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„Monika Steinkopf zu Bergen-Enkheim / sei dank für den regen goldener früchte.“

Erdanziehung

Welthäuslichkeit unter freiem Himmel

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 Neue Gedichte von Wulf Kirsten, der am heutigen Freitag 85 Jahre alt wird.

Wulf Kirsten denkt in Landschaften, wie andere in Begriffen. Er hört das „Gras wachsen“ – vom Meißnerischen und Weimarer Land bis zum Rhônetal. Das Meer spiele für Wulf Kirsten keine Rolle, er sei „kontinental“, hinterließ Rolf Haufs. Der Dichter aus Weimar ist kein Mensch der Ebene, er ist ein emphatischer „Landschreiter“ in Flusstälern, Hanglagen und im Bergland. Nur der Erdanziehung unterworfen, sucht er die „Welthäuslichkeit“ unter freiem Himmel. Aber zur Landschaft kommt das Menschengemachte. Aus dem Landschafter wird ein „Weltbetrachter“: Geschichte, Kultur, Biographie, mögliche Zerstörung eingeschlossen. „am grundfaden hängend, vernetzt, / wie ihn die spinne zu ziehen beliebt, / wirst du wohl oder übel mit deiner / hauteigenen geschichte leben müssen“.

Jüngst kam es zu einem flagranten Ausruf des letzten Dichters aus Weimar: „Ich schreibe wie ein Quartalssäufer.“ Das ließ aufhorchen bei einem Mann, der für seine skrupulöse Arbeitsweise bekannt ist. Auf Pausen der Wahrnehmung und des Speicherns folgt ein Zerreißen des Raums, ein geballtes Arbeiten. Der Band „erdanziehung“ zeigt jetzt fünfzig Gedichte, die Quartalsfrüchte der letzten acht Jahre. Aus dem Betrauern einer Kriegskindheit, aus dem inneren Widerstreit vor fliehenden Horizonten, dem Zweifel als „oft genug verlachter / weltbetrachter“, wachsen profunde Selbstbehauptungsgedichte. In genuinen Abschweifungen wird alles formuliert bis auf den Grund.

Jedes Gedicht ein Neubeginn in der abgestuften Dreieinigkeit von Landschaft, Geschichte und Biographie, wie in „spielplatz“: „damals, mitten im krieg, / ich sah ihn, Franz aus der Ukraine, / deportiert mit fünfzehn, / zum laufen am berg gebracht, / in trab gehalten, wehe,/ dreimal wehe, er hätte die fuhre / geschmissen, ich hab ihn, / als ich zehn war, bewundert.“ Gestohlenes Leben rankt sich in viele Gedichte, so auch in „morgen in Alzey“ als Fortentwicklung des Gedichtes, das bereits in Kirstens Band „fliehende ansicht“ (2012) in einer frühen Fassung erschien: anderer Zeilenfall, die Verse weiter geschliffen. Und sich selbst eingefügt „als stiller betrachter“. „Karl Schloß zu ehren in Alzey, dessen leben als jude / in auschwitz endete, / in einem seiner gedichte / sah er jahrzehnte zuvor / die blumen in rauch aufgehn.“ Der letzte Vers ist dem gleichnamigen Gedicht von Karl Schloß entnommen, einer Prophetie kommenden Schreckens schon 1905.

Nicht nur hier zeigt sich Kirsten als universeller Dichter, als ein sich keineswegs nur im Jahreskreis bewegender Landschafter. Er ist einer, der weiß und zählen kann, einer, der beim Namen ruft. Die Reverenz für den Bauerndichter Nikolai Kljujew gilt den vergessenen Stalinopfern. “… zeit. ach zeit vorbei, / halt nur einziges mal doch noch ein, / bis das letzte gedicht vollendet, / … / zu tode gebracht, als der tod umging / millionenfach, verscharrt ortlos / gleich einem räudigen köter.“ Kirsten, Jahrgang 1934, hat die enge Verschwisterung von Idealismus und Gewalt immer auch als eigene Gefährdung gespürt, bis „die eskaladierwand“ aus seinem Leben verschwand: „welch ein glück, sagt man sich / am ende eines langen lebens, / nicht mehr strammstehen müssen, / hände hart an der hosennaht, / nicht mehr marschiern in kolonne / und gleichschritt halten.“

Die Flucht vor den Zumutungen der Gesellschaft in die Landschaft, lässt sich auch als ein Betrauern des Versäumten verstehen. Der Dichter weiß, es gibt keinen Ausgleich für versäumtes Leben. Nicht anders Kafka. Dieser kreuzt 1912 auf einer Reise den Goethe-Garten Weimar und verliebt sich in die Tochter des Hausmeisters am Dichter-Museum. Auch Kirsten entflammt diese Legende: „in einen backfisch verschossen jählings, / namens Gretchen, eben sechzehn geworden, / das unterricht nahm im weißnähen, / bei hochsommerhitze sah Kafka / sie leichtgewandet ziehn / die Erfurter straße hoch, erotisiert / von ihrem durchsichtigen kleid.“

So durchsichtig wird es nicht wieder. Kirsten scheidet weiter Natur und Landschaft: „Natur ist überall Natur, Landschaft ist aber überall anders.“ Völlig anders auch der Erlebnispegel in der Felsenlandschaft über dem Rhônetal: „zikadengesang, wo immer wir schweiften, / wo immer zu hören, wir wußten, / das ist der Süden.“ Wieder heimgekehrt, summen bei Kirsten auch Wort-Zikaden. Es „dräuscht“, es wird „gedemmelt“ oder „gereut“ und „lehden gequert“, „klunsen“ überwunden. Das Grimmsche Wörterbuch so nützlich wie nie. Ein frisches Beatmen alter Worte, verschlissen in Jahrhunderten. Wie im Sprachlichen ist Kirsten beständig in allem. Wenn er auf seine Zeit als Stadtschreiber kommt, gedenkt er schon in einem zweiten Gedicht einer Bücherfrau: „Monika Steinkopf zu Bergen-Enkheim / sei dank für den regen goldener früchte.“

Für das „sofortige Erkennen“ und den poetischen Aufschluss des Wulf Kirsten gilt der Kafka-Satz beim ersten Anblick des Goethe-Hauses: „Fühlbare Beteiligung unseres ganzen Vorlebens an dem augenblicklichen Eindruck.“ Heute feiert der Dichter aus Weimar, der immer mehr sein wird als ein Landschafter, seinen 85. Geburtstag.

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