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Joachim Walthers Roman "Himmelsbrück"

Und wenn alles ganz anders wäre

Joachim Walther wagt einen DDR-Rückblick in einem Psycho-Roman. In "Himmelsbrück" entschädigen literarisch starke Passagen für den strapazierenden Fokus auf das Beziehungsdrama. Von Udo Scheer

Von Udo Scheer

In langen Sätzen kam die junge Katze in der Abenddämmerung aus einem der verwilderten Gärten herauf. Sonst scheu und misstrauisch, verblüffte sie an diesem Abend damit, dass sie wie selbstverständlich durch die offene Terrassentür herein kam. Für die Nacht nahm sie einen alten Pullover als Schlafplatz an. Fortan wiederholte sich das: Am Tage bin ich so, unnahbar scheu, nachts bin ich ganz anders, die gelben Augen beim Kraulen des Unterbauchs zu genießerischen Spalten verengt. Nur schnurren hörte man diese Katze nie. Ihr tiefsitzendes Misstrauen sollte sich traurig bestätigen. Nach einem tierärztlichen Kunstfehler zog sie sich zurück, war wohl in die unteren Gärten zum Sterben gegangen.

Das ist das tragische Grundmuster, dem Joachim Walthers Roman "Himmelsbrück" folgt, nicht in der Katzenwelt, sondern in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Walther, Jahrgang 1943, der sich vom frühen literarischen Sozialismusverfechter zum DDR-kritischen Autor - vorzugsweise in der DDR-Hörspielnische - wandelte, ist landesweit bekannt geworden durch seinen Band "Sicherungsbereich Literatur" (1996) zur Stasi-Bearbeitung des DDR-Literaturbetriebes. Nun unternimmt er das erzählerische Wagnis eines DDR-Rückblicks in einem Psycho-Roman.

"Himmelsbrück" ist darin ein fiktiver Rückzugsort, weg vom Trott und von der Gängelei in einem tristen Land im Niedergang. Ein zum Verkauf stehendes Gehöft irgendwo in Mecklenburg könnte das erträumte Refugium für Matthias und Ria werden: er Ende dreißig, frisch geschieden, renitenter Maler und Galerist mit Kontakten zum Untergrund, sie Anfang zwanzig, mehrfach entwurzelt, auf der Suche nach ihrem Leben. Dabei will sie alles sofort und mit ganzer Energie, sie versucht sich im Töpfern, Fotografieren, Schreiben, bringt Leben und Tiere auf den Hof. In Briefen beschwört die beste Freundin sie, die Männer sofort zu wechseln, sobald diese sich verliebten und das Geliebte nur noch beherrschen wollten. Mit Anfällen von Bulimie, spontanen Halbmarathons und extremen Arbeitsaktionen um das Gehöft versucht Ria, Einflüsterungen dieser Art abzuwehren.

Matthias, irritiert von ihrer Vehemenz, genießt zugleich ihr anderes Wesen, ihre rituellen Bad-, monatlichen Mond- und orgiastischen Liebesfeiern. Die vom Autor weidlich ausgemalte Körperlichkeit, die Geschlechtsakte in zahlreichen Variationen, warm, feucht, eruptiv, unterscheidet sich dabei kaum von den Phantasien altersgeiler Sexisten.

Doch ebenso konsequent führt Walther auch den Mann vor in seiner zunehmend patriarchalischen Dominanz, in seinem Beschützer- und Besitzgebaren, das die Liebe vergiften muss. Ria ist für ihre Beziehung zu weiteren Zugeständnissen nicht fähig, ist unentschieden zwischen ihrem Mann und einem Liebhaber. Der Mann kann nicht anders, als seine Frau zu demütigen bis zur Vergewaltigung, und er vergeht vor Eifersucht, wenn sie verreist. Ihr Geschlechterkampf findet seinen Höhepunkt in einem Autodafé, in dem beide im Wechsel sich steigernd ihre liebsten Erinnerungsstücke an den anderen ins Feuer geben.

Literarisch starke Passagen wie diese entschädigen für den mitunter strapazierend engen Fokus auf dieses Beziehungsdrama, in dem der Autor mehrere Stränge in die Außenwelt nicht auserzählt. Eingestreute Stasi-Berichte und Zersetzungspläne bleiben von der Handlung losgelöst, ein Einberufungsbefehl zum Reservistenwehrdienst bleibt folgenlos. Ein Freund und Fotograf nimmt sich das Leben, doch sein Motiv bleibt verborgen. Selbst die Entwicklung im Land wird durch den immerhin stasiobservierten Maler nur sehr selten reflektiert.

Dabei gelingt Walther in manchen Romanpassagen eine intensive Zeitatmosphäre. Das erniedrigende Hinhalten bis zum Erteilen der Visa für seine Gastdozentur in den USA liest sich da ebenso plastisch wie die "Neue Welt" aus dem Blickwinkel des DDRlers. Hier gewinnt der Roman Tiefe über das Psychodrama hinaus. Hier funktioniert die Parallelität des zwangsläufigen Scheiterns einer vormundschaftlichen Beziehung wie des vormundschaftlichen Staates DDR. Auch mit dem Mauerfall tritt kurzzeitig Weltgeschichte in ihr Leben, bevor der Roman sich erneut auf die zerstörerische Liebe konzentriert.

Ria stirbt nach einem unverschuldeten Autounfall. Matthias brennt im Schmerz die letzten Erinnerungen nieder, legt das Gehöft in Asche. Beides war lange vorhersehbar. Um so überraschender entfaltet sich auf einer halben Seite ganz am Ende ein völlig anderer Roman. Vielleicht war ja die Eskalation auf den letzten 55 Seiten, seit er sich Ria einmal mehr verschloss, nur eine albtraumhafte Fiktion? Ein Ausgang jenseits der Tragödie scheint unvermutet möglich - so möglich wie die Katze, die beim ersten Raureif in ihren langen Sätzen aus einem der verwilderten Gärten wieder herauf kommen könnte... Ein lesenswerter Roman ist "Himmelsbrück" allemal.

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