Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Monika Rinck.
+
Monika Rinck.

Frankfurter Poetikvorlesung

Wenn ich richtig sehe, sehe ich das Raue

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Monika Rincks Frankfurter Poetikvorlesungen über „Vorhersagen“.

In der Welt des Kulturstreamens, einer Welt, die sich die wenigsten von uns ausgesucht haben, ist vieles egal. Was habe ich an, gehe ich zwischendurch in die Küche, erledige ich ein paar Mails. Trotzdem wird es insgeheim wichtiger, ob eine Veranstaltung dort draußen in diesem Moment stattfindet oder nicht.

Der Frankfurter Poetikdozentin dieses virtuellen Wintersemesters, Monika Rinck, entging es nicht, in was für einer eigenartigen Situation sie sich befand, ihrem Publikum entging es ebenso wenig. Immerhin war es eine Geste der Universität, dass die zuvor aufgenommenen, sehr schön aufgenommenen Vorlesungen immer haargenau um 18 Uhr am Dienstagabend online gestellt wurden. Es gab Gründe pünktlich zu sein. Klingelte das Telefon, bestand allerdings schon die Wahl, es entweder errötend wegzudrücken oder stattdessen das Video anzuhalten. Überhaupt, machen wir uns nichts vor, kann man sich die Frankfurter Poetikvorlesung auf der Seite der Goethe-Universität diesmal noch bis Silvester anschauen.

Der gebannte Moment

Was insofern flexibler wird, ist andererseits in „Harz und Härte gegossen“, so Monika Rinck nun selbst, und sie meinte damit die Vorlesung, die ja in eine Videoaufnahme „gebannt“ wurde. Was, wenn die Autorin in der ersten Vorlesung ein (keineswegs dummes oder verqueres) Befremden über Corona-Vorkehrungen in der Kultur geäußert hat – September 2020: Rinck und andere bei einer streng reglementierten Lesung in Düsseldorf, während sich in den Brauhäusern der Stadt Rheinländerinnen und Rheinländer „singend in den Armen liegen“. Und wenn sich die Zahlen anderthalb Monate später so entwickeln, dass sie selbst an diesem keineswegs dummen oder verqueren Befremden zweifelt? „Soll ich die Passage rausnehmen“, in einer „ersten gesetzestreuen Panik“ Abstand davon nehmen? Die Zeit jedenfalls, so Rinck, sei schnell darüber hinweggeritten. Jedoch: „Wie kann ich so sprechen, dass es gilt? Kann ich dann überhaupt sprechen?“ Durchaus, erklärte Rinck, aber: „In einem lebendigen Format hätte ich es eben nur gesagt, und es wäre den Zuhörenden vielleicht im Gedächtnis geblieben als ein lebendiges Wort, das sich täuscht. Error. Ein wichtiges Wort.“ So beiläufig drang Rinck zum Unwesen der Dinge in einer digitalisierten Umgebung vor, in der alles so schnell geht und dann trotzdem so beharrlich da steht.

„Vorhersagen“ hieß und heißt die Poetikvorlesung der Lyrikerin Monika Rinck, die in diesem Jahr 51 geworden ist, und sie befasste und befasst sich mit dem Orakel von Delphi – Stunde 1, „Die Vorhersage erfolgt in Versen“ –, mit der Nachhaltigkeit und der Vergeudung in der Poesie – Stunde 2, „Neofuturismus“ – und schließlich mit der ohnehin ständig im Raum stehenden Frage zeitlicher Abläufe – Stunde 3, „Die Vorhersage muss nicht die Zukunft betreffen“. Hierzu, überhaupt zu allem passte, dass sie in der dritten Stunde dem Berliner Religionswissenschaftler und FU-Mitbegründer Klaus Heinrich zum 93. Geburtstag gratulierte, aber die Vorlesung wurde Ende Oktober aufgezeichnet, und Heinrich starb am 23. November. Dies wurde Schwarz auf Weiß eingeblendet, ein kurzes Gedenken erbeten. Aus einer unglücklichen Fügung, von den technischen Gegebenheiten miterzeugt, kann ein dezenter Moment der Stille werden, ermöglicht durch Technik. Im Saal wäre das nicht passiert, im Buch wird das nicht mehr so stehen: auch eine Art von einmaligem Moment.

Rinck wollte aber auch, ohne davon zu wissen, bereits von einem „Zeitpool“ anstelle eines „Zeitstrahls“ sprechen, Monika Schmitz-Emans’ Wendung von der „Poesie der Vorahnung“ passte in diesen Zusammenhang, in dem die zeitlichen Abfolgen eben nicht mehr so klar waren wie gewohnt. Rinck ging auf Lea Schneiders Band „made in china“ ein, den sie gerne komplett zitiert hätte, hier aber erwähnte sie lediglich die Briefe, die nach Europa geschickt werden, „in die Vergangenheit“. Sie selbst, Rinck, erzählte, wie sie zwischen Großfeuern in Kalifornien einige Monate lang die Zukunft erlebte – mit Scharen von Obdachlosen, mit der Evakuierungs-App der Feuerwehr, auf gepackten Koffern. Zeit, Raum und Ich „schlagen ineinander um“, so Rinck, die sich am Ende vorsichtig für ein „Jetzt“ trotz allem aussprach.

Das nützliche Törtchen

„Vorhersagen“ ist ein sehr, sehr dichtes Gewebe an aufmerksamen, belesenen Überlegungen, es herrscht gewissermaßen eine höfliche Rücksichtslosigkeit. Die scheinbare Sprunghaftigkeit durfte gewiss nicht darüber hinwegtäuschen, wie durchkalkuliert das war. Durchkalkuliert: Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Rinck das Wort unangenehm wäre. In Stunde 2, als sie der Nachhaltigkeit und der Vergeudung nachging, hatte sie sich zuallererst ein Törtchen gekauft. Ein Törtchen zu kaufen sei wie jede Art virtuoser Regression keine wirkliche Lösung, und doch führte der Weg von hier aus zielstrebig zu verschwendeten, missbrauchten und gesparten Wörtern. „Wie lange werde ich von den gesparten Wörtern leben können?“ Nachhaltigkeit in der Poesie könne sich auf den Inhalt beziehen, aber ebenso auf die Form. Als Leserin zeigte sich Rinck bei Gedichten etwa von Daniel Falb, Charlotte Warsen, Anja Utler.

Während sie am Tisch stehend, mitdirigierend ihre Gedanken ausbreitete, lief es auf ein eigenes Hölderlin-Gedicht hinaus und auf das Durchdringen zum Wesentlichen: „Wenn ich richtig sehe, dann sehe ich das Raue, Unbehauene, den Affekt.“ Viel eindrucksvoller, wenn Rinck es vorliest, deklamiert. Lassen Sie sich das nicht entgehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare