Wenn das Gehirn sich helfen muss

Oliver Sacks’ neue Fälle: „Das innere Auge“

Der Neurologe Oliver Sacks hat sich darauf spezialisiert, von den absonderlichen und erschreckenden Auswirkungen neurologisch bedingter Erkrankungen zu erzählen, etwa vom „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Längst wenden sich Menschen an ihn: die Pianistin, die plötzlich keine Noten mehr lesen kann, der Schriftsteller, für den eines Morgens die Buchstaben der Zeitung fremd sind wie Hieroglyphen. Es ermutigt ihr Vertrauen, dass Sacks selbst an Prosopagnosie leidet, der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen – auch von Menschen, die er schon zigmal gesehen hat. Anrührend beschreibt er, wie er darauf hoffen muss, dass ihm stets jemand mit intaktem Gesichter-Gedächtnis aushilft. Oder derjenige, den er treffen will, sich eben einfach den Herrn Sacks schnappt.

Im jüngsten Band mit Fallgeschichten, „Das innere Auge“, erzählt er auch von seiner wegen eines Tumors notwendig gewordenen Augen-OP und ihren Auswirkungen auf die Sehfähigkeit, ja, eigentlich die Wahrnehmungsfähigkeit. Das menschliche Gehirn, erfährt man aus jedem Beispiel, ist einerseits weit verletzlicher, als wir wahrhaben wollen. Andererseits weiß es sich manchmal wundersam zu helfen, baut quasi Hilfskonstruktionen, wenn ihm der normale Weg etwa durch einen Schlaganfall verschlossen ist. So sind Oliver Sacks’ Bücher stets: Kleine Horrorkabinette, aber auch große Erzählungen von der Widerstandsfähigkeit des Menschen. sy

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