+
Sarajewo 1992: Die serbische Armee belagert die Stadt, Frauen warten auf eine Evakuierung

Literatur

Bis zum Weltekel

  • schließen

Bora Cosics Roman „Im Zustand stiller Auflösung“ entstand 1991 und liest sich weiterhin aktuell, bitter und unterhaltsam – dazu Reiseessays.

Am Anfang ist es nur das Gegrummel eines alternden Misanthropen. Der Schriftsteller ist Proust auf der Spur und will deshalb nach Cabourg, wo sein Held einst die verlorene Zeit wiederfand. Aber dummerweise hat er Mitreisende dabei, die eigene Interessen haben und lieber in der Bretagne statt in der Normandie absteigen würden. Wie ärgerlich.

Der resultierenden schlechten Laune setzen sich nicht nur die Reisegefährten aus, sondern vor allem der Autor selbst und darüber hinaus alle, die ihm in die Quere gekommen. Die Leute um ihn herum können freundlich sein oder nicht, gleichgültig oder interessiert; mit jeder Lebensäußerung werden sie den Verdruss des Schriftstellers nur noch vergrößern. Natürlich bleibt auch die Lebensgefährtin nicht verschont. Sie macht alles falsch und kriegt, wie schon vorher „die Franzosen“, erkennbar böswillig ein nationales Etikett aufgepappt und wird zu „meiner Bulgarin“.

Über gut hundert Seiten steigert sich die unterhaltsame Miesepetrigkeit zum Weltekel. Die ganze Menschheit ist schuld am eigenen Altwerden. Alle sind Idioten und meistens auch hässlich. Wut macht dumm. Nicht einmal für das abgegriffene Lamento über die „oberekelhafte“ Kombination von Sandalen und Männersocken ist sich der Schriftsteller am Ende zu schade.

Bora Cosic: Immer sind wir überall. Reisen nach Italien und Österreich. Folio Verlag, Bozen und Wien 2019. 86 S., 20 Euro.

Erst ganz am Schluss ahnt man, warum da einer so schlecht drauf ist: Zweitausend Kilometer von hier, vom Ende der Welt, bricht gerade sein Heimatland zusammen. „Im Zustand stiller Auflösung“ erschien 1991 und ist die erste literarische Reaktion des serbischen Dichters und Denkers Bora Cosic auf den Zerfall Jugoslawiens. Cosic ist kein Houellebecq; weder will er provozieren, noch ist er auf Pointen aus. Er demonstriert seine Verzweiflung, seine Wut und seine Hilflosigkeit.

Fast dreißig Jahre danach, da Zeichen stiller Auflösung der kontinentalen Ordnung sich mehren, wirkt das schmale Werk bestechend aktuell. In der Gefahr lenkt jede Rücksichtnahme, jede Freundlichkeit vom großen Schrecken nur ab. Warum nicht allen ins Gesicht schreien, wie widerwärtig, wie blöd sie alle sind, dass sie schielen, humpeln und dummes Zeug daherreden? Nichts macht auch in unseren Tagen viele so aggressiv wie der brave, bürgerliche Konstruktivismus der wohlerzogenen „Studierenden“ mit ihrer Welt der schönen neuen Wörter.

Bora Cosic, 86, der seit damals in Berlin und im kroatischen Küstenstädtchen Rovinj lebt, ist ein großer, produktiver und vielseitiger, ganz und gar nicht zynischer, wenngleich nicht so leicht zugänglicher Autor, ein Schicksal, das er von seinen Vorbildern übernommen hat: vom Kroaten Miroslav Krleza und dem Serben Milos Crnjanski, beide klassische Geschöpfe Mitteleuropas.

Bora Cosic: Im Zustand der Auflösung. Roman. A. d. Serb. v. Brigitte Döbert. Schöffling & Co., Frankfurt 2018. 127 Seiten, 18 Euro.

Die grenzenlose Region, sozusagen „per Definition undefinierbar“, ist das dominierende Thema eines ganz anderen Buches von Cosic, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Wie der Triestiner Mitteleuropa-Barde Claudio Magris nutzt er die Donau als Metapher für die Region, in der „alles im Fluss“ ist. Zugleich liefert der Strom ihm die Struktur für seinen Essay. Aus kleiner, klarer Quelle entsprungen, nimmt der Text Zufluss um Zufluss auf, bis alles durcheinander kommt. Ein Essay ist hier kein durchkomponierter, zu Ende argumentierter Text. Auf klare Oberbegriffe lässt sich im notorisch diffusen Mitteleuropa nichts bringen. Der Prototyp seiner Intellektuellen ist Ludwig Wittgenstein, „ein Denker, der ein Werk aus einzelnen Sätzen hinterlassen hat“: stimmig, logisch, treffend, aber eben darum unübersichtlich.

Cosic reist von Linz nach Wien. Zu jedem Städtchen fällt ihm vieles ein. Neu Beobachtetes zeugt von einem scharfen, originellen Blick – beim Abstecher ins herausgeputzte mährische Znojmo etwa, wo „die Fassaden der einst malerischen klassizistischen Gebäude wie Fossile einer Epoche“ wirken, „ausgestellt in jenem Zustand, wie sie ein Schliemann angetroffen hat“. Viel Bildungsgut fließt heran, reife Lesefrüchte plumpsen in den Strom.

Noch bildungsschwerer wird es bei der zweiten „Reise“, einem Potpourri von Eindrücken, Gedanken, Betrachtungen aus vielen Jahrzehnten und aus Italien, einem Land, in dem der Autor sich nicht zu Hause fühlt. Wer hier mitkommen will, muss die Geistes- und Kulturgeschichte Europas im kleinen Finger haben, sich in Malerei, Musik, Architektur auskennen oder wenigstens nachschlagen, googeln, weiterspinnen. Ohne Arbeit geht es nicht. Cosic dürfte es recht so sein. Von den Blöden, Faulen und Selbstzufriedenen will er eh nicht gelesen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion