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Weltablehnung

Stefan Breuer über den Fundamentalismus der Moderne

Von Kersten Knipp

Gott lässt sich nicht mehr finden in der Moderne, aber auf ein wenig Transzendenz darf man vielleicht dennoch hoffen. Wie der religiöse, so Breuer zu Anfang seiner Studie, suche auch der weltliche Fundamentalismus sein Heil im Abseitigen, kennzeichne sich wie jener auf "Weltablehnung" - die er allerdings zur "Zeitablehnung" gemildert habe. Nicht gegen die Welt als solche richte er sich darum, sondern gegen ihre jeweiligen Ausformungen, die er als unüberschaubar, durcheinander, chaotisch erlebe - und gegen die er vor allem auf dieses setze: "Einheit, Ganzheit, Sinn". Realisiert, so Breuers These, würde diese vor allem "in Anlehnung an jene innerweltlichen Mächte, die dies in großer Intensität versprechen: die Kunst, die Erotik, die Moral".

Der moderne Fundamentalismus zeichnet sich demnach durch deutlich privatistische Tendenzen aus. Man könnte auch sagen, er zieht sich zurück in verletzliche Innerlichkeit. Doch Innerlichkeit ist eher eine Haltung als ein Programm, und eben darum müssen die fundamentalistischen Regungen der Moderne unumgänglich ins Leere laufen: "Moderner Fundamentalismus auf der Basis von Moral, Kunst oder Erotik ist möglich, aber auch unwahrscheinlich." Was bleibt, ist Privatvergnügen - auch und offenbar gerade dann, wenn es, wie in den Texten von Breuer Kronzeugen, zumeist in durchaus unaufgeräumter, ja geradezu mürrischer Stimmung daherkommt.

Sicher: Breuer stößt auf seinen Streifzügen durch die Spielformen des modernen Fundamentalismus gelegentlich auch auf sehr weitsichtige Einsichten. Diejenige Rousseaus etwa, der beim Nachsinnen über die Entstehungsbedingungen des Contrat Social feststellte, dass die Menschen so, wie sie sind, eigentlich niemals werden könnten, wie sie sein sollten - und es darum die vornehmste Aufgabe des Staates sei, seine Bürger nach seinen Vorstellungen zu schaffen: "Wenn es gut ist, zu wissen, wie man sich der Menschen, so wie sie sind, bedienen soll, so ist es noch weit besser, sie so zu bilden, wie man sie nötig hat. Die uneingeschränkteste gesetzmäßige Macht ist diejenige, welche bis in das Innerste des Menschen dringt und nicht weniger auf den Willen als auf die Handlungen wirkt."

Doch es scheint wenig sinnvoll, dem pädagogischen Impetus des Staates nichts als individuelle Traumgebilde entgegenzusetzen. Denn die meisten der von Breuer präsentierten fundamentalistischen Gedankenspielchen sind kaum mehr als haltlose Phantasien, die der Autor mit Max Weber zu Recht als Produkte eines "Paria-Intellektualismus" bezeichnet. Der äußert sich paradoxerweise gerade dann, wenn es um Allerhöchstes geht, wenn, wie bei Schopenhauer, nichts Geringeres als die "unmittelbare Erkenntniß der Welt und ihres Wesens" auf dem Spiel steht, einzulösen nur durch die Kunst, die "dem rast- und bestandlosen Strom vielfach gestalteter Gründe und Folgen" zu entkommen und des Heils intuitiver Erkenntnis teilhaftig zu werden sucht. Kein Wunder, dass sich für Schopenhauer dergleichen Träume restlos erst im Tod erfüllen, jenem gnädigen Erlöser von den Beschränkungen der Individualität. Was aber, wenn man lieber leben will?

Nein, praktische Relevanz haben sie kaum, die Regungen der modernen Fundamentalisten. Wie ausgesprochen belanglos sie sein können, wird am Beispiel eines Stefan George offenkundig, der sein Unbehagen an der "knechtenden Gegenwart" in einer "kunst für die kunst" aufzuheben suchte, träumte von einer "kunst frei von jedem dienst", wie er in überspannt anmutender Minuskelschrift schrieb. Dass er dennoch seinen in der Literaturgeschichte so berühmten "Kreis" um sich scharren konnte, lag Breuer zufolge vor allem an Georges persönlicher Ausstrahlung, der Art, den Getreuen die Verse vorzutragen: als, wie Breuer schreibt, "gleichsam sakramentalen Einsatz zur Herstellung einer ?eucharistischen' Gemeinschaft". Spuren davon finden sich ja auch auf den Lesungen zeitgenössischer Dichter, die ihr bis zum Hirnausfall verzücktes Publikum stundenweise heimführen ins hohe Haus der "Kultur". Angesichts derartiger Verzauberungen mag darum zutreffen, was ein anderer moderner Fundamentalist, Ludwig Klages, behauptete: dass nämlich nicht die Menschen die Bilder geschaffen hätten, sondern umgekehrt "es die Bilder waren, die solcher Glaubenansichten, Geschmacksrichtungen, Denkweisen, Forschungsneigungen, Erfindungsgaben, ja solcher beschaffenen Menschen bedurften, um zu erscheinen".

Hier taucht sie wieder auf, die von Rousseau beobachtete Formkraft des Staates, versetzt allerdings in den ästhetischen Bereich. Ob sie darum aber gleich auch eine bessere ist? Zumindest wohl insofern, als die müden Topoi der Fundamentalisten am Ende nicht ausreichten, die Herzen ihrer Leser ernsthaft zu bewegen. Aus der Rückschau dürfte man dies wohl auch über das Werk des jüngsten von Breuer porträtierten Fundamentalisten, Herbert Marcuses, behaupten, dessen Einschätzung, dass die "Wiederherstellung der Urstruktur der Sexualität" nichts Geringeres als "eine Umkehrung des Zivilisationsprozesses, ein(en) Umsturz der Kultur" bedeute. Konnte Marcuse wirklich nicht ahnen, dass es nur dreißig, vierzig Jahre später darauf ankäme, die angefeindete Kultur wenigstens in ihren Restbeständen zu erhalten?

Aus der historischen Rückschau, das zeigt Breuers Band sehr deutlich, erscheinen die fundamentalistischen Äußerungen der Moderne vor allem als Produkte eines lyrischen Eskapismus. Ihn kann man mögen oder nicht mögen - in jedem Fall wird man ihn für gründlich belanglos halten. So zeigen Breuers Streifzügen durchs poetische Absurdistan, an welchen Stellen die Gegenwart sich von der Moderne verabschiedet hat. Ob sie darum aber auch vernünftiger geworden ist, ist leider längst noch nicht ausgemacht. Denn heute kennt man Spielarten eines religiös inspirierten, waffenstarrenden Fundamentalismus, angesichts dessen man sich zurückwünschen möchte in die Zeiten, in denen man unter Fundamentalismus nichts Anderes zu verstehen brauchte als den skurrilen Eskapismus irrlichternder Künstlerhirne.

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