Juden in Deutschland

Weniger als vier Prozent

Allein gelassen: Ein instruktiver Band über die "Jüdische Remigration nach 1945".

Von ROLF WIGGERSHAUS

Nirgendwo spielten Juden jemals eine so bedeutende Rolle im öffentlichen und geistigen Leben eines Landes wie in Deutschland vor 1933. Und nirgendwo wurden an ihnen solche Verbrechen verübt wie gleich darauf in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft. Was bedeutete vor diesem Hintergrund "jüdische Remigration nach 1945"?

Fast zwei Dutzend Beiträge einer Hamburger Tagung des Jahres 2006 erlauben eine differenzierte und wohlfundierte Antwort. "Schon die Rückkehr", heißt es in "Schwierige Rückwanderung nach Hamburg", "wurde den Exilierten von allen Seiten schwer gemacht: von der britischen Besatzungsmacht, von deutschen Bürokraten, von einer überwiegend abweisenden deutschen Gesellschaft und ... von der jüdischen Gemeinschaft in der Welt, die ein erneutes Leben im ‚Land der Mörder' scharf verurteilte".

Besatzungsmächte nahmen ebenso wie deutsche Funktionsträger bei ihren Maßnahmen Rücksicht auf antisemitische Ressentiments. Manche Regelungen signalisierten: Emigrierte Opfer zählten weniger als im Land gebliebene, aus "rassischen Gründen" Verfolgte weniger als politisch Verfolgte. Rückkehrwillige Emigranten wurden nicht unterstützt, sondern gewarnt, im besiegten Deutschland sei das Leben härter als im komfortablen Ausland. Ignoranz herrschte auf deutscher Seite nicht nur gegenüber den Realitäten des Exils, sondern auch gegenüber den besonderen Härten, die für jüdische Remigranten mit einer Rückkehr nach Deutschland verbunden waren.

Bedingungslose Versöhnung

Als dann 1948 der Staat Israel gegründet wurde, gerieten Überlebende der Shoah in Deutschland erst recht zwischen die Fronten zweier Erwartungshaltungen. In Deutschland, wo man ihnen immer wieder die eigenen Leiden vorhielt, wurde von ihnen bedingungslose Versöhnungsbereitschaft gefordert; von Israel und dessen Repräsentanten in der Diaspora wurde ihnen vorbehaltlose Solidarität und finanzielle Unterstützung für den zionistischen Staat abverlangt. Die Aufmerksamkeit des Bandes gilt nicht nur Intellektuellen und Schriftstellern. Es gibt Beiträge beispielsweise über die Remigration von Architekten, die in Deutschland auf ein intaktes Netzwerk von Mitarbeitern des "Wiederaufbaustabes Speer" stießen, oder von Unternehmern, die gelegentlich zu effektiven Vermittlern deutscher Unternehmensinteressen im Ausland werden konnten. Insgesamt wagten die Rückkehr nach Deutschland bis 1959 schätzungsweise 9000 Personen - weniger als vier Prozent der Juden, die geflohen waren.

Mit zum Teil hervorragenden Beiträgen vergegenwärtigt diese Aufsatzsammlung auf informative, eindringliche und faire Weise das Nichtwiedergutzumachende und auch das Lehrreiche an der jüdischen Remigration nach 1945: Die sich vor der Verfolgung retten konnten und der Vernichtung entgingen, sahen sich anschließend als Überlebende der Hauptopfer nationalsozialistischen Unrechts weiterhin missachtet, in ihren Lebensschicksalen nicht gewürdigt und allein gelassen von denen, die spätestens jetzt gefahrlos hätten beweisen können, dass sie bloß verführte und machtlose Opfer eines zwölf Jahre währenden Terrorregimes gewesen waren.

Irmela von der Lühe u.a. (Hrsg.): "Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause". Jüdische Remigration nach 1945. Wallstein Verlag,

508 Seiten, 42 Euro.

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