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Überwachungskameras, Bilderkennungssoftware, Drohnen: Die Wirklichkeit ist fast so krass wie die Romanwelt.
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Überwachungskameras, Bilderkennungssoftware, Drohnen: Die Wirklichkeit ist fast so krass wie die Romanwelt.

Totalüberwachung

Wenn der Kreis sich schließt

  • VonKatharina Granzin
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Dave Eggers' Roman "The Circle" wurde bereits mit George Orwells Schreckensvision "1984" verglichen. Jetzt erscheint die mit großer Spannung erwartete deutsche Übersetzung.

Das Logo ist wirklich gut; visuell harmonisch und doch ein wenig sinister. So wie es in „Der Circle“ beschrieben wird, als „Kreis um ein engmaschiges Gitter mit einem kleinen ‚c’ für ‚Cirle‘ in der Mitte“, ziert es auch das Cover von Dave Eggers’ Roman. Das Gitter besteht aus sechs gleichförmigen Elementen mit der freundlichen Kontur eines Löffelbiskuits, die lückenlos ineinandergreifen. Dieses symmetrische Arrangement, auf einen schimmernden Kreis geprägt, scheint für die Ewigkeit gemacht. Eine einzige Asymmetrie weist das Logo auf: Das kleine „c“ in der Mitte. Auch das „c“ strebt danach, ein Kreis zu sein, man sieht es an der Winzigkeit seiner Öffnung. Doch gerade diese winzige Lücke ist der Bug im System, die Ausnahme von der Regel. Es ist eine Lücke, die Mut macht und Hoffnung weckt. Beides wird vergeblich bleiben: Durch das eng verklammerte Labyrinth, gibt es keinen Ausweg. In „Der Circle“ beschreibt Dave Eggers, wie ein Kreis sich schließt – und wie ein Mensch von einer netten jungen Frau zu einer Art fleischgewordenen Apokalypse wird. Mae ist 27 und überglücklich, einem doofen Bürojob in einer öden Kleinstadt entronnen zu sein. Ihre Freundin Annie, die im Topmanagement der populären Softwarefirma „The Circle“ in San Francisco arbeitet, hat ihr einen Job verschafft. „Wahnsinn, dachte Mae. Ich bin im Himmel.“ So fängt der Roman an und beschreibt das Firmengelände – „Campus“ genannt – als einen Paradiesgarten, ausgestattet mit Grünanlagen, Freizeitangeboten und erlesener Architektur. Mae muss wie alle Neulinge im Customer Experience-Bereich anfangen, doch das ficht sie nicht an. Sie bekommt Bestnoten in Kundenzufriedenheit, verstößt aber unwillentlich gegen ungeschriebene Firmengesetze. Dass sie an manchen abendlichen Circle-Partys nicht teilnimmt, sondern statt dessen ihre Eltern besucht, trägt ihr eine Rüge ein. Als Mae begreift, dass ihre Teilnahme am internen Kommunikationsnetz entscheidend für Popularität und beruflichen Erfolg ist, beginnt sie auch ihre Freizeit ausschließlich online oder auf dem Campus zu verbringen. Schließlich zieht sie ganz auf das Firmengelände und erklärt sich sogar bereit, ihr gesamtes Leben transparent zu machen, indem sie mit einer Webkamera herumläuft, die alles sendet, was sie erlebt. Als Galionsfigur einer absoluten Öffnung des Privaten wird Mae zum weltweiten Star. Dass sie das Privatleben ihrer alten Eltern und ihres Exfreundes an die neue Transparenz verraten muss, schmerzt zwar ein wenig; aber schließlich ist es notwendig.

Der Circle - das sind fast alle

Eggers’ Roman ist mit Orwells „1984“ verglichen worden, mit Huxleys „Schöne neue Welt“. Das liegt nahe und ist natürlich insofern richtig, als „Der Circle“ um zwei Themenkomplexe kreist, welche auch die Kollegen im letzten Jahrhundert umtrieben: Die Beschneidung der Freiheit des Menschen durch ein System der totalen Überwachung und, damit verbunden, die Pervertierung einer großen Idee durch Dogmatismus und Machtmissbrauch. Doch nicht zuletzt das Verhältnis zur jeweiligen zeitgenössischen Realität ist ein anderes. Die aus heutiger Sicht eher bescheidenen technischen Überwachungsmechanismen, die ein George Orwell imaginierte, wirkten seinerzeit so utopisch, dass „1984“ umstandslos als Science Fiction deklariert werden konnte. Eggers’ Roman mit diesem Label zu versehen, wäre zumindest fragwürdig. In „Der Circle“ gibt es fast nichts an Hightech, was es nicht schon gäbe. Sicher, das Netzhaut-Interface, über das die „Circle“-Elite kommuniziert, mag reine Fantasie sein; doch mit der Datenbrille von Google – des Realwelt-Konzerns mit dem mehrfachen Kreis im Namen – kommt die Wirklichkeit nah an die Romanwelt heran. Alles andere ist eh längst da. Hochentwickelte Bilderkennungssoftware, allgegenwärtige Überwachungskameras, Drohnen: Kennen wir schon. Nur auf die zunehmende Lückenlosigkeit der Überwachung, wie sie hier in satirischer Übersteigerung vorgeführt wird, arbeiten wir noch hin. Die allgegenwärtige Überwachung – im Circle-Newspeak „Transparenz“ genannt –, geht im Roman nicht von einem gesichtslosen Staat aus, der allmächtig im Hintergrund lauert und alles Wissen über seine Bürger abspeichert. Denn auch die Vertreter der Politik sind nurmehr Objekte der Transparenz und damit der absoluten Datenmacht des Circle. Der Circle aber, das sind fast alle. All jene Menschen, deren Leben vollkommen aufgegangen ist im Netz, denen nichts natürlicher scheint, als für die unbeschränkte soziale Teilhabe im virtuellen Raum ihr Privatleben völlig zu öffnen. Selbstverständlich erwartet man dasselbe auch von anderen; Geheimhaltung ist Diebstahl!

Nicht zufällig ist es die hübsche, sehr weibliche Mae, die als Symbol dieser neuen Gesellschaftsordnung fungiert. Soziale Offenheit ist schließlich etwas Wünschenswertes, Verlockendes; in der virtuellen Nähe der Menschen liegt gleichsam eine unverbindliche Erotik. „Sie hatte Rundungen bekommen“, heißt es zu Beginn über Mae, „Rundungen, die ihr die Aufmerksamkeit von Männern vielerlei Alters und mit allen möglichen Intentionen einbrachten.“ Das Runde aber, wie man schon am Logo gesehen hatte, ist nicht immer das Gute, sondern kann eine teuflische Falle sein.

Das Versprechen allzeit verfügbarer sozialer Nähe, das im „Circle“ liegt, bedeutet gleichzeitig die totale gesellschaftliche Kontrolle des Einzelnen durch alle anderen. In diesem globalisierten System der freiwilligen Selbstentblößung gibt es keine Möglichkeit, sich der Beobachtung zu entziehen, keinen Minderheitenschutz. Der „Circle“ wird dich überall finden. – Nein, dieser Roman hat nichts mit Science Fiction zu tun. Er ist wahrscheinlich nicht einmal eine visionäre Dystopie. Er beschreibt nur außerordentlich klarsichtig das mögliche Ende einer Gesellschaft, so wie wir sie kannten.

Der Circle. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 559 Seiten, 22,99 Euro

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