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Wenn einer eine Reise tut

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Abenteuerliches Touristenreiseziel Schweiz.
Abenteuerliches Touristenreiseziel Schweiz. © dpa

Trostlos in Aserbeidschan, unerschrocken in der Schweiz, spöttisch in Afghanistan: drei famose Reiseberichte von Olivier Rolin, Jemima Morrell und Robert Byron.

Von Sabine Vogel

Drehkräne im Diktatorentraum

Sechsundfünfzig Tote kommen in diesem Reisetagebuch vor, aber den eigenen findet Olivier Rolin nicht. In einem früheren Roman hatte der französische Schriftsteller damit gespielt, dass er sich im Jahr 2009 in Baku mit einer 9mm Makarow umbringen würde. Nun wär es so weit, aber erstens gibt es das entsprechende Hotel nicht mehr, und zweitens ist die aserbeidschanische Hauptstadt selbst schon so herrlich trostlos und morbid, dass der nur ein wenig mit dem Altwerden hadernde Autor lieber eitle Nationalmaler kennenlernt, glückliche Trinker in Ruinen ehemaliger Aussichtscafés trifft, mit arbeitslosen Petro-Ingenieuren die großartig verwüsteten Landschaften durchfährt und sich in das Bild einer schelmisch guckenden Frau auf einem Grabstein verliebt. Als wären die gigantischen Bühnenprospekte für einen Katastrophenfilm nicht irre genug: Um jeden Anfall depressiven Selbstmitleids zu verscheuchen, unternimmt der Apokalypsen-Abenteurer noch einen Abstecher nach Turkmenistan. Stoisch staunend und den Wodkakater streichelnd freut sich der Melancholiker in diesem postsowjetischen Diktatorentraum noch über die Drehkräne am ausgestorbenen Bulvar. Großes Reisekino.

Olivier Rolin: Letzte Tage in Baku. A. d. Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2014. 155 S., 16,90 Euro.

Pauschalreise ohne Knickerbocker

Köstliches Unterhaltungskino und das völlige Gegenteil von Rolins morbider Trostlosigkeitstour ist die Reise, von der Fräulein Jemima Morrell berichtet. Zusammen mit den Damen Sarah, Eliza und Mary, sowie vier männlichen Reisegefährten nahm die 31-jährige Britin an der ersten von Thomas Cook organisierten, und in der ersten Woche vom Pfarrerssohn noch selbst geführten, Pauschalreise in die Schweizer Alpen teil. Bei „Switzerland with cheap tickets to Mont Blanc“ ging es mit Bahn, Postkutsche, auf Maultieren und kilometerweit zu Fuß über wilde Wege und schneematschige Pässe. Ausnehmend gut bis albern gelaunt und erstaunlich unbehindert von der nicht gerade Trekking-geeigneten Kostümierung – die unerschrockene Miss Jemima wird freilich bald für das Tragen von Knickerbockern plädieren – protokolliert die Schriftleiterin des „Junior United Alpine Club“ Schrulligkeiten wie Erhabenheiten ihrer tollkühnen Expedition. Dabei immer echt cool: „Niemals wurden Berge gemacht, die mehr auf die Sinne einwirken als diese in der Schweiz.“

Jemima Morrell: Miss Jemimas Journal. A. d. Engl. von Heike Steffen. Rogner & Bernhard 2014. 160 Seiten, 17,95 Euro.

Im Oktogon der Heiligtümer

Niemand hat den Schattenriss von Pfeilerkanten aus milchkaffeebraunen Backsteinziegeln mit solch heißer Leidenschaft beschrieben, niemand sich dem vollkommenen Raumerlebnis im Oktogon einer Moschee so bewundernd hingegeben wie Robert Byron. Der Nachkomme des Romantikers, wie dieser schon 36-jährig ums Leben gekommen – 1941 in Diensten des britischen Geheimdienstes durch deutschen U-Boot-Beschuss –, reiste 1933 im Automobil mit seinem Freund, dem Arabisten Christopher Sykes, von Palästina über Persien nach Afghanistan, nach „Oxiana“, benannt nach Oxus, dem Grenzfluss zur Sowjetunion, dem heutigen Amu Darya. Trotz seiner exzentrischen Besessenheit für verwitterte Heiligtümer, islamische Architektur und Grabdenkmäler sind die Erzählungen des genussfreudigen Dandys rasend lebendig, voll Selbstironie, Spott und präzisen Beobachtungen, die „Land und Leute“ erfassen. Ein „heiliger Text“, sagte der Autor Bruce Chatwin, der es wissen muss.

Robert Byron: Der Weg nach Oxiana. A. d. Engl. von Matthias Fienbrock. Die Andere Bibliothek, Aufbau 2014. 380 S.,24 Euro.

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