schrecklichkeiten keiner gerne krank genannten Fantasie entspringen, sondern wirklich waren. Also auch wieder sein könnten.

Jonathan Littells Albtraum-Märchen endet mit einem sich über 27 Zeilen erstreckenden Satzgefüge, dessen letzter Teil – ein Cliffhanger – deutlich macht, dass die alte Geschichte niemals enden wird: „Ich schwankte, wäre fast gefallen, fing mich, richtete mich auf, und dank diesem unverhofft wiedergewonnenen Gleichgewicht fand mein Körper seine Mitte und tauchte, die Muskeln angespannt, die Beine fest geschlossen, pfeilgerade und mit seinem ganzen Gewicht in das klare, kühle Wasser ein.“

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