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Die Welt retten

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Von: Christian Schlüter

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Den grünen Teppich der Sympathie rollt Friedman weit in die Zukunft Amerikas.
Den grünen Teppich der Sympathie rollt Friedman weit in die Zukunft Amerikas. © Getty

"Was zu tun ist": Thomas L. Friedmans Plan für ein rundumerneuertes grünes Amerika.

Oh Mann, ist der lässig! Jettet mal eben rund um den Globus, von einer Edel-Destination zur nächsten, London, Tokio, Sydney, Dubai… Unwillkürlich entsteht das Bild eines Drei-Wetter-Taft-unverdrossenen Helden, wie er auf den großen Flughäfen dieser Welt eine Gangway nach der nächsten heruntersteigt; aber es darf gerne auch eine Piste im tiefsten Dschungel sein. Hauptsache, die Frisur respektive die Gesinnung bleibt in der richtigen Fasson. Auf diese Weise trifft unser Held lauter coole Typen, smarte Unternehmensberater, engagierte Umweltschützer, renommierte Klimaforscher, amtierende und ehemalige Regierungschefs - also nur wirklich wichtige Menschen, die allerdings mit dem, was sie so sind und zu sagen haben, gar nicht mal wichtig sein müssten, weil sie es ohnehin erst werden, wenn Thomas L. Friedman mit ihnen spricht.

Und das tut der amerikanische Publizist, der Korrespondent und Kommentator der mächtigen New York Times und dreifache Pulitzer-Preisträger immer sehr entspannt, mal über eine Metapher aus einer seiner zahlreichen Kolumnen, mal über den Sinn einer Erhöhung der Mineralölsteuer. Das geht dann ungefähr so: "Im Juni 2004 war ich mit meiner Tochter Orly in London, und an einem Abend sahen wir uns im Theater nahe Victoria Station das Theaterstück ,Billy Elliot' an. In der Pause stand ich auf, um mir im Gang ein wenig die Beine zu vertreten. Da trat ein Unbekannter auf mich zu…" Oh yes, we can! Und dieser Unbekannte fragt den weltberühmten Mr. Friedman, ob er wohl der Herr Friedman sei. Der Unbekannte stellt sich sodann als Amerikaner syrischer Herkunft vor, der "nicht immer mit meinen Kolumnen einverstanden sei". Nicht immer?

Friedman steht voll im Leben und stellt sich auch seinen Kritikern. Und doch, der Unbekannte mit dem Namen Emad Tinawi zeigt sich von immerhin einer Kolumne unseres, dem Londoner Kulturangebot ergebenden Jetsetters angetan, sie trägt den - was den sonst? - poetischen Titel "Wo keine Vögel fliegen" und beschäftigt sich mit dem damals gerade eröffneten amerikanischen Konsulat in Istanbul, das nun, gut drei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, einer Festung gleiche, deren abweisendes, feindliches Äußeres nicht einmal mehr die Vögel zum Verweilen verlocke. Schwupps, und schon ist Friedman beim Thema: Die USA machen ziemlich viel falsch in letzter Zeit. Haben sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Tinawi. Darüber schreiben wir jetzt mal ein Buch: "Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert".

Die Festung also: "Das ist kein Ort für Amerika, kein Ort, den Amerika sich leisten könnte. Ein Amerika, das in einer Festung lebt, vermag den gewaltigen Strom des Idealismus, der Innovation, der Hilfsbereitschaft und der Philanthropie nicht anzuzapfen, der unsere Nation immer noch durchfließt. Und es vermag auch nicht die lebenswichtige Rolle zu übernehmen, die es lange für die übrige Welt gespielt hat - als Leuchtturm der Hoffnung und als das Land, von dem man jederzeit erwarten darf, dass es bei den größten Herausforderungen, vor denen die Welt steht, die Führung übernimmt." Damit hat Friedman umschrieben, worum es in seinem Buch gehen soll. Zur Beantwortung steht also die Frage, warum wir alle der Vereinigten Staaten von Amerika bedürfen, und zwar aus der Sicht eines liberalen US-Amerikaners.

Selbstverständlich kommt wie bei aller besseren, zumal ein breiteres, im vorliegenden Fall allerdings eher amerikanisches Publikum adressierenden Politprosa auch Friedmans Buch nicht um das übliche Einerseits-Andererseits herum. So wird im Zusammenhang des Istanbuler Festungsbaus auch erwähnt, dass er, selbstverständlich, auch sein Gutes habe, insofern er gewiss schon einige Menschenleben rettete. Und, selbstverständlich, der Krieg im Irak ist kein guter, dennoch durfte Friedman in Begleitung eines, zweifelsohne, hochrangigen US-Militärs und als, na klar, ,embedded reporter' die Erfahrung machen, dass dort nur die besten Köpfe ihren Dienst tun, mitfühlend, selbstlos und opferbereit… So holt man seine politisch ja nicht immer zuverlässigen Leser an Bord. Denn Friedmans eigentlich Pointe lautet: Amerika verschwendet seine personellen Ressourcen durch eine falsche Politik. Statt Nationbuilding sonstwo in der Welt bedürfen die USA selbst einer kolossalen Rundumerneuerung.

Es folgt ein ausführliches, insbesondere republikanisches Sündenregister, das von Ronald Reagan bis George W. Bush reicht und in der für viele Amerikaner gewiss unerhörten These mündet, dass es sich bei diesen Präsidenten gewissermaßen um Falschspieler gehandelt habe, deren Politik sich dem Wahlvolk zwar als der Erhaltung und des Ausbaus des American way of life verpflichtetes Handeln präsentierte, in Wahrheit aber ein den Interessen des Landes zuwiderlaufendes und somit unpatriotisches Unternehmen gewesen sei. Mit anderen Worten, die politische Elite des Landes hat in unverantwortlicher Weise Raubbau an der eigenen Nation betrieben. Insbesondere die heimische Industrielobby führte viele Politiker in eine unheilige Allianz von öffentlichen und privaten Interessen und damit ganz Amerika auf den Weg zu einer Bananenrepublik.

Angesprochen sind hier vor allem die mächtigen Auto- und Erdölkonzerne. Damit ist Friedman endlich beim Thema einer grünen Energiepolitik angelangt: Trotz einiger hoffnungsvoller Anfänge in den 1970ern erweisen sich die USA seit Jahrzehnten als der Welt größter Verschwender und Vernichter unserer natürlichen Ressourcen. Das habe, so Friedman, nicht etwa nur zu den großen Problemen unserer Zeit geführt, so da sind: Klimawandel, Hungerkatastrophen, Massenarmut, Artensterben, Überbevölkerung… Vielmehr haben sich die USA auch der Möglichkeit benommen, frühzeitig wie einige europäische Länder oder Japan und demnächst wohl auch China in die Entwicklung alternativer, zukunftsträchtiger Technologien zu investieren. Sparsamer Verbrauch und erneuerbare Energien erfreuen sich in den USA keiner großen Beliebtheit.

Friedman will die Hoffnung auf ein "grünes Amerika" wecken. Den Hintergrund bilden die "Reisen während der letzten drei Jahre durch unser ganzes Land, auf denen ich mir alle erdenklichen Formen der Energieerzeugung ansah, mit allen erdenklichen Arten verschrobener, wilder, wunderbarer Energieinnovatoren, Unternehmer und Wagnis-Kapitalisten - von Garagentüftlern bis hin zu Leitern führender Forschungsinstitute - zusammentraf und dabei den Eindruck gewann, dass wir wirklich prädestiniert sind für einen grünen Aufbruch und alle notwendigen Voraussetzungen für eine grüne Revolution mitbringen". Die Menschen und ihre Begeisterung sind also da, nur "unsere Regierung hat die Märkte nicht so gestaltet, dass sie von sich aus nutzen, was da brodelt".

Eben deshalb empfindet Friedman einen "Riesenärger" und wünscht sich nach dem Vorbild Chinas eine Öko-Diktatur für einen Tag herbei, die vollkommen rücksichtslos das Land mit grünen Gesetzesinitiativen überzieht und endlich die geeigneten Rahmenbedingungen für das Entstehen neuer Technologien und damit auch neuer Arbeitsplätze schafft. Ein willkommener Nebeneffekt der grünen Revolution wäre überdies, dass Amerika seine Abhängigkeit von den erdölexportierenden Ländern im Nahen und Mittleren Osten verlöre und auch nicht länger mit Öl-Diktaturen paktieren müsste. Derart nicht nur technologisch, sondern auch moralisch rehabilitiert, stünden die Vereinigten Staaten wieder für eine neue Mission bereit: die grüne Revolution in die ganze Welt zu tragen.

Ohne religiös-missionarisches Pathos ist in den USA offenkundig keine Politik zu machen. Wobei Friedman allerdings keinen Zweifel daran lässt, dass seine grüne Vision vor allem zum Fromme Amerikas ist: "Wir alle sind heute wieder Pilgrims. Wir alle segeln wieder auf der ,Mayflower'. Wenn wir das nicht einsehen, werden wir bald nur noch eine bedrohte Art unter vielen sein." Bleibt also abzuwarten, in welche Richtung der ökologischen Themen gegenüber durchaus aufgeschlossene Barack Obama in den nächsten Jahren segeln wird. Friedmans Buch jedenfalls strotzt vor Selbst- und Sendungsbewusstsein. Für einen, solchen Gepflogenheiten entwöhnten Europäer kommt das über weite Strecken wie die allzu selbstgefällige, bisweilen aggressive Inszenierung eines Protagonisten des liberalen Establishments daher.

Man kann dies auch eine Spielform des liberalen Imperialismus nennen. Dazu trägt vor allem Friedmans Fokussierung auf die (natürlichen) Ressourcen bei: Moralische Prinzipien kommen bei ihm nie über das Stadium strategischer Erwägungen hinaus und sind deshalb nicht viel mehr als ein Appell ans wohlverstandene Eigeninteresse. Das aber reicht offenbar nicht, wie auch Friedman uns in seinem ironisch-verzweifelten Vorschlag einer Öko-Diktatur für einen Tag zu verstehen gibt. No, we can't! Von einem solchen Amerikaner möchte sich ein Alt-Europäer dann lieber doch nicht retten lassen. Obwohl uns etwas mehr Begeisterung und Leidenschaft für die großen Zukunftsfragen gut anstehen würden.

Thomas L. Friedman: Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert. Übers. v. M. Bischoff, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, 542 Seiten, 24,80 Euro.

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