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Weltrevolution, na klar

Otmar Hitzelberger, Johnny Klinke und Frankfurt früher

Von Alexander Haase

Ein Abendessen in der WG, irgendwo in Frankfurt zu Beginn der siebziger Jahre. Es gibt Hammelkeule und türkisches Gemüse, das Interesse der um einen großen Holztisch versammelten Kommunarden gilt jedoch nicht den versammelten Köstlichkeiten, sondern der unglaublichen Erzählung eines jungen Mannes: Von Folter oder zumindest folterähnlicher Behandlung durch Polizisten im Knast weiß dieser zu berichten, immer noch geschockt von seinem - wenn auch äußerst kurzen - Aufenthalt in den Händen der Staatsmacht. Das Schweinesystem, so scheint es, hat wieder zugeschlagen - und das mitten im gemütlichen Südhessen.

Als Otmar Hitzelberger diese Episode aus seinem Zeitzeugenroman Schritt für Schritt ins Paradies (Edition Büchergilde) jetzt bei einer Lesung in der Frankfurter Filiale der Büchergilde Gutenberg vorträgt, kann er sich ein gelegentliches Lächeln nicht verkneifen: Was zunächst wie eine Anklage gegen staatliche Repression klingt, entpuppt sich nach und nach als gewagte Münchhausiade eines revolutionstrunkenen Greenhorns, das weniger die gebannt lauschenden Genossen beeindrucken möchte, als vielmehr die hübsche junge Dame mit der Nickelbrille, die ebenfalls am Tisch sitzt. Die jedoch reagiert kühl und enttarnt die wilde Leidensgeschichte routiniert emanzipiert als plumpe Macho-Anmache: Willkommen in den wilden Siebzigern.

Die Hochphase der Frankfurter Gegenkultur, mit ihren heute bisweilen kurios wirkenden Debatten, Konflikten und Gegnerschaften, die Hitzelberger nüchtern und mild-ironisch in seinem Roman behandelt, hat ihren letzten großen öffentlichen Widerhall vor einigen Jahren in der Diskussion um die Gewaltbereitschaft der so genannten "Putztruppe" gefunden. Vielleicht war es dieser bemüht wirkende Versuch, den mittlerweile arrivierten Protagonisten der damaligen Szene die Karrieren zu vermiesen, der Hitzelberger bewegt hat, dem Bild von krawallgeilen Anarcho-Rowdies, die auf wehrlose Polizisten einschlagen, seine eigenen Erinnerungen entgegenzusetzen.

Wie den meisten Autoren vergleichbarer Rückblicke, gelingt es auch Hitzelberger nicht völlig, sich dabei von Verklärung und nostalgischer Schwärmerei frei zu machen. Bisweilen glaubt man sogar ein trotziges "Ich bereue nichts" heraushören zu können; vielleicht ist es auch gar nicht anders möglich, wenn ein Teil der eigenen Biografie so eng mit einem kontroversen Abschnitt der jüngeren deutschen Geschichte verzahnt ist.

Diesen Umstand nicht überzubewerten, das allerdings ist die Leistung von Schritt für Schritt ins Paradies: genau dort Distanz zu bewahren, wo Selbstgefälligkeit zu befürchten gewesen wäre - in der Einschätzung der eigenen Bedeutung nämlich.

Nicht zuletzt ist dies wohl auch in Hitzelbergers Vita begründet: Wie seine Helden im Roman, gehörte auch der 1955 geborene Autor, der heute als Filmemacher arbeitet, nicht zum studentischen Establishment der Revolte, sondern zur erdigeren Lehrlingsbewegung, die sich für recht handfeste Ziele stark machte: Weltrevolution, na klar; vorher galt es aber noch für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum zu kämpfen. So viel Bodenständigkeit ermöglicht bei der rückblickenden Beurteilung der eigenen Rolle wohl eine gewisse Bescheidenheit.

Dass es leider auch anders geht, bewies im Anschluss an Hitzelbergers Lesung übrigens Sponti-Veteran Johnny Klinke: Eigentlich als Moderator des Abends geladen, schwadroniert der Tigerpalast-Gastronom enthemmt von "dieser Zeit" damals, dröhnt von seinen Erlebnissen mit so tollen Weggefährten wie "dem Joschka", "dem Matthias" und, ach ja, natürlich auch "dem Otmar"; dabei gönnerhaft mit dem Münzgeld in der Hosentasche klimpernd. Schnell redet sich Klinke in Rage, kommt von Frankfurter Verhältnissen zur deutschen und internationalen Politik, zu Globalisierung und Kapitalismus, und er - Klinke - natürlich mittendrin.

Ein hochpeinlicher Auftritt, aber niemand fällt ihm ins Wort. Wenn Opa vom Krieg erzählt, ist man wohl besser still und hört einfach nicht hin. Wie wohl Hitzelbergers rote Lehrlinge auf so viel Selbstzufriedenheit reagiert hätten?

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