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Rita Indiana.

Karibik

Die Welt wird so nicht zu retten sein

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„Tentakel“, ein verrückter, dunkler Roman der dominikanischen Musikerin und Autorin Rita Indiana.

Das Erzähllabyrinth ist verwirrend, aber es gibt Möglichkeiten hindurchzukommen. Lesende müssen das Labyrinth dafür allerdings eher wie einen Dschungel behandeln und sich eine Schneise schlagen. Anschließend können sie in Ruhe nachlesen, was auf den schmalen Wegen sonst noch los war.

Diese Schneise zum Beispiel: In einer nicht fernen Zukunft, den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts, kann sich das dominikanische Dienstmädchen Acilde durch ein Verbrechen die Mittel verschaffen, sich in einen Mann zu verwandeln. Das ist eine bloß skizzierte Schauerromanszene, die von der Fantasie angeheizt jede hochklassige Filmverwandlung hinter sich lässt. Eine – auf den zweiten Blick beabsichtigte – Nebenwirkung der kostspieligen und hocheffizienten Droge ist, dass er hinfort ein Parallelleben in den 1990er Jahren führt. Hier lernt Giorgio die junge Linda kennen, eine reiche Erbin, die sich gegen die Verschmutzung der Meere engagiert und am Aufbau eines entsprechenden Instituts arbeitet. „Wo andere Landschaft sahen, sah Linda Goldman Trostlosigkeit. Wo andere der entspannenden Stille unter Wasser lauschten, hörte sie die Hilfeschreie zerstörter Ressourcen.“

Giorgio weiß, wie recht Linda hat, aber auch, wie aussichtslos ihr Engagement ist. In einigen Jahren, 2024, wird eine durch politischen Leichtsinn hervorgerufene Umweltkatastrophe die Karibik in eine Kloake verwandeln (das ist die Welt von Acilde, damals hat sie zugeschaut, wie das Haus der verhassten Großeltern von einer Flutwelle mitgerissen wurde. Acilde ist hart drauf, und sie hat Rechnungen offen).

Oder diese Schneise: Der junge mittellose Künstler Argenis malt in den Neunzigern ewigvorgestrig, aber handwerklich ist das vom Feinsten. Auch er gerät nun – durch eine Seeanemonen-Vergiftung – mit einem Teil seines Ichs in eine andere Zeit. Mit Bukaniern – Freibeutern, Mördern, wilden Gesellen – schlägt er sich im 17. Jahrhundert auf Hispaniola mit dem Töten und Häuten von Rindern herum. Andererseits ist seine Kunst von hier aus betrachtet immens modern: Da malt einer wie Goya, und das hundert Jahre vor ihm und in der Karibik. Man muss wissen, dass Giorgio unterdessen mit Linda eine Galerie eröffnet hat.

„Tentakel“ ist ein schmaler Roman der 1977 in Santo Domingo geborenen Musikerin und Autorin Rita Indiana, die als Künstlerin ihre beiden Vornamen benutzt. Mit ihrer Musik hat sie in der Karibik Karriere gemacht. Als Autorin ist sie auf Deutsch bisher kaum in Erscheinung getreten (im Unionsverlag kam sie 2016 in den „Geschichten aus der Dominikanischen Republik“ vor). Tatsächlich lässt sie sich schwer einordnen. Bei „Tentakel“ handelt sich um eine Art Trash-Roman für die gebildeten Stände, eine wilde, aber wohlüberlegte Kombination aus Science-Fiction-Abenteuer, Krimi, Kunstbetriebs- und Hipstersatire, Sozial- und Ökothriller und von der Seite hereinbrechender Karibik-Studie.

Beiläufig entwirft Rita Indiana den unangenehm vorstellbaren Alptraum eines toten, fauligen Meeres. Roboter räumen in einer spektakulären Eingangsszene verseuchte haitianische Flüchtlinge beiseite. Die Autorin erklärt das nicht weiter, die Erzählsackgassen im Labyrinth sind eine Herausforderung und literarisch zwar ein geläufiger Trick. Aber er funktioniert wieder vorzüglich. Die Leerstellen ermöglichen ein scheinbar saloppes, aber im Endresultat präzises Schreiben auf engem Raum. Zwischendurch heißt ein Kapitel „Update“ und schiebt lässig einige Informationen nach. Überhaupt ist der Ton cool und nonchalant. Das machen die Figuren. Die Autorin zwängt sich nie zwischen sie und uns.

Rita Indiana interessiert sich für eine Gesellschaft, die sich einem unfähigen, korrupten Populisten aussetzt, dessen Wahlerfolg auf You-Tube-Filmchen basiert. Der Roman-Präsident macht die „einundzwanzig Divisionen“ – wie der dominikanische Synkretismus aus Voodoo (so heißt es, wohl etwas verkürzt, im Roman) und Katholizismus genannt wird – zur Staatsreligion. Evangelikale Terroristen treiben ihr Unwesen.

Für Acilde, die nach ihrem individuellen Glück sucht, scheint das alles nicht wichtig. Dabei ist sie selbst Teil einer Welt, in der Parallelstrukturen eine vielleicht unausgesprochene Selbstverständlichkeit sind. Auch wenn sich „Tentakel“ als Menetekel gegen politische Leichtfertigkeit, Korruption und Gleichgültigkeit lesen lässt, wählt Rita Indiana doch eine karibische Spielart. Die karibische Realität mag einer der Gründe dafür sein, dass das Romanpersonal so lapidar mit den überraschendsten Situationen umgeht. Es ist, als würden unbeachtete Befindlichkeiten auf einmal nach außen gestülpt: Die historischen Ereignisse der Vergangenheit holen die zeitreisenden Figuren ein. Ihre vielfältigen, aber auch schwammigen Identitäten finden verblüffenden Ausdruck.

Die Schlussvolte ist brutal und zu diesem Zeitpunkt unwiderstehlich sympathisch. Die Welt wird so allerdings nicht zu retten sein.

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