König Artus

Wenn die Fabel nicht lügt

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Die Legenden des König Artus: Neues und Altes vom bedeutendsten mittelalterlichen Mythos.

Wenn es wahr ist, dann war aller Anfang bemerkenswert leicht. Und um dabei Zeuge zu sein, musste man Artus ja nur über die Schulter schauen. Das Schwert, das am Anfang seiner Karriere stand, und mit dem sich der Adel Britanniens vergeblich abgemüht hatte, um es aus dem Zauberstein zu ziehen, half Artus bei seiner Karriere. Es wurde eine beispiellose Laufbahn, obwohl anfangs der eine oder andere Baron maulte. Auch machte manches Früchtchen unter Englands Edelleuten Lärm. Oder es schmiedete und schmiedete dieser oder jener Schlagetot Mordabsichten. Es waren keine friedlichen Zeiten, damals. Doch wann genau war dieses Damals?

Ohne Zweifel konnte die zu jener Zeit geltende Autorität der Legende bis ins Heute ausgedehnt werden. Denn der Zauber des Mythos blieb über Jahrhunderte ungebrochen. Die Artusdichtung wäre nicht der gewaltigste Mythos des Mittelalters, wenn er, dessen Ursprünge bis in das 6./7. Jahrhundert zurückreichen, nicht dieses tollkühne Nachleben gehabt hätte, mit allen enormen Abschweifungen in Raum und Zeit. Keine Legende hat größere Abstecher zugelassen, bis nach Indien und Samarkand. Wobei der Zweck darin bestand, immer wieder zu ihrem eigentlichen Ausgangspunkt zurückzufinden: dem Abenteuermachen, dem Abenteuer um des Abenteuers willen, so dass sich ein Kreis schließt, mochte der Umweg noch so groß gewesen sein. Denn ob Ausflug oder Weltreise: Jede Abwesenheit von Camelot, dem Artushof, endete schließlich an einem runden Tisch, regelmäßig übrigens zu Pfingsten.

Dass dieser jedoch nicht am Anfang aller Artussagen stand, sondern die Erfindung des Normannen Robert Wace aus dem 12. Jahrhunderts ist - darauf macht nun auch das Buch von Tilman Spreckelsen aufmerksam, indem es die Reclamübersetzung von 1980 (die, wenn ich mich nicht irre, auf der Heilbronner Übersetzung von 1879 basiert) nutzt: "Das Fest wurde geziemend begangen; nach der Messe setzte sich der König an der Stirnseite des Saals zum Essen, an einen runden Tisch." Von hier aus fällt, so könnte man sagen, das Auge des britischen Königs Uther auf die Frau des Grafen von Cornwall, die Gräfin Igerne - kurz: Es wird, im Anschluss an die christliche Messe, ausgerechnet am Tag der Erfindung des runden Tisches, ein mächtiger Unfriede in die Welt gesetzt. Was folgt: der Krieg des Königs gegen den Grafen, "um in die Nähe der Gräfin zu gelangen". Und weil Merlin, der Zauberer, seine Hände im Spiel hat, liegt in der Nacht, in der der Graf erschlagen wird, "der König Igerne bei, und sie empfing in dieser Nacht den guten König, den starken und wandellos-getreuen, den man Artus nennt, wie ihr gehört habt." Ja, immer wieder gehört oder auch gesehen wie in John Boormans "Excalibur", dem grandiosesten Artusfilm - aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Mordsmäßige Wunder

Spreckelsen arrangiert mit seinem "Gralswunder und Drachentraum", einem "Streifzug durch die Artuswelt", wie es im Untertitel heißt, den Mythos wie in einem Register. Zwischen zwei royalroten Buchdeckeln, gerahmt auch von mittelalterlichen Miniaturen des Stoffs, allesamt vorneuzeitlichen Legendenbildern, versammelt Spreckelsen Haupt- und Nebenfiguren, das Personal und seine Schauplätze. Und siehe, das Tableau der Tafelrunde ist ein Sittengemälde brutalstmöglicher Rauf- und Mordlust ebenso wie der am zartesten besaiteten Minne.

Um in den schier unübersehbaren Artuskosmos ein Fenster zu öffnen, bezog Spreckelsen sein Artusrepertoire aus dem deutschen Artusroman, von Hartmann von Aue über Wolfram von Eschenbach bis Konrad von Stoffeln - aus der durch und durch höfischen Aneignung des Artusstoffs von gerade einmal hundert Jahren, zwischen etwa 1180 und 1270. Spreckelsen, so lapidar wie adäquat: "Die Tafelrunde, die Helden, die Königin: All dies ist einfach da, gerät hin und wieder in Bedrängnis, dann renkt sich die Sache wieder ein, und am Ende feiert man ein Fest." Am runden Tisch versammelt sich sozusagen der Welten Lauf, als Gleichnis der Welt ist er genealogisch ein Vorläufer der Tafelrunde, die Artus, laut Wace, nach seinem Sachsenfeldzug einberief.

Der Artus des Meister Wace

Mit dem Abdruck eines Auszugs aus dem gewaltigen Wacetext kommt in Spreckelsens Buch das unverhohlen Rohe, der barbarische Ursprung der Artussage zur Geltung, ein antihöfisches Element. Namentlich London war bei dem auf der Insel Jersey geborenen Wace der Mittelpunkt der Welt, denn bei Meister Wace, wie schon bei seinem Vorgänger Geoffrey of Monmouth und erst recht Mitte des 15. Jahrhunderts, bei seinem Nachgänger Thomas Malory, spielte ein geschichtspolitisches Element eine bedeutende Rolle. Malory am deutlichsten versah den Artusstoff mit didaktischen Tendenzen.

Malory erzählte von furchteinflößenden Barbareien. Und nicht weil der jetzt herausgebrachte schmale Auszug seines "Tod des Königs Artus" etwa nur ein Zehntel der Erzählung ausmacht, hält der Leser eine auf die Artus-Gestalt konzentrierte Ausgabe in den Händen. Ganz im Gegenteil, man könnte von der Komprimierung des Unerbittlichen sprechen, zumal in der gewählten Übersetzung von Hedwig Lachmann aus dem Jahre 1918. Erneut in "Die letzte Schlacht des König Artus", für die Lachmann einen befremdend-altertümlichen Ton fand, kann nachgelesen werden, wie Artus nicht nur großzügig herrschte. Oder wie er Gerechtigkeit übte. Oder wie er die Tugend hartnäckig ins Gespräch brachte. Sondern wie die Artuswelt zu ihren Feinden stand, wie sie sie niedermachte, ging es doch stets darum, dass der Ritter seinem Gegner den "Schädel bis zu den Schultern spaltete" oder die Waffe, über die er verfügte, "in den Schlund trieb, bis in den Hals hinein, tief ins Mark", so dass es für den Sieger so aussehen konnte, als habe der Verlierer die Waffe verschlungen. Malory war es, der schrieb, dass der Heerführer Artus, vom Ideal der Ritterlichkeit beseelt, im Blut wate.

Thomas Malory, über den zahlreiche Geschichten im Umlauf sind, denn er soll ein Mörder gewesen sein und seine Artuserzählung im Tower geschrieben haben, machte den Artusstoff auch deswegen populär, weil er in William Caxtons einen der ersten Buchdrucker überhaupt fand. Der hatte, wie wir noch heute wegen des Vorworts von 1485 wissen, ein ausgeprägt nationales Interesse an der Artussage, verband mit dem Abgesang auf die Ideale einer ritterlichen Welt die Idee der Nation, die Idee eines starken Staates, hatte doch England einen schrecklichen Bürgerkrieg, die Ära der Rosenkriege soeben erst hinter sich gebracht. Der runde Tisch als nationales Therapeutikum, zur Stärkung der Zentralmacht, auch das. Darüber hinaus aber war Malorys Tafelrunde ein erlesener Kreis, an der nicht nur die Minne und der Inbegriff edler Tugendhaftigkeit zu Tische saßen. An der Tafelrunde kamen immer wieder die Mordsgeschichten zusammen, mit aller entwaffnenden Direktheit. Artus' Institution lebte sowohl von der Anmut der schönsten Frauen der Welt als auch vom Charisma der finstersten Gestalten zwischen Okzident und Orient.

Dieser unverhohlen realistischen, ja naturalistischen Darstellung des spätmittelalterlichen Malory entrückt war noch die hochmittelalterliche Perspektive gewesen, rund 250 Jahre zuvor, wie wir sie exemplarisch in Hartmann von Aues "Erec" vorfinden, dem ersten deutschen Artusroman. Nicht dass der Firnis der Tugend nicht auch hier dünn gewesen wäre, das Hauen und Stechen gewaltig, der Hass finster, der Neid grenzenlos und die Eifersucht in dem einen oder anderen Fall so unbegründet wie dennoch unendlich. Aber genau diese Verfehlungen lässt der "Erec" vor den Augen des Lesers Revue passieren, um sie als Versagen deutlich zu machen. Durch die Tugenden, die der "Erec" ins Spiel brachte, berief sich das Epos auf eine Aura ethischer Idealität, auf ein Wertesystem, gegen das an erster Stelle das Heldenpaar, Erec und Enite, verstieß, als sich die beiden Herrscher "verlegten". Weil die Liebe die Liebenden so sehr gepackt hatte, dass sie nicht mehr aus dem Bett kamen, vernachlässigten sie ihre sozialen Pflichten. "Erec" erzählt von der Schuld eines jungen Königsohns und macht die arturische Aventiure zu so etwas wie einem Bildungsroman, um diese Schuld abzutragen.

Mit Wace war das propagandistische Element in die Legende hineingekommen, die unverhohlen in den Dienst der Fiktion genommene Ideologie der Welteroberung eines britischen Heerführers. Wace literarischer Kraftakt, wie man ihn bei Spreckelsen in Auszügen verfolgen kann, war Ausdruck eines politischen Kraftakts mit imperialen Absichten, Fakten und Fiktion verwirbelnd. Und das ganz bewusst: "Das alles ist nicht ganz gelogen und nicht ganz die Wahrheit, nicht alles Unsinn, aber auch nicht alles mit Sicherheit verbürgt. Die Erzähler haben so viel erzählt und die Fabulisten so viel gefabelt, um ihre Geschichten damit auszuschmücken, dass sich jetzt alles wie eine erfundene Fabel ausnimmt", schrieb Wace. Das war das Motto, das war die Lizenz, um einen Mythos weiterzuspinnen. Malorys Tafelrunde ist der Ort, der die Welt befrieden sollte. Dazu werden an diesem Ort die größten Umwege in Kauf genommen, durch die monströsesten menschlichen Scheußlichkeiten, die sich denken lassen. Wenn sich der Kreis schließt, der Raum und Zeit ausgemessen hat, dann ist deutlich geworden, dass allein der Umweg das Ziel ist.

Das Eigenleben des Fabulierens

Für Erec, der sich mit seiner Enite "verlegt", worüber er seine Pflichten versäumt, ist es eine beschwerliche Ausfahrt. Vor allem aber, und darauf macht die historisch-kritische Ausgabe aufmerksam, die jetzt auch als Taschenbuch im Deutschen Klassiker Verlag erhältlich ist, ist es ein Abenteuer, das immer wieder auf die "Fiktionalität des Erzählten abhebt". Das Eigenleben des Erzählens, der Eigensinn des Fabulierens, der zum Leben erweckt. Der Nervenkitzel daran ist bis heute nicht verloren gegangen, wofür sich zahllose Beispiele finden ließen, in der Literatur und im Kino, am Kiosk und vielleicht sogar auf der Spielekonsole.

Wie sehr sich zeitlebens auch der heute 80jährige Schriftsteller Ludwig Harig vom Artusstoff hat bannen lassen, erzählt er in seinem Buch "Der Bote aus Frankreich. Einladungen zu König Artus und Ritter Lancelot". Die Reiseziele des zwanzigjährigen Harig waren der im Durchmesser zwölf Meter runde Tisch oder - auf Umwegen, durch Krüppelwälder und entlang verschilfter Weiher, im finsteren Moor des Yeun Elez - das Tor zur Unterwelt. Vor allem aber war die Überblendung von Vergangenheit und Gegenwart, Mittelalter und ein wenig Moderne das Ziel aller Exkursionen - und in dieser Überblendung, wahrscheinlich, liegt auch ein noch heute weiterhin geheimes Lektüreziel. Denn die Überblendung bildet den Rohstoff für den überbordenden Reichtum des Mythos. Für eine Wirklichkeit, die außerhalb der Gegenwart liegt, aber innerhalb einer in sie hineinreichenden, bereits längeren Geschichte.

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