Wendy Doniger, hier 2002.
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Wendy Doniger, hier 2002.

Religionswissenschaften

Sie bringt uns das Lesen bei

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Sanskritgelehrten Wendy Doniger zum 80. Geburtstag

Schon 2008 schrieb Wendy Doniger, die alten Hindu-Texte unterschieden drei Lebensalter: im ersten lerne man, im zweiten heirate man und gründe einen Hausstand, im dritten ziehe man sich in die Wälder zurück. Sie sei jetzt im dritten Lebensalter angekommen und ihr Wald befinde sich mitten im Herzen Chicagos. Die Hundeliebhaberin Doniger, die heute 80 Jahre alt wird, fügte damals hinzu, bei Hunden unterscheide man auch drei Lebensalter: spielen, essen und schlafen. Sie erinnerte auch daran, dass es abweichende Hindu-Überlieferungen gebe, die noch ein viertes Lebensalter hinzufügten, das des Verzichts und des völligen Rückzugs. „Dafür bin ich aber“, schrieb sie, „wie die meisten Hindus, vom Temperament her, nicht wirklich geeignet.“

Ihr Leben lang hat sie sich mit den klassischen Texten der indischen Überlieferung beschäftigt und immer auch mit den heterodoxen, skeptischen Einwänden, die eben auch zur Tradition gehören. Als sie 1958 sich entschloss, eine Sanskritgelehrte zu werden, da tat sie das auch, um dem linken New Yorker Milieu, in dem sie aufgewachsen war, zu entfliehen. Sie wollte sich mit etwas beschäftigen, bei dem es nicht darum ging, wahr und falsch zu unterscheiden. Sie las alle Geschichten und Ideen, Märchen und Theorien als Texte einer großen Überlieferung, zu denen jeder wissentlich oder unwissentlich beitrug. Die Kritik des Mythos ist ein Abschnitt seiner Geschichte.

In ihrem vielleicht schönsten Buch, im 2009 erschienenen „The Hindus – An Alternative History“ – unverzeihlicherweise nicht ins Deutsche übersetzt –, entfaltet sie den ganzen Reichtum der indischen Erzähltradition, die dauernde Auseinandersetzung immer neuer Generationen von Autoren und Autorinnen.

Die Geschichten strotzen vor Körperlichkeit. Jede Erzählung hat eine Gegenerzählung. Das Buch zeigt die indische Literatur in grell-bunten Farben wie südindische Tempel. Es geht um die Fülle des Lebens. Es ist ganz programmatisch eine Geschichte, in der nicht Männer, Geist und Transzendenz, sondern Frauen, Hunde und Pferde das Sagen haben. Ein witziges, ikonoklastisches Meisterwerk, das gegen die europäische Stubengelehrsamkeit, die aus Indien vor allem das „Nichts“ importierte, den die alten Texte durchziehenden Spaß, ihre Verspieltheit und Ironie deutlich machte. Nichts liegt der von Wendy Doniger beschriebenen Welt ferner als Dogmatik.

In Indien eingestampft

Die aber wird in Indien gerade aufs Podest gehoben. Eine Hindu-Orthodoxie wird kreiert, die sich in erster Linie – so ist das nun mal bei Orthodoxien – aus der Unkenntnis nährt. Aus der Unkenntnis eben der Tradition, auf die sie sich zu stützen vorgibt. Das Wenige aber, das man weiß, soll auch schon alles sein, das man wissen muss. Alles andere ist Häresie. Nun hat die Politik Wendy Doniger eingeholt. Die fernen Texte sind umkämpft und um ihre Interpretation werden Kriege geführt. „The Hindus – An Alternative History“, das in Indien ein Bestseller war, wurde der Prozess gemacht. Es wurde als Angriff auf den wahren Hindu-Glauben nicht nur verboten, sondern der indische Verlag musste alle noch vorhandenen Exemplare einstampfen.

Wendy Doniger ist eine der großen Sanskritgelehrten und sie ist eine, die in jedem ihrer zahlreichen Bücher uns Fenster öffnete hinüber in andere Welten. Sie hat uns reicher gemacht.

p.s. Wenn ich Lektor wäre. Ich würde sofort ihr Buch „The Donigers – A Mythologized Memoir“ auf Deutsch herausbringen. Es ist die Geschichte eines russischen Juden und einer New Yorker Jüdin, deren Eltern in Wien in der Berggasse gelebt hatten. Der Vater gründete in New York einen Verlag, in dem protestantische Predigten als Vorlagen für die Pfarrer erschienen. Finanziell war es ein großer Erfolg. Dank dieser Einnahmen konnte die Mutter Kunst sammeln und eine Stalinistin sein.

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