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"Wenn Ihnen dieses Buch nicht zusagt ..."

St. Petersburg feiert heute seinen dreihundertsten Geburtstag: Eine Erinnerung an die 1848 gegründete Buchhandlung Maurice Wolffs

Von Nicole Henneberg

"Von Novgorod bis Petersburg findet man fast nichts als Moräste, und man gelangt zu einer der schönsten Städte der Welt, wie durch Zauberei, so überraschend und abstechend ist der Anblick von Petersburg von dem seiner Umgebungen. Die Erbauung dieser Stadt ist einer der größten Beweise von dem Feuer, mit welchem die Russen eine Idee erfasste, und vor dem jedes Hindernis schwinden muss. Die Umgegend ist schlecht, die Stadt selbst auf einen Morast gebaut, die Marmorpaläste ruhen auf Pfählen; dennoch vergisst man dies alles, vergisst den wankenden Grund, auf dem die Gebäude stehen, wenn man sie selbst in ihrer Pracht und Schönheit sieht und erstaunt über das Wunder, dass eine so schöne Stadt in so kurzer Zeit werden ließ" schwärmte Madame de Staël wenige Jahre vor der Geburt von Maurycy Wolff, dem Urgroßvater von Katharina Wagenbach-Wolff.

Doch Petersburg, das ab heute Jahr sein dreihundertjähriges Jubiläum feiert, war nicht nur die schönste russische Stadt, sondern auch die liberalste und als einzige nach Europa orientiert - weshalb der in Krakau, Paris und Leipzig ausgebildete Maurycy Wolff das Angebot, dort die Auslandsgeschäfte eines Buchhändlers zu führen, sofort annahm.

1825 wurde er als Sohn eines Arztes in Warschau geboren und war schon als junger Buchhändler mit den wichtigsten europäischen Sprachen vertraut. Darüber hinaus hatte er während seiner Lehrzeit so gut wie alle auf dem europäischen Markt angebotenen Titel kennengelernt; das sollte das entscheidende Rüstzeug für seine spätere Verlegertätigkeit werden. Zurück in Polen trat er seine erste Stelle in Wilna an, dem damaligen geistigen Zentrum Polens. Das Land stand zwar unter russischer Herrschaft, und die polnische Sprache und Kultur wurden weitgehend unterdrückt, aber Wolff widerstand dem auf seine Weise: Er freundete sich mit den Schriftstellern und Gelehrten der Stadt an und fuhr auf Geheiß seines Brotherren Wochen und Monate mit Pferd und Bücherwagen auf die Jahrmärkte und die abgelegenen Güter Litauens, Polens und Russlands.

Als gut informierter und gebildeter Reisender war er in den gottverlassenen Dörfern ein gern gesehener Gast; und mit bibliophilen Prachtbänden, unverzichtbar für die Bibliotheken der bildungshungrigen Adligen und höheren Beamten, machte er bessere Geschäfte als sein Herr in Wilna. Aber nicht nur das. Unterwegs lernte er alle wichtigen polnischen Schriftsteller kennen, deren Empfehlungen ihm später in Petersburg den Zugang zur polnischen Kolonie öffneten.

1848 übersiedelte Maurice Wolff an die Neva und eröffnete nach kurzer Zeit als Angestellter sein eigenes Geschäft auf dem Newskij-Prospekt. Der modern und großzügig eingerichtete Laden wurde schnell zum Zentrum des literarischen Lebens. Unmengen von Ratgebern und technischen Fachbüchern, französischen, russischen und polnischen Romanen konnte man dort finden und alle wichtigen Zeitschriften lesen. Wolff selbst, der seine Kunden ausführlich und klug beriet, hatte zum Ärger der Zensurbehörde unter anderem Werke von Jozéf I. Kraszewski und Adam Mickiewicz in preiswerten Ausgaben herausgebracht.

Das kleine, vom Laden durch eine Glaswand abgetrennte Kabinett Wolffs ist als "Fast-ein-Club", wie der damalige Stadtkommandant schimpfte, berühmt geworden; hier debattierten Lesskow, Gontscharow und Dostojewski, auch Turgenjew kam, wenn er in der Stadt war.

"Mavrikij ist der unübertroffene Zar der russischen Bücher. (...) Seine Armee ist gestreut von Jakutsk bis Warschau, von Riga bis Taschkent, in seinen Händen liegt das Schicksal der russischen Literatur" schwärmte Lesskow, denn Wolff gab nicht nur bis heute geschätzte, russische Standardwerke wie das Dahlsche Wörterbuch heraus, sondern ließ auch die wichtigsten Werke von Dante, Goethe, Lessing und Heinrich Heine übersetzen; dazu die englischen und deutschen Kinderbuchklassiker und Märchen (in der "Goldenen Bibliothek").

Diese Tradition, sich als Förderer und Vermittler der anspruchsvollen Literatur zu verstehen ist das Einzige, was die Nachkommen Wolffs aus der Oktoberrevolution gerettet haben. Sie kamen damals, wie viele russische Emigranten, nach Berlin, weil sie meinten, dort werde sich das Schicksal Russlands in Europa entscheiden. Aber Andreas Wolff, der Enkel des Familiengründers, machte sich über das Regime der Bolschewiki keine Illusionen.

Er beschloss, hier heimisch zu werden und gründete in der damaligen Kaiserallee, heute Bundesallee, zuerst eine Leihbücherei, dann 1931 "Wolffs Bücherei" (die bis heute als literarischer Treffpunkt besteht). Das war gewagt, denn zu der Zeit war Friedenau "ein durch und durch unliterarischer, kleinbürgerlicher Ort" (Friedrich Luft); aber vielleicht hat gerade das den Nachfahren des großen russischen Verlegers gereizt. Später hat es jedenfalls die Ansiedlung vieler Autoren befördert: so wohnten in den sechziger Jahren Günter Grass und Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger und Max Frisch in der Nachbarschaft, kauften bei Wolff und stellten dort ihre neuen Texte vor.

Doch reich geworden ist Andreas Wolff damit nicht, weil er, anders als sein Großvater, nur die Bücher verkaufte, die er selbst mochte. Daran hielt er auch in den dreißiger und vierziger Jahren fest. In der Not der Nachkriegszeit legte er jedem Buch einen Zettel bei: "Lieber Buchkäufer, wenn Ihnen dieses Buch nicht zusagt und sie es nicht zu Ende lesen, bringen Sie es mir bitte zurück. Ich werde es Ihnen in ein anderes, ebenso wertvolles Buch umtauschen. (...) Es wäre schade, wenn bei Ihnen ein seltenes Buch ungelesen liegenbleiben würde"; deutlicher kann man seine Liebe nicht ausdrücken.

Als die alltägliche Not vorbei war, stellte sich eine andere ein. Die Taschen- und Billigbücher der fünfziger Jahre waren so lieblos und dilettantisch gemacht, dass Andreas Wolff aufbegehrte und als Gegenprogramm die "Friedenauer Presse" gründete, die seine Tochter Katharina Wagenbach-Wolff bis heute fortführt. Soeben ist als Band 100 der "Pressedrucke" die Geschichte des "Zirkus Sardam" von Daniil Charms erschienen, in gewohnt feiner Ausstattung. Katharina Wagenbachs Verlag, den sie in ihrer Wohnung am Savignyplatz betreibt, stellt zum Petersburger Jubiläum ein reiches Programm vor, das von Anton Tschechow und Isaak Babel bis zu Anna Achmatowa und Wladimir Majakowski reicht; alle Bücher sorgfältig übersetzt (Peter Urban hat Maßstäbe gestetzt) und hergestellt.

St. Petersburg - Berlin - St. Petersburg. Von einer Berliner Wohnung aus wird auch in diesen Tagen eine Verbindung gepflegt. Darf man sagen ein kleiner Kulturtransfer? Auf jeden Fall einer zwischen exquisiten Buchdeckeln, mit Leidenschaft, betrieben, unbeirrt, beharrlich und in einer Tradition, die auf das Gründungsjahr 1848 zurückgeht.

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