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Wenn Bilder nicht vorbeigehen

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Von: Arno Widmann

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„Großmutter und Enkel“.
„Großmutter und Enkel“. © Christine Turnauer

Christine Turnauers Fotografien lassen die Gedanken schweifen. Der Bildband "Presence" stellt eine Reihe dieser Porträts vor. Darunter den angeblich 120-jährigen Aba Haileselasse Tela – ein orthodoxer Mönch aus Äthiopien – oder einen 89-jährigen griechischen Schafhirten.

Durchblättern darf man das Buch nicht. Es sind fast ausschließlich Porträts, also immer dasselbe Format, immer schwarz/weiß. Man würde es zur Seite legen. Man darf auch nicht nur die Fotos anschauen. So beeindruckend sie dann, lässt man sich auf sie ein, sind. Man muss die Texte unter den Fotos lesen und die kleinen Geschichten über die Menschen, deren Gesichter man anschaut. Oder wie in diesem Fall, den Nacken.

Es ist der einer 72-jährigen Frau, die in Kyoto Geishas Tanzunterricht gibt. Das Foto interessierte mich, weil es ein Zitat ist. Es gibt Hunderte, wenn nicht mehr, solcher Nackenansichten von den Meistern der japanischen Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts, jenen Bildern der fließenden Welt, die die europäischen Maler so tief beeindruckten. Es hat, so weit ich weiß, noch keine Ausstellung über das Motiv des weiblichen Nackens gegeben. Nicht einmal eingeschränkt auf die Zeit zwischen Kitagawa Utamaro und Gerhard Richter. Warum macht niemand so etwas?

Aber zurück zu Christine Turnauer. Sie wurde 1946 geboren, lebte in Österreich und England, dann in Paris, wo sie als freie Fotografin arbeitete. 1979 ging sie nach Kanada, wurde Bäuerin, studierte gleichzeitig Kunstgeschichte und startete mehrere langfristig angelegte fotografische Projekte. Darunter eine Serie von Porträts von indianischen Tänzern. 1995 ging es zurück nach Paris und Österreich. Sie fotografierte Bauern am Großglockner. Seit 2000 lebt sie in Wien. Von dort aus reist sie in Europa und nach Asien und fotografiert.

Presence stellt eine Reihe dieser Porträts vor. Darunter den angeblich 120-jährigen Aba Haileselasse Tela – ein orthodoxer Mönch aus Äthiopien – oder den 89-jährigen griechischen Schafhirten, der von sich sagt: „Ich war noch nie krank in meinem Leben. Jeden Tag habe ich draußen verbracht.“ Neben ihm eine 88-Jährige Schäferin, ebenfalls aus Griechenland, aber aus einer ganz anderen Ecke, die meint: „Gesundheit, Brot und Olivenöl“. Leider erfährt man nicht, zu welcher Frage das die Antwort ist. Das Schwarz-Weiß der Bilder und die Lakonie der Texte schaffen eine mir etwas gar zu vereinnehmende Stimmung von Existenzialität.

Die 104-Jährige aus Büdingen, die so sehr viel strenger in die Kamera blickt als der griechische Schafhirt, jagt einem dann doch ein wenig Angst ein mit ihrem Satz „Für andere da zu sein, das war ihr Glück.“ Ich war dankbar zu lesen, dass sie 87 Jahre lang bei derselben Familie als Kindermädchen angestellt war und noch immer einen scharfen Verstand besaß und Goethe und Schiller zitierte. Sie war eine Aufsichtsperson, aber wohl freundlich und zuverlässig zugleich. Wäre sie unfreundlich zu den Kindern gewesen, die hätten, erwachsen geworden, ihr nicht nun die eigenen Kinder anvertraut. 87 Jahre lang immer für andere da! Nicht für die eigenen Kinder, Enkel und Urenkel. Die gab es wahrscheinlich nicht.

Gibt es Liebe in einem solchen Leben, Begehren oder auch nur die Sehnsucht danach? Ist das das Glück? Die Bilder und die kleinen Texte setzen nicht die kleinen grauen Zellen eines genau beobachtenden, logisch schlussfolgernden Hercule Poirot in Gang, sondern eine wild rotierende Fantasiemaschine, die der Fotografin nach Kasachstan folgt und den Blunden-Zwillingen nach Attersee in Österreich. Die beiden Damen reisten um die Welt. Die eine kümmert sich um Pferde und die andere um chinesische Kunst.

Auch das fügt die Fantasie sofort zusammen und stellt sich Terracotta-Pferde aus der Tang-Dynastie vor. Was wird aus dem neunjährigen Jain-Mönch aus Indien? Er wird in fünfzig Jahren noch leben. Wird er ein Schäfer oder Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank? Es ist ein wenig so, wie wenn man vor einem Café sitzt und die Passanten beobachtet. Man macht sich Gedanken über jeden und jede. Und kein Pärchen geht vorbei, ohne dass man fantasiert, ob sie einander gerade gut sind oder nicht.

Aber diese Bilder gehen nicht vorbei. Man geht wieder zu ihnen zurück, schlägt wieder die Seite auf mit der Großmutter, die ihr Enkelkind in einem Tuch auf dem Rücken trägt. Sie gehört der Gemeinschaft der Beta Israel an, einer vom übrigen Judentum seit Jahrtausenden getrennten Gruppe im Norden Äthiopiens. Ihre Herkunftslegende erzählt, dass sie mit dem Sohn, den die Königin von Saba mit Salomon hatte, nach Äthiopien kamen. Das ist weit ausschweifender als meine Fantasien beim Betrachten der Aufnahmen.

Christine Turnauer: Presence, Hatje Cantz, Ostfildern 2014, 188 Seiten, 182 Abbildungen, 58 Euro.

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