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Wenn Frauen zu viel nähen

Zeigt her eure Knöpfe: María Cecilia Barbettas "Änderungsschneiderei Los Milagros".

Von xpeko

Dieses Buch hat viel zu bieten. Es ist frech und lässig, klug und unterhaltsam, kommentiert sich selbst mit lustigen Ready-made-Illustrationen, bietet viele Anschlussstellen an den literarischen Diskurs und verleiht letzterem aus allen vorgenannten Gründen mal wieder einen Hauch von Pop. Eine Geschichte allerdings sucht man in "Änderungsschneiderei Los Milagros" vergeblich.

Es gibt Versatzstücke, Fetzelchen, deren Fäden sich auch mal im Ansatz verweben. Aber ein Stück, ein Ganzes gar, das man - um ein Motiv vom Ende des Buches aufzugreifen - beim Lesen von der Schneiderpuppe Literatur ab- und sich selbst anziehen könnte, ein Stoff, in den man sich einhüllen, in dem man verschwinden könnte, wird nicht daraus.

Und insofern steht die 36-jährige Argentinierin María Cecilia Barbetta mit ihrem auf Deutsch geschriebenen literarischen Erstling eigentlich gerade nicht in der Tradition des magisch-realistischen Erzählstils, für den sie letzthin viel gerühmt und soeben auch mit dem renommierten aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Sie verweist nur auf dieses Genre, spielt damit, indem sie immer wieder Pirouetten dreht und die Beschreibung von Vorgängen oder Örtlichkeiten ins Fantastische, ins Besessene treibt - aber eben auch ins inhaltliche Nirgendwo. Plötzlich und folgenlos hüpft der Text dann jedes Mal weiter und lässt das, woran er sich eben noch beschwörend festgeklammert hat, als Detailhäufchen einfach hinter sich. Kann ich, kann ich, hört man die Autorin trällern, lasst mich den García Marquéz auch posen!

Tatsächlich erinnern die spielerische Wortmächtigkeit und die souverän performte Dauerkommentierung des Beschriebenen formal aber mindestens ebenso an Kathrin Schmidt und Elfriede Jelinek und werden nicht zuletzt wohl auch von der eigenen Sprachfaszination genährt (lasst mich dieses deutsche Wort schnell auch noch schreiben!). Ins fett erzählerische Lateinamerika-Regal gehört Barbetta, die vor zwölf Jahren nach Deutschland kam und in Berlin lebt, jedenfalls nicht. Eher in die Cortázar-Ecke.

Wobei der Roman übrigens keineswegs ein sprachliches Meisterwerk ist, sondern durchaus an umgangssprachlichen Verstopfungen und Unschärfen leidet, wenn jemand etwa "im Geiste den Entschluss fasst" (wo denn sonst?) oder komplexere Zusammenhänge manchmal allzu locker eingekreist werden. Man sollte das Buch eine Etüde nennen, ein fröhliches Werkstück zum Thema: vom Stoff und anderen literarischen Metaphern.

María Cecilia Barbetta hat, wie sie in einem Interview erzählte, in Berlin im Schaufenster einer Änderungsschneiderei ein Schild gesehen, auf dem es heißt "Änderung von Damen, Kinder- und Herrenbekleidung". Der Bindestrich nach Damen fehlte und wurde zur Leerstelle, in der sich die Ex-DAAD- und Ex-Alfred-Döblin-Stipendiatin niederließ, um zu schreiben.

Es geht um Mariana Nalo und Analía Moran, zwei junge Frauen, deren Namen - Änderung von Damen! - einander nicht nur fortschreiben, sondern auch ein Anagramm bilden, worauf man zwar irgendwann auch selber kommt, was sicherheitshalber aber ein Kapitel lang offenbart wird.

Beide leben in Buenos Aires. Mariana hat einen Zählzwang und arbeitet in der Schneiderei ihrer Tante Milagros (span.: Wunder). Analía ist Mathematiklehrerin und kommt in eben diese Schneiderei als Kundin. Sie will sich das Hochzeitskleid ihrer Mutter anpassen lassen - ein Auftrag, den Mariana mit Freuden übernimmt. Sie wäre ja gerne selbst schon verheiratet, aber ihr Freund Gerardo verschwand vor eineinhalb Jahren in die USA. Die Frauen freunden sich an.

Dann aber fällt Mariana ein Liebesbrief von Analías Verlobtem in die Hände, und entsetzt entdeckt sie darin Versatzstücke von Texten, die auf den drei Postkarten standen, die sie kurz nach seinem Verschwinden von Gerardo bekommen hatte.

Da eine Seifenoper besser in Marianas Vorstellung vom Leben passt als der Gedanke, mit Fertigteiltexten abgespeist worden zu sein, nimmt sie entgegen jeder sonstigen Wahrscheinlichkeit an, bei Analías Roberto handle es sich um ihren heimlich zurückgekehrten Gerardo. Eine Migräne befällt sie, softpornografische Wahnvorstellungen und Hassattacken gegen Analía - deren Hochzeitskleid aber stellt sie rechtzeitig fertig. Was zeigt das?

Nichts natürlich. Es sind Schnittteile mit offenen Nähten. Fingerübungen in Atmosphären, Stilen, literarischen Anspielungen, Collagetechniken und dräuenden Aufplusterungen. Ein plötzlicher Regen wird zum "unpassenden Showdown", das weiße Kaninchen aus "Alice im Wunderland" hoppelt vorbei, Comics, Genreszenen und naturwissenschaftliche Exkurse fließen ein und die Textil-Metaphorik wird in den illustrierenden "Stoffmustern", die von einem Stadtplanausschnitt über Sammelbildchen und Zeichnungen von Vogelkäfigen bis zu Mozart-Noten reichen, reichlich genutzt.

Wirklich amüsant sind Stellen wie die, in denen das Dauergequassel von Marianas verwitweter Mutter Carmen als deren Versuch erklärt wird, im neutestamentarischen Sinne den gestorbenen Vater zu ersetzen. Davon ausgehend, dass auch der leibliche Josef nur der Platzhalter für das göttliche WORT gewesen sei, will sie nun kompensatorisch "abwesend bleiben und zugleich allgegenwärtig sein. Denn das Wort, DAS WORT benennt nicht nur, es vollzieht." Die Trink- und Drogenszenen zwischen Gerardo und seinen Freunden hingegen sind ziemlich fad und ohne Mehrwert kolportiert. Änderung von Damen eben, nicht von Herren.

Man kann dieses Buch als Modellbaukasten mögen, man kann es mit Kindern angucken, man kann im Guten und im nicht ganz so Guten darüber lächeln. Wer auf eine Reise geht, der sollte sich noch ein dickes Zweitbuch einpacken. Aber ansonsten geht das in Ordnung.

María Cecilia

Barbetta:

Änderungsschneiderei Los Milagros.

Roman. Fischer, Frankfurt/M. 2008, 334 S., 19,90 Euro.

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